Der Moerser Blick auf Krefeld: Schön war's bei den Nachbarn — aber nur in den Erinnerungen

Der Moerser Blick auf Krefeld: Schön war's bei den Nachbarn — aber nur in den Erinnerungen

Früher war die Samt- und Seidenstadt für junge Menschen aus dem Umland ein Magnet. Von der Wirkung ist nicht viel übrig.

Krefeld/Moers. Das Beste an Krefeld ist der Blick in die Vergangenheit. Rein persönlich, versteht sich. Wer vor vielen Jahren in Moers aufgewachsen ist, dessen Blick kannte in der Jugend nur zwei Richtungen: Gen Osten über den Rhein nach Duisburg, wo es aber immer etwas schmuddelig war. Oder gen Süden nach Krefeld, wo es mondäner, modischer und moderner zuging. Ein besonderes Flair eben. Krefeld war eben die Stadt in der es die besten und größten Geschäfte gab. Eine Stadt, in der man flanieren und genießen konnte. Selbst Fast Food gab es in Krefeld schon, als man in Moers noch ein Hoch auf die Frikadelle sang.

Foto: Bischof, Andreas (abi)

Eine Einkaufspassage wie der Schwanenmarkt war eine Welt für sich. So etwas gab es in Moers nicht, wo eine überdachte Ladenstraße mit kabinengroßen Geschäften schon als Einkaufsparadies galt.

Fakten zu Krefeld. Foto: Andreas Bischof

Und wo konnte das Moerser Kultur-/Kneipen- und Nachtleben Anfang der 1970er Jahre mit Krefeld mithalten? Die heutigen Magneten wie das Internationale Moers Festival oder ComedyArts-Festival steckten ebenso noch in den Kinderschuhen wie die Clubszene. In Krefeld gab es die angesagten Läden. Selbst wenn man die Nacht in Moers durchgemacht hatte — gefrühstückt wurde am Sonntagmorgen am Westwall im Zoozie’s.

Inszenierungen des Krefelder Stadttheaters unter dem Intendanten Joachim Fontheim waren Pflichtveranstaltungen — bis 1975 Holk Freytag mit dem Moerser Schlosstheater zur ernsten Konkurrenz wurde. Und mit dem Wachsen der eigenen Mobilität begann sich auch der Blickwinkel zu weiten. Hinter Krefeld liegt Düsseldorf und dahinter Köln. Es gibt eben immer noch interessantere Städte.

Dabei haben Moers und Krefeld viel gemeinsam — zumindest in der Vergangenheit. Schuld daran sind — wer sonst — die Römer. Im zukünftigen Krefeld bauten sie das Kastell Gelduba, später Gellep. In Moers war es das Lager Asciburgium, der heutige Stadtteil Asberg.

Es vergingen ein paar Jahrhunderte, bevor die beiden unbedeutenden Fleckchen Erde wieder von sich reden machten — womit mehr die namentliche Erwähnung im Archiv der Abtei Werden gemeint ist. Unter der wachsamen Obhut des Erzbistums Köln schafften es die Grafen von Moers, sich als Exklave das südwestlich gelegene Krefeld mit dem Schloss Crakau einzuverleiben.

Aufgrund eines alten Erbvertrages gehörte ihnen in Hüls die sogenannte Papenburg. Weil aber Gräfin Walburga von Neuenahr-Moers, die Witwe des Grafen Adolf, wegen der spanischen Besetzung ihr Erbe nicht antreten konnte, verschenkte sie 1594 die Grafschaft an ihren Neffen, Prinz Moritz von Oranien.

Dass sich in der folgenden Zeit die Mennoniten, darunter Adolf Von der Leyen, in Krefeld niederließen, sollte wirtschaftliche Folgen haben. Schon bald surrten hier die Webstühle, während die Moerser weiterhin beschaulich über ihre Äcker und Felder blickten.

Eine wesentliche wirtschaftliche Chance verpasst hatten die Moerser, als sie sich 1774 gegen das Vorhaben wehrten, auf der Moerser Heide eine Maulbeerplantage zu errichten. Als auch noch ihr Schloss zum Abhaspeln der Pflanzen genutzt werden sollte, war Schluss mit den neumodischen Dingen.

So wurde Krefeld zur Seidenstadt. Friedrich II., der König von Preußen, verlieh der Familie Von der Leyen sogar die Monopolrechte für die Seidenproduktion. Bereits 1768 liefen für die Von der Leyens über 700 Webstühle. Dennoch gab es mit dem Duisburger Fabrikanten Friedrich Wintgens einen Textilunternehmer, der in der Nähe des Schlosses eine Baumwollspinnerei gründete. In der Spitze waren mehr als 200 Menschen dort beschäftigt.

Irgendwie ist seitdem mehr Wirtschaftskraft in Krefeld hängen geblieben. Textilproduktion, Maschinen- und Fahrzeugbau, Edelstahl- sowie Chemieunternehmen, ja selbst britische Streitkräfte haben Krefeld groß gemacht. Aber Größe ist nicht alles. Das eingangs erwähnte Krefelder Flair ist abhanden gekommen.

Dass Moers nur zu einem mittleren Bergbaustandort wurde, erweist sich heute als Glück. Die Vermarktung und neue Nutzung der Bergwerksgelände ist gelungen. Nach dem Ende der Kohleförderung ist die gewerbliche Wirtschaft nun mittelständisch strukturiert.

Mittlerweile ist die Moerser City samt Schlosspark bei den Krefeldern als Einkaufsstadt entdeckt worden. Und, liebe Pinguine-Fans, nicht vergessen: Euer Eishockey-Crack Christian Ehrhoff hat in Moers das Eislaufen und Tore schießen gelernt.

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