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Das Leben in einem Denkmal

Das Leben in einem Denkmal

Das Ehepaar Thomas hat in der Linner Altstadt durch viel Sammelleidenschaft ein privates Museum erschaffen.

Linn. Einmal fest zudrücken bewirkt bei der tannengrün lackierten Holztür herzlich wenig, man muss sie schon schwungvoll ins Schloss schmettern. Es knallt einmal, dann ist sie zu, und wir mittendrin in Peter und Aloysia Thomas’ hübschen Fachwerkhaus, dem man von Außen noch nicht ansieht, was einen im Inneren erwartet: Ein kleines Museum, in dem es in jedem noch so kleinen Winkel etwas zu entdecken gibt, eine Schatztruhe, die leidenschaftliche Sammler und Ordnungsfanatiker wohl gleichermaßen um den Verstand bringt.

Das Leben in einem Denkmal

Peter Thomas und seine Frau leben nicht nur in einem Denkmal in der Linner Altstadt, sondern auch in einem Haus, „das durch eine ungezügelte Sammellust meinerseits geprägt ist“, sagt der 74-Jährige. Und das ist nicht übertrieben. Auf den zwei breiten Fensterbänken im Wohnzimmer reihen sich Glasflaschen — für Likör, Öle, andere sahen wohl immer nur schön aus — die Mauer dahinter verschwindet hinter einer undurchdringlichen Bücherwand.

Das Leben in einem Denkmal
Foto: Andreas Bischof

Eine Etage darüber ist das Fernsehzimmer, in dem noch der schneidende Geruch von Thomas’ letzter Pfeife in der Luft hängt. Im Zimmer daneben baumeln getrocknete Blumensträuße neben Lampen aus einer längst vergangenen Zeit von der Decke. Die Treppe wieder hinunter, führt der Weg durch die Diele entlang einer kleinen, düsteren Horst Janssen Galerie. Auf dem Boden unter den Zeichnungen stapeln sich ein paar Ziegelsteine, Überbleibsel gotischer Kirchen, erklärt Thomas. Blaue Fliege, die runde Brille mit Goldrand: Der 74-jährige pensionierte Leiter der ehemaligen Krefelder Kinderklinik lebt die Rolle des Führers durch sein privates Museum. Gut möglich, dass auch das die Entscheider der Unteren Denkmalbehörde vor inzwischen sieben Jahren davon überzeugte, dem Ehepaar Thomas den Denkmalpreis der Stadt zu verleihen. „In so einem Haus muss man wohnen wollen“, sagt Peter Thomas. „Es steckt voller Schwierigkeiten“, die er und seine Frau seit mehr als 30 Jahren lieber als Herausforderungen betrachten. „Seitdem wir uns für dieses Haus entschieden haben, leben wir in ihm und mit ihm und identifizieren uns mit diesem speziellen Denkmal.“ Da ist der Staub, der immer irgendwo rieselt, „als Bewohner muss man das tolerieren und ertragen“. Genauso wie die Ratten, die sich auf dem Dachboden für seinen Geschmack seit Jahren etwas zu wohl fühlen, sagt Thomas.

Peter Thomas

Und dann Wärme und Kälte, denn das Haus an der Margartenstraße ist nicht isoliert. Die Jahreszeiten erlebt man hier unmittelbar. „Wir heizen jetzt im Winter nur da, wo wir uns aufhalten.“ Im Sommer ist es dafür im Wohnzimmer angenehm kühl — und auf dem Dachboden so heiß wie draußen.

Gewiss, die Lebensbedingungen haben sich seit Aloysia und Peter Thomas’ Einzug im Jahr 1981 verändert: Heute ist es für den 74-Jährigen eine Herausforderung, die schmalen Holztreppen herunter zu laufen. Und Treppen gibt’s in dem Fachwerkhaus mit den rot angestrichenen Fensterrahmen viele. Damals war es der fast schon waghalsige Traum, das Gebäude von 1665 in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. „Eine große Baufirma hatte uns damals in einem Gutachten dazu geraten, das Haus zu entkernen. Aber dann hätten wir es auch wegwerfen können“, sagt Thomas.

Stattdessen fing er bei der tief abgehängten Decke im Wohnzimmer an, und ließ die zu einer Kölner Decke — einer Konstruktion aus Deckenbalken und den darüber liegenden Dielen, die vollständig von Putz überzogen ist — umbauen. Als es im Esszimmer eines Tages von der Decke auf den Tisch tropfte, machte er sich auf die Suche nach dem Problem — und entdeckte die ursprüngliche Bausubstanz des Gebäudes wieder: Unter mehreren Deckenschichten kamen Balken zum Vorschein, die heute den Raum schmücken. Wie ein Archäologe über ein seltenes Ausgrabungsfundstück habe er sich über das wunderschöne Fachwerk gefreut, das da zu Tage kam.

In all den Jahren habe es ihnen gar nicht genug Denkmal sein können. „Es war fürchterlich am Anfang“, sagt Thomas mehr als 30 Jahre später. Der Ekel vor den „grässlichen Linoleumvorläufern auf dem Boden“ ist dem 74-Jährigen noch heute vom Gesicht abzulesen. Jetzt liegen dort alte Tonziegel aus Belgien, „die uns Freunde überlassen haben und die dort schon immer liegen könnten“.

Ziel der vorherigen Bewohner sei es gewesen, aus dem alten Haus ein neues zu machen. „Unmöglich“, sagt Thomas. „Es bleibt immer schief und buckelig.“ Schlimmer: „Der Charme des alten Hauses war ruiniert.“ Allerdings: „Den Boden zu machen, das war schrecklicher, als wir es uns vorgestellt hatten — alles musste raus“, erinnert er sich. Steine und Muscheln, die rostigen Schlüssel, Straßen- und Emailleschilder — Kartons über Kartons, als würde der halbe Mississippi-Dampfer umziehen.

Noch so eine Herausforderung, die Peter und Aloysia Thomas, auch mit der Hilfe von Christoph Reichmann, dem ehemaligen Museumsleiter von Burg Linn, gemeistert haben. Wer ihnen aber bei ihrer derzeit größten Sorge helfen kann, ist noch ungewiss, sagt der 74-Jährige: „Was wird nach unserem Tod mit dem Haus?“ In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Denkmalpreises 2010 sagte Thomas: „Wir wissen nicht, ob wir mit unserem Haus wirklich den Preis verdient haben. Aber der Preis ist an Leute gegangen, die ganz viel Lust und Freude an ihrem betagten Gemäuer haben. Man darf sich nicht von den Schwierigkeiten einschüchtern lassen, sondern sie als Herausforderungen sehen. Dann, und ich möchte sagen, nur dann, kann sich eine Liebesbeziehung entwickeln.“