Der Krefelder Blick nach Moers: Ein Schloss, ein Hüsch und ganz viel Niederrhein

Der Krefelder Blick nach Moers: Ein Schloss, ein Hüsch und ganz viel Niederrhein

Mit einem breiten Kulturangebot weckte sich die alte Grafenstadt aus dem provinziellen Dornröschenschlaf.

Krefeld/Moers. Was war das doch für ein Aufruhr im Schlosstheater in Moers, Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Intendant Holk Freytag ließ die Besucher der Vorstellung „Die Bacchantinnen“ im Foyer von leicht bis kaum mit Weinblättern bekleideten Damen begrüßen.

Foto: Stadt Moers

Gemeinsam mit seinem Ensemble erregte Freytag in den 70ern und 80ern mit seinem gesellschaftskritischen und experimentellen Theater des Öfteren überregionales Aufsehen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war es vorbei mit dem neckischen Spruch der Moerser Nachbarn: „Moers — niemand stör’es“. Die alte Grafenstadt weckte sich aus dem provinziellen Dornröschenschlaf — lange bevor sich ein echter Grimm-Nachfahre in Moers niederließ.

Fakten zu Moers. Foto: Stadt Moers

Moers bezeichnet sich gerne als charmante oder idyllische „Drehscheibe am Niederrhein“.

Zumindest in Sachen Kultur hat sie wirklich einiges zu bieten — auch wenn Krefeld mehr zu bieten hat.

Neben dem erwähnten Schlosstheater nimmt das „Internationale Moers Festival“ eine große Rolle ein. Das jährliche Pfingsttreffen, das zeitweise aufgrund des Happeningcharakters auch das „Woodstock vom Niederrhein“ genannt wurde, hat sich einen bedeutenden Namen innerhalb der Jazz-Szene erworben.

Doch Woodstock ist lange vorbei, und auch die Stadt Moers kann es sich verständlicherweise nicht finanziell leisten, jedes Jahr den Schlosspark wieder aufzuforsten. Das ehemalige Freiluft-Festival zog nämlich immer mehr Freizeit-Camper an, die keinen Eintritt zahlten, aber die Grünflächen platt walzten. Man stelle sich das einmal im Stadtwald — ähnlich wie der Schlosspark eine citynahe Grüne Lunge — vor. Die lange Geduld der Moerser war schon einzigartig. Die neue Festivalhalle bietet der Veranstaltung jetzt ein anderes Forum.

Wer es komisch mag, ist in der alten Grafenstadt gut aufgehoben. Die meisten der Krefelder Comedians waren noch nicht einmal geboren, da gab es in Moers schon das Folk & Fool-Festival, heute das ComedyArts-Festival und das älteste seiner Art in Deutschland. Von diesem Festival gingen gewaltige Impulse aus. Wer weiß schon, dass sich ein gewisser Herr Uwe Lyko, lange Zeit wohnhaft in Moers und auf dem Festival mit seiner Nonsens Improvisation Company aktiv, nach seinen Umzug ins Ruhrgebiet in Herbert Knebel verwandelt hat. Oder dass Helge Schneider die ersten Bretter, die die Welt bedeuten, in Moers betreten hat.

Wem das nicht genug ist, nutzt — nur im Sommer — das Bettenkamper Meer. Das Naturbad wartet mit Attraktionen auf und sorgt für Wasserspaß bei Jung und Alt. Gleich nebenan befindet sich der Freizeitpark, in dem sich schön spazieren gehen lässt.

Gut, Krefeld hat die Burg Linn. Dafür hat Moers eben ein Schloss, das das älteste bekannte Gebäude in der Stadt ist. Über die frühe Vergangenheit des Schlosses ist heute wenig bekannt, da viele Informationen bezüglich des Baus während des großen Stadtbrands im Jahr 1605 verloren gegangen sind. Das Schloss befindet sich zwischen dem Kastellplatz und dem Stadtpark, aber auch dafür mitten im Zentrum von Moers. Jedes Mal, wenn rund um das Gemäuer Aushubarbeiten für Kanäle oder Schächte anstehen, befürchten die Bauherren das Schlimmste. Man hat schon geheime Fluchtwege, Grotten und anderes gefunden — viel Historie eben.

Wer abends nett ausgehen will, hat im kompakten und schön sanierten Bereich in der Innenstadt um die Steinstraße herum viele Möglichkeiten. Dort reihen sich Restaurant an Kneipe und umgekehrt. Vor allem an schönen Sommertagen sind dort die Stühle gut besetzt. Das könnten sich die Krefelder Stadtväter einmal ansehen. Aber Vorsicht: So schön sieht es nur aus, weil im Zweiten Weltkrieg so viel kaputt gegangen ist.

Und dann hat Moers noch ein bekanntes Kind hervorgebracht: Hanns Dieter Hüsch. Das „schwarze Schaf“ vom Niederrhein war Kabarettist, Schriftsteller, Kinderbuchautor, Schauspieler, Liedermacher, Synchronsprecher und Rundfunkmoderator. Hüsch guckte wie kein anderer dem Niederrheiner aufs Maul und machte keinen Unterschied, ob wohl ein Moerser oder Krefelder der bessere Niederrheiner ist.

Trotzdem — ein wenig neidisch müssten Krefelder auf Moers doch schon sein. Seine typischen Geschichten könnten zwar auch in der Seidenstadt spielen, tun sie aber dann doch nicht. Moers scheint doch ein wenig mehr niederrheinisch zu sein.

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