Die Buchen in Krefeld sterben ab

Trockenheitsschäden : Buchen in Krefeld sterben ab

Stadtförster Jens Poschmann spricht im Interview über die gravierenden Folgen der Trockenheit für den Wald in Krefeld. Und er erklärt, warum die Sorgen wachsen.

Es ist trocken. Viel zu trocken. Nach dem vergangenen niederschlagsarmen Sommer bereitet das ebenso niederschlagsarme Frühjahr den Bäumen vor allem in der Vegetationsphase Stress. Besonders der Wald leidet darunter. Die Bodenfeuchte bleibt den Schätzungen nach weit hinter dem vieljährigen Mittelwert zurück. Was das bedeutet für Krefelds grüne Lunge und welche Folgen und Veränderungen sich daraus ergeben können, darüber sprach die WZ mit Stadtförster Jens Poschmann.

Krefeld gilt als grüne Stadt, aber wie viel Waldfläche hat sie tatsächlich und aus welchen Arten setzen sich Krefelds Wälder zusammen?

Jens Poschmann: Krefeld hat 1200 Hektar Wald, 1000 davon gehören der Stadt, der Rest ist privat. 98 Prozent des Waldes besteht aus Laubbäumen, hauptsächlich Rotbuche und Eiche zu jeweils 25 Prozent, gefolgt von Esche, Ahorn, Erle. Insgesamt aus 39 verschiedenen Baumarten. Nur zwei Prozent des Waldes in Krefeld besteht aus Nadelholz.

In welchem Zustand ist der Krefelder Wald?

Poschmann: Als ich im vergangenen August bei der Stadt Krefeld angefangen habe, hatten wir schon die große Trockenheit und alle waren in Sorge, wie sich das auf den Baumbestand auswirken wird.

In wieweit hat die Trockenheit im vergangenen Jahr und in diesem Frühjahr den Bäumen bereits zugesetzt?

Poschmann: Vor allem die Buche und der Bergahorn sind stark betroffen und sterben teilweise ab. Der Laubaustrieb in diesem Jahr ist ziemlich spät; die Bäume brauche sehr viel Wasser für die Blattbildung, damit letztendlich auch die Umwandlung von Kohlendioxid in Sauerstoff funktioniert (Photosynthese). Ich bin froh, dass derzeit keine Hitze herrscht; dadurch können sich die Bäume ein wenig erholen.

Hat es so wenig geregnet?

Poschmann: Es fehlt immer noch an Wasser. Die bisherigen Niederschläge sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein, der fette Landregen fehlt. Wir haben allein für den Monat Mai ein Defizit von 100 Millimeter. Es ist nicht nur die Sonne, sondern auch der starke Wind, der die Böden austrocknet. Deshalb ist nur die obere Erdschicht feucht, in tieferen Schichten ist des pulvertrocken. Vor allem die Fichten als Flachwurzler leiden darunter, nicht so in Krefelds Wäldern, aber in den Privatgärten. Ohne Wasser können sie keinen Harz produzieren und haben keine Abwehrkräfte gegen den Borkenkäfer. Dessen Population ist so groß wie seit 1947 nicht mehr. Ein Käferweibchen kann in einem Jahr durch mehrere Generationen 100 000 Nachkommen produzieren, aber schon 300 reichen aus, damit eine normale Fichte abstirbt. Das ist deutschlandweit ein großes Thema.

Ist das, was wir jetzt erleben, eine Folge des Klimawandels?

Poschmann: Darüber kann man nur spekulieren. Nachweisen kann man allerdings, dass die vergangenen 13 Monate alle wärmer waren, als der Durchschnitt der letzten Jahrzehnte.

Was kann die Stadt im Einzelnen und Deutschland im Ganzen dagegen tun?

Poschmann: In Krefeld sind wir gut aufgestellt durch die Baumarten-Vielfalt, die wir auf gleichen Flächen haben. Kümmert eine Art oder stirbt ab, wachsen andere daneben weiter. Die Verjüngung im Boden, das heißt der Austrieb, macht derzeit noch einen guten Eindruck. Wir müssen schauen, mit welchen Baumarten wir weiter arbeiten. Zum Beispiel sind die Orient-Buche oder die Blumen-Esche eine Alternative. Der Landesbetrieb Wald und Holz NRW hat eine große Versuchsanstalt und testet aus, welche Arten mit dem veränderten Klima hier gut klar kommen.

Werden durch die klimatischen Veränderungen bestimmte Baumarten mit der Zeit denn verschwinden?

Poschmann: Ja. Die Fichte hat am Niederrhein keine Zukunft. Sie passt wegen des Standortes und der klimatischen Bedingungen nicht mehr hierher. Sie braucht viel Wasser und kalte Winter.

Wie werden sich Krefelds Wälder dadurch verändern?

Poschmann: Die Edelkastanie, auch Esskastanie genannt, kommt mit den neuen Bedingungen gut klar. Wir haben am Hülser Berg und im Forstwald bereits etwa fünf Hektar dort stehen. Diese Baumart ist nicht mit der Rosskastanie verwandt, die wiederum durch die Kastanien-Moniiermotte und eine Bakterienerkrankung (Pseudomonas syringae pv. aesculi) schwer geschädigt werden.

Wie lange können Bäume die Trockenheit aushalten?

Poschmann: Das kann man schlecht abschätzen. In Mitteleuropa sind die Bäume es gewöhnt, dass immer wieder Regen fällt. Wenn das aber nicht passiert, kennen sie das nicht, sie sind nicht daran angepasst. Unsere Bäume haben verschiedene Wurzeltypen. Es gibt Flachwurzler, Herz- und Pfahlwurzler. Die Eiche als Tiefwurzler hat bessere Möglichkeiten aus der Tiefe noch Feuchtigkeit zu ziehen als die Buche und die Fichte als Flachwurzler. Es hängt davon ab, wie vital ein Baum ist und wie alt. Die Natur weiß sich schon zu helfen. Wenn aber über Monate kein Regen fällt, kriegen sie große Probleme. Den Wald zusätzlich zu wässern, diese Möglichkeit besteht im Gegensatz zu den Straßenbäumen nicht.

Sie sind beim Kommunalbetrieb beschäftigt. Wofür ist der zuständig, wofür die Stadt?

Poschmann: Der Kommunalbetrieb ist für die Bewirtschaftung des Krefelder Waldes zuständig, während die Flächen weiter der Stadt gehören.

Alarmiert Sie der gerade veröffentlichten Bericht des Weltbiodiversitätsrates zum großen Artensterben in der Tier- und Pflanzenwelt?

Poschmann: Alarmiert? Nein, mich überrascht das Ergebnis nicht, dass eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind, wenn man sich anschaut, wie die Menschheit mit der Natur umgeht, wie verschwenderisch sie mit den Ressourcen ist. In Deutschland sind wir schon durch die große Naturschutz-Lobby und die Umweltverbände sehr sensibilisiert, dennoch fehlt immer noch oftmals das Bewusstsein dafür, dass jeder Naturschutz auch im Kleinen betreiben kann. Wer heute mit dem Auto fährt, sollte sich danach mal seine Windschutzscheibe anschauen, die ist sauber. Das zeigt, dass kaum noch Insekten in der Luft sind. In Krefeld legen wir jedoch viel Wert auf Naturschutz, wir achten im Wald auf Brut- und Höhlenbäume ebenso wie auf Fledermausbrutgebiete.

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