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Der schönste Weg in die Stadt

Kolumne Krefelder Frühstück : Darum ist die Absage des Flachsmarkts besonders schade

Guten Morgen, wissen Sie noch was eine Großveranstaltung ist? Ich meine diese Ereignisse, bei denen hunderte Menschen eine schöne Zeit verbringen. Oder im Fall eines KFC-Spiels zumindest dran glauben, dass es schön werden kann.

Bestimmt vermissen Sie so etwas auch. Sei es ein Konzert oder eine Theateraufführung.

Mich macht eine Absage für den Mai besonders traurig. Leider darf auch der Flachsmarkt an Burg Linn in diesem Jahr nicht stattfinden. Nun haben Sie mich in dieser Rubrik sicher nicht als Mittelalter-Freak kennengelernt. Dennoch ist es schade um das Ritter-Fest. Denn die tolle Zeit dort ist für mich die schönste Kindheitserinnerung an Krefeld.

Für mich hat jeder Ort der Kindheit so eine Erinnerung, die bleibt. Manche Städte kommen da freilich besser weg als andere. Köln wird für mich ewig mit dem Schokobrunnen im Schokoladenmuseum verbunden sein – herzlichen Glückwunsch. Mönchengladbach steht für endlos langes Schuhe kaufen an noch endlos längeren Samstagen – schade. Sie merken: Auf dieser Skala von „Schlüpfen Sie doch mal rein“ bis „Noch mehr Schokolade“ kommt Krefeld mit dem Flachsmarkt gut weg.

Jedes Jahr bin ich mit meinen Eltern zu den Linner Rittern geradelt. Schon diese Erfahrung prägt. Wie lange dauert es mit dem Fahrrad vom Elternhaus in Willich bis zur Burg? Bis heute bin ich überzeugt: unendlich lange. Schließlich kam mir die Tour als Kind jedes Mal vor wie eine Weltreise. Das war es mir Jahr für Jahr wert. Schließlich wollte ich unbedingt zu den Rittern.

Die waren über viele Jahre Helden für mich. Matchbox-Autos, Dinos oder Pokémon – jede Begeisterung ging so schnell, wie sie kam. Die Ritter und eine gesunde Abneigung gegen den Sport-Unterricht blieben die Konstanten der jungen Jahre. Linn war dabei die Gelegenheit, die Faszination von Plastikfigürchen in die Wirklichkeit zu übertragen.

Besonders schön ist, dass ich bei der Flachsmarkt-Erinnerung ausschließlich zufriedene Verwandte sehe. „Für die ganze Familie“ ist bei dieser Veranstaltung mehr als eine Werbefloskel. Wenn Sie sich an Ihre Ausflüge dorthin erinnern, kommt Ihnen sicher mehr als Männer in Ritterkostümen in den Sinn. Womöglich sehen Sie die Sonne, die auf die Burg und die umliegenden Wiesen scheint. Dort sind die vielen Stände. Da stehen der Bonbon-, der Pinsel- und der Bürstenmacher. Die Handwerker zeigen, wie sie ihre Ware teils ganz traditionell produzieren. Dass die Eltern den Spaß Jahr für Jahr mitgemacht haben, hat noch einen weiteren Grund. Da bin ich mir mittlerweile sicher. Die Erwachsenen können sich schließlich alle paar Meter durch die Karte eines anderen Standes futtern.

Mein Höhepunkt des Flachsmarktes war stets der Schaukampf der Ritter. Jedes Jahr gab es die gleiche Geschichte. So etwas schadet dem Unterhaltungswert in keinem Fall. Schließlich lachen wir auch jedes Jahr zu Silvester, wenn Butler James über den Tigerkopf stolpert. Auch Fans des Traumschiffs beschweren sich nicht über eine gewisse Kontinuität. In der 293-jährigen Geschichte der Sendung löst der Kapitän jedes Mal rechtzeitig zur Eisbomben-Zeremonie alle Beziehungsprobleme. Dementsprechend schön ist auch die Verlässlichkeit der Ritter in Linn.

Der Ablauf ist mir bis heute präsent: Der Erzbischof und Kurfürst zu Köln, Graf Friedrich von Saarwerden, reitet mit seinen Schergen ein. Auf der weiten Wiese kämpfen die Ritter mit den Schwertern und Schildern um die Herrschaft über Linn. Ein dramatisches Spektakel. Ich hatte am Rand den Impuls, den vermutlich viele kleine Ritter-Fans haben. Am liebsten wäre ich auf den Acker gelaufen, um gegen den bösen Kurfürsten zu kämpfen.

Bis heute bin ich mir daher unsicher, ob meine Mutter jemals den Ritter-Kampf verfolgt hat. Womöglich war sie schlicht Jahr für Jahr damit befasst, mich zurückzuhalten. Vermutlich geht es einigen Eltern und Großeltern unter Ihnen nach wie vor so.

Nun haben wir wichtige Stationen der Flachsmarkt-Tour besprochen. Wissen Sie was noch fehlt? Klar, die Erinnerung für daheim. Wer Ritter gesehen hat, will schließlich zu Hause einer bleiben. Deshalb hat sich über die Jahre ein beträchtliches Arsenal angesammelt. Holz-Schilder, Holz-Schwerter, Holz-Bögen, Holz-Armbrüste, Holz-Lanzen, Holz-Steinschleudern. Die Angebote des Ritterspielzeug-Gewerbes sind mannigfaltig. Ich will nicht behaupten, dass ich alle genutzt habe. Dennoch: Ich habe daheim sicher so viel Zeug hinterlassen, dass meine Eltern mit ihrem eigenen Mittelalter-Shop durchstarten könnten. Auf diesem Weg wünsche ich euch viel Erfolg.

In den letzten Jahren ist die Tradition des Flachsmarkt-Besuchs bei mir ein wenig eingeschlafen. Womöglich bestätige ich mit der Begründung Ihr Klischee. Als junger Mann ordne ich Freizeitaktivitäten selbstverständlich nach dem Wertemaßstab „cool“. Da hatte es der Flachsmarkt zuletzt schwer. Wie soll ich davon jemanden überzeugen? Natürlich könnte ich meinen besten Kumpel fragen: „Hey Timo, gehen wir uns am Wochenende Ritter angucken?“ Die Reaktion kann ich mir ausmalen: „Sind es 22 Stück, die gegen einen Ball treten?“ Mit der Freundin wäre das Unterfangen ähnlich ambitioniert.  „Janis, was machen wir am Wochenende?“ „Ich würde mir gerne Holz-Schwerter ansehen.“ Die Debatte über diesen Vorschlag hat nur einen möglichen Ausgang. Ich gehe mit meiner Meinung ins Gespräch rein und mit ihrer raus. Dennoch: Zufrieden stimmt mich diese Entwicklung nicht.

Wie falsch diese Abkehr vom Flachsmarkt war, hat mir nun die Corona-Absage gezeigt. Als ich davon erfuhr, fand ich das einfach schade. Deshalb steht fest: Wenn der Flachsmarkt im nächsten Jahr wieder öffnet, treffen Sie mich vor Ort. Ich freue mich auf schöne Stunden zwischen den kleinen Läden vor der Burg. Und ich werde auch diesmal nicht auf den Acker laufen, versprochen.