Die Geschichte eines Flüchtlings aus dem Irak

Integration : Angekommen in der Heimat Krefeld

Ali Barakat Abbas ist Jeside, flüchtete aus dem Irak. Nach einer schweren Zeit ist er wieder mit Frau und Kindern vereint.

Zu bleiben, zum Islam zu konvertieren – das war nie eine Option. Und die Hoffnung, dass sich die Lage in Sindschar wieder normalisieren würde, wurde Barakat Abbas‘ schnell genommen. Denn der IS brachte bis dato unbekanntes Grauen über die Heimat. „Langsam normalisiert sich die Lage dort, aber es wird nie wieder sein wie zuvor“, ist der ehemalige Beamte sich sicher.

„Schnell fiel uns auf, dass Ali
auf jeder Kursliste steht“

Der 36-Jährige, mit seinem jüngeren Bruder geflüchtet, sitzt auf der großen Couch im Wohnzimmer, als er erzählt. Die Sonne scheint ins Fenster, als wolle sie mit aller Kraft die Schatten der Vergangenheit aus dem Leben von Ali Barakat Abbas und seiner Familie verdrängen. „Krefeld fühlt sich für uns immer mehr nach zu Hause an.“ Es liegt sehr viel Zuversicht in seiner Stimme. Er ist dabei, sich all das, was er in Sindschar verlor, am Niederrhein neu aufzubauen: eine Existenz. Ein Leben ohne Angst. Mit seiner Familie. Ende 2016 durften Sohn Alaa (11), die Töchter Alaa (8) und Walaa (3) sowie seine Frau Gawre (36) ihm endlich nach Deutschland folgen. Nachdem sein Asylantrag bewilligt wurde. „Die Zeit ohne sie war furchtbar. Und dann das Nichtstun. Ohne Bleiberecht durfte ich nicht arbeiten. Das hat alles noch verschlimmert“, beschreibt er.

Doch der Iraker ließ sich nicht unterkriegen. Kurzerhand besuchte er alle Deutschkurse, die ehrenamtliche Helfer 2015 mit dem Berufskolleg Vera Beckers organisiert hatten – obwohl er nur einem zugeteilt war. Eine der Initiatorinnen und Lehrerinnen damals war Jenny Latz. „Schnell fiel uns auf, dass Ali auf jeder Kursliste stand“, erinnert sie sich und lacht. Die Einstellung gefiel der Unternehmerin. Mit der Zeit entwickelte sich ein engerer Kontakt. Die Chemie stimmte. Latz und ihr Mann begannen dem Iraker und seinem Bruder zu helfen, wo sie konnten. „Es ist ein großes Glück, dass ich Mama Jenny damals getroffen habe.“ Ali Barakat Abbas hält kurz inne, als müsse er seinen Worten besonderen Nachdruck verleihen. „Ohne sie wäre ich heute sicher nicht an diesem Punkt.“ Mama nennt er sie. Das sagt viel aus über die besondere Verbindung. Und auch Latz ist dankbar: „Wir als kinderloses Paar haben plötzlich eine Familie dazugewonnen. Wir unternehmen viel, machen Ausflüge, kochen zusammen. Es ist toll, zu sehen, wie sich alles positiv entwickelt.“

Hier sind alle Menschen gleich, haben die dieselben Rechte

Der heute 17-Jährige Abbas, Alis Bruder, gehört mittlerweile zu den besten Schülern am Gymnasium Fabritianum. Cousin und Cousine Alaa haben ihre unbeschwerte Kindheit zurück, machen mit großer Freude Karate im Sportverein. Walaa kommt in die Kita, so dass Mama Gawre endlich ihren Deutschkurs machen kann. Und Vater Ali hat schon ein Jahr Ausbildung zum Vermessungstechniker in einem Krefelder Büro hinter sich. „Aber die Fachsprache ist schon schwer“, gibt er zu. Wie so vieles löst Jenny Latz auch das pragmatisch: „Wir machen den Deutschunterricht jetzt immer mit der Ordnung für Vermessungswesen des Landes Nordrhein-Westfalen.“ Und dass Fachwissen noch wichtiger ist, als stets die richtigen Worte zu haben, zeigt ihm sein Berufsschullehrer immer wieder. „Oft darf ich den Mitschülern Sachen beibringen, ich habe den Job ja schon mal im Irak gelernt“, so der Iraker. Das gibt Selbstvertrauen. „Ich hätte aber jede Arbeit gemacht“, fügt er bescheiden hinzu. Doch das kam für Latz nicht infrage. „Warum sollte er nicht machen, was er am liebsten macht?“, fragt sie. Also wurde auch das angepackt.

Die Krefelderin weiß aber auch, dass Flüchtlinge, die keine Hilfe von engagierten Mitmenschen haben, oft ziemlich verloren sind. „Es fängt ja schon mit den ganzen Anträgen bei den Ämtern an. Da hatte ich als Deutsche schon Probleme mit.“ Ihr Schützling hat auch Kontakte zu Flüchtlingen in anderen Städten, wo die Hilfsbereitschaft wesentlich geringer sei. Krefeld biete auch viele Anlaufstellen – wie das Willkommens-Café Sara. „Ich bin sehr stolz auf meine Stadt“, kommentiert Latz das große Engagement. Das alles hilft, sich heimisch zu fühlen - und das Heimweh zu lindern.

Auch wenn das schmerzhafte Gefühl nie ganz verschwinden wird. Sie wollen ihr neues Leben nicht mehr hergeben. Frei sein. „Hier sind alle Menschen gleich. Haben dieselben Rechte – das war selbst vor der Besetzung durch den IS im Irak nicht der Fall“, nennt Barakat Abbas einen grundlegenden Aspekt. Während er das sagt, bleibt sein Blick an einem gerahmten Foto hängen. Es steht im Regal gegenüber vom Sofa und zeigt einen blauen Pfau. „Für uns Jesiden symbolisiert er den Melek Taus. Er ist das Oberhaupt der heiligen Engel und Gottes Stellvertreter auf Erden“, erklärt er. Am Ende steht der Pfau jedoch für etwas, dass weit über den religiösen Glauben hinausgeht. Er steht für das Positive. Für die Annahme, dass nichts verloren ist, auch, wenn alles aussichtslos erscheint. Und er steht für einen unendlich starken Willen – ohne den hätte Ali Barakat Abbas es niemals so weit geschafft.

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