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Krankheit: Diagnose Borderline: Nur mit dem Schmerz fühlt sie sich lebendig

Krankheit : Diagnose Borderline: Nur mit dem Schmerz fühlt sie sich lebendig

Mit 14 Jahren ritzte sich Maria Martins Tochter zum ersten Mal die Arme. Heute ist sie 27 und hat eine Diagnose: Borderline.

Krefeld. Als Maria Martin (Name geändert) ihre Tochter mit zerschnittenem Arm in ihrem Zimmer vor dem Computer findet, ahnt sie nicht, dass das erst der Anfang ist. Zwölf Jahre ist das jetzt her. Damals ist ihre Tochter 14, vielleicht 15 Jahre alt, erinnert sich Maria Martin, wird in der Schule gemobbt und bleibt deshalb oft mit Magenschmerzen und Heulkrämpfen zuhause im Bett. Und dann kommt der Tag, an dem sie sich mit einer Rasierklinge „Pain“ — Schmerz — in den Arm ritzt. „Ich habe mich fürchterlich erschrocken“, erzählt die Mutter.

Sie versorgt die Wunde, packt ihre Tochter ins Auto und fährt mit ihr zum Arzt. „Der hat uns zum Psychotherapeuten geschickt, auf einen Termin mussten wir dreieinhalb Wochen warten.“ Eine Zeit, in der weder sie noch ihr Mann aus Angst, ihre Tochter könnte sich etwas antun, nachts ein Auge zutun.

Immer wieder versuchen sie, mit dem Mädchen zu reden, laufen aber gegen eine Wand. „Sie hat ihre Zeit weiter vor dem PC verbracht, gechattet und gespielt“, erzählt Maria Martin. „Sie war nicht davon zu überzeugen, dass es etwas anderes in ihrem Leben gibt, das Sinn macht.“

Für die Familie beginnt eine Odyssee. In den kommenden Monaten werden sie von einem Arzt zum nächsten geschickt: Psychologen, Kinder- und Jugendpsychiater, keiner weiß, was mit dem Mädchen los ist, keiner stellt eine Diagnose, keiner kann helfen. „Das Allerschlimmste für uns war, dass die Ärzte versucht haben, uns Missbrauch zu unterstellen.“

Dabei habe es in ihrer Familie nie Gewalt gegeben, betont Maria Martin — das habe auch ihre Tochter den Ärzten immer wieder gesagt. „Geglaubt hat uns das keiner. Und als Eltern haben wir nirgends Hilfe bekommen.“ Die Martins fühlen sich alleingelassen, leiden unter Schuldgefühlen — „dabei haben wir alles versucht, um unserem Kind zu helfen“.

Mit 16 kommt die junge Frau aus Krefeld für drei Monate in die Essener Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Ärzte dort stellen eine Diagnose: Persönlichkeitsstörung. Zum ersten Mal bekommt sie eine Therapie, zusammen mit ihrer Familie. Dann wird sie entlassen. Mit einem Rezept für Psychopharmaka — aber ohne ein weiteres Therapieangebot.

„Wir waren auf einmal wieder völlig auf uns alleine gestellt“, erinnert sich Maria Martin. Ihre Tochter habe sich völlig abgekapselt, sei „in die schwarze Szene abgetaucht“. Ab und an geht sie zur Schule, macht sogar die Mittlere Reife. Einen Job fängt sie nie an.

Heute ist Maria Martins Tochter 27. Dass sie seit zwölf Jahren mit Borderline lebt, da ist sich die Mutter inzwischen sicher. „Borderliner beschreiben fast alle eine innere Leere und wiederkehrende, kaum zu ertragende Spannungszustände“, erklärt Dr. Torsten Grüttert, leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie am Krankenhaus Maria Hilf. „Man kann es sich vielleicht wie zehn Tassen Kaffee auf nüchternen Magen vorstellen“, beschreibt Grüttert, „da ist eine innere Unruhe, Druck, Getriebenheit, ein Gefühl, das unbedingt weg muss.“

Ein Borderline-Patient stehe ständig unter Spannung, sei immer in Alarmbereitschaft. Auslöser können belastende Gedanken oder Gefühle sein — „Enttäuschung, Zurückweisung, Kränkung, das Gefühl, den eigenen Körper zu hassen oder die Angst, verlassen zu werden“, zählt Grüttert auf. Einmal auf dem maximalen Spannungsniveau angekommen, „drehen sich dann fünf Karusselle im Kopf, das sorgt für Panik“.

So wie bei ihrer Tochter, sagt Maria Martin. „Sie kann innerhalb einer Minute unter die Decke gehen, sich dann aber selbst nur schwer beruhigen.“ Grund dafür sei eine Störung der Emotionsregulation, erklärt der Facharzt. In „ohrenbetäubender Heavy Metal Musik“ habe ihre Tochter über die Jahre eine Möglichkeit gefunden, „sich wieder herunterzufahren“, erzählt Maria Martin.

Um dieses schier unerträgliche Spannungsgefühl, „die Ohnmacht, das Gefühl ausgeliefert zu sein“ loszuwerden, verletzten sich viele Patienten selbst. „Das ist die schnellste Methode“, sagt Grüttert und erklärt den biologischen Prozess dahinter: „Der Körper schüttet Botenstoffe aus, die spannungslösend wirken.“ Etwa ein Drittel der Patienten spüre dabei überhaupt keinen Schmerz. „Erst wenn sie das Blut laufen sehen, fühlen sie sich wieder lebendig.“

In der Therapie lernen Borderliner, ihre Anspannung zu erkennen und sich ohne selbstzerstörerisches Verhalten zu helfen. Dazu gibt es einfache Mittel: „Man kann an Gummibändern zupfen, Igelbälle kneten, ein saueres Bonbon lutschen oder in eine Chilischote beißen“, erklärt Facharzt Grüttert. Trotzdem: Die Therapie sei sehr anstrengend und für die Patienten mit Frustrationen verbunden. Schließlich sei Borderline nicht bloß „biologisches Schicksal“, sondern häufig auch durch belastende Lebensituationen, wie Gewalterfahrungen ausgelöst.

Maria Martin ist über die psychische Erkrankung ihrer Tochter selbst krank geworden. Denn viel geändert habe sich am Zustand der 27-Jährigen seit der Diagnose Borderline nicht: „Die hockt immer noch zuhause vor dem PC. Und ich versuche seit zwei Jahren, mich nicht dafür verantwortlich zu fühlen.“

Dabei helfen ihr neben einer Therapie auch die Selbsthilfegruppen, die sie in Krefeld, Duisburg und Köln teilweise selbst leitet und der Verein Grenzgänger für Borderline-Patienten und deren Angehörige. Besonders Familienmitglieder fühlten sich häufig völlig allein gelassen, das weiß Maria Martin aus eigener Erfahrung. „Patienten fallen irgendwann auf. Aber für Angehörige gibt es kaum Hilfe.“