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Das Krefelder Café wird 40: Vom Billardzimmer zur Seele der Stadt

Das Krefelder Café wird 40 : Vom Billardzimmer zur Seele Krefelds

40 Jahre gibt es „Das Café“ – ein Hommage an das Lokal vom Krefelder Poetry Slammer Johannes Floehr.

„In welchem denn?“, fragen ortsunkundige Freunde gerne nach, wenn ich ihnen vorschlage, man könne sich doch auf ein Heißgetränk im Café treffen. Pff, in welchem denn! Na, in dem Café. Das einfach nur „Café“ heißt. In der Südstadt. An der Tannenstraße, Hausnummer 147. Ach so, das Café! Besser kann man ein Bistro nicht nennen, da weiß man direkt Bescheid. Das ist da, wo sich alle tummeln. Wirklich alle: Kulturschaffende, Studierende, Lehrer, Arbeitslose, Professoren und – Obacht, komisches, aber passendes Wort – Lebenskünstler. Hier gibt es regelmäßig Kunstaustellungen, Tatort-Abende und belegte Brötchen. „Das Café ist deine Mutter“ sagt man, warum auch immer. Erstmal ein Blick zurück.

Ich hätte aufmerksamer zuhören können in den letzten Jahren, wann immer man mir von der Historie des Cafés berichtet hat. Für diesen Text hätte ich auch einfach noch mal nachfragen können bei den Akteuren. Aber vielleicht passt es viel besser zur Lokalität, wenn ich aus dem Gedächtnis versuche, die Café-Geschichte zu rekonstruieren. Was ich noch so vom Hörensagen weiß. Oder von der Speisekarte. Dort ist nämlich zu lesen, dass das Café früher einmal das Billardzimmer der danebenliegenden Gaststätte Tannenhöhe war. Vor rund einhundert Jahren. Indirekt gehören beide Lokalitäten immer noch zusammen. Viele Gäste wandern abends vom Café direkt in die Tanne oder umgekehrt, je nachdem. Es gab Tage, da bin ich zum Frühstücken ins Café geschlendert, habe mich verquatscht, dann war plötzlich Nachmittag, ein Stückchen Kuchen, huch, die Sonne ist untergegangen und dann rüber in die Tanne, Bierchen trinken und beim Tischfußball gegen die verlieren, die nicht nur oft, sondern immer da sind. Psst, Geheimtipp: Wenn man abends lange genug in der Tanne verweilt, bekommt man an der Theke manchmal die nicht-verkauften Brötchen aus dem Café angeboten, für lau. Gerade im Sommer ist es aber viel schöner, einfach vorm Café sitzen zu bleiben, in einer Art urbanem Biergarten. Wenn man vor dem Café herumlungern und Bierchen trinken kann.

Poetry Slammer Johannes Floehr war Stammgast im „Café“ und hat zum 40. Geburtstag des Bistros einen Text für die WZ verfasst Foto: Jochmann, Dirk (dj)

Nachdem es als Billardzimmer ausgedient hatte, wurde zunächst eine Konditorei aus dem heutigen Café, bis im Jahr 1980 ein Kollektiv aus den Studentinnen Heidi Matthias, Petra Bleckmann und Conny Schmidt sowie Uwe Winkler, Keramiker und damaliger Werkstattleiter der Fachhochschule Niederrhein, als Mieter einzogen. Genauer gesagt, im November 1980. Wir befinden uns also im Geburtstagsmonat und anlässlich dessen entstand auch dieser Text. 40 Jahre! Hurra und Glückwunsch! Vom Geburtstag erfahren habe ich, im Hamburger Exil lebend, erst über die Facebook-Gruppe des Cafés. Sagt übrigens auch viel aus darüber, dass wir hier nicht von einem ganz normalen kleinen Bistro sprechen: Dass es im Internet so eine Plauder-Plattform für die Stammgäste überhaupt gibt. Über vierhundert Menschen veröffentlichen dort regelmäßig Fotos von ihrem Café-Besuch oder werden informiert, welchen neuen Whiskey Café-Koryphäe Steven Hein für die Gäste seiner abendlichen Schicht ins Regal gestellt hat. Apropos Steven. Steven war vor schätzungsweise acht Jahren auch der Erste der Belegschaft, den ich übers Café kennenlernte. Er ist ein ausgewiesener Musikfachmann und über seine Bands Pavallion und N-1 auch über die Südstadt hinaus bekannt. Im Café läuft vor allem bei seinen Schichten nicht einfach irgendein Dudelradiosender oder „irgendwas“, sondern handverlesene Musik. Einmal spielte er einen Song des relativ unbekannten kanadischen Musikers Chad VanGaalen und darüber kamen wir dann ins Gespräch: Ach, hörst du den auch gerne? Ein paar Jahre später waren wir dann gewissermaßen ein DJ-Duo und hatten im ehemaligen Magnapop eine eigene, sehr gute Indie-Disco-Reihe mit dem Namen „Floehr & Hein“, die es ohne das Café so garantiert nie gegeben hätte.

Was, behaupte ich mal, für viele Projekte, Bands und Zusammenarbeiten gilt. Aufgrund des geringen Platzangebotes von vielleicht zwanzig, dreißig Sitzplätzen an fünf Tischen wird man zwangsläufig mal neben irgendwem sitzen, den man nicht kennt und folgerichtig dann eben kennenlernt. Wenn man will. Ich möchte das kleine Lokal nicht überhöhen, aber ich meine es so, wie ich es schreibe: Das Café mit all seinen Facetten und Menschen ist das, was Krefeld ausmacht. Hier wohnt die Seele der Stadt und entwickelt sich. Keine Systemgastronomie mit per Arbeitsvertrag zum Dauerlächeln verdammten Mitarbeitern, sondern Leute, die mal gute Tage haben und mal schlechte. Menschen eben, eigenwillige, aber sympathische Charaktere. Am Dienstag gibt es Erbsenpüree und am Freitag Gulasch, vielleicht, die Tagesgerichte wechseln und schmecken in der Regel gut. Und wenn was aus ist, ist eben aus. Dann wischt Chefin Kerstin Diekers das entsprechende Gericht von der Speisekarte, samt launigem Spruch. Das Café treibt voran, das Café inspiriert. Was man schon daran sieht, wie Stammgäste des Cafés mit dem pragmatischsten Namen der Welt ihre eigenen Werke benennen: Die Krefelder Band Provinztheater nannte ihr erstes Album „Tonträger“ und ich meine erste Buchveröffentlichung „Buch“. Logisch.

Im Internet konnte man Bilder sehen, wie Stammgäste das Café, das man derzeit aufgrund der Situation nicht betreten darf, zum Vierzigsten außen geschmückt haben, mit Glückwünschen und Girlanden. Der Comiczeichner Jari Banas, selbst 25 Jahre lang hinter der Café-Theke, hat ein Geburtstags-Shirt entworfen. Darauf zu sehen ist ein älterer Café-Gast der, durch einen Rollatoren gestützt, „ein püriertes Eierteil mit’m Trinkhalm“ bestellt. Doch von hinter der Theke wird er abgewiesen: „Plastik geht hier nicht über die Theke, du kriegst dein Eierteil in der Schnabeltasse!“. Viele Stammgäste sind älter als das Café, aber am Puls der Zeit sind sie trotzdem. Und ein Eierteil, das muss man vielleicht auch erklären, ist im Grunde einfach ein halbes Brötchen mit, nun ja, Ei. Das Eierteil ist ein Running Gag und Grundnahrungsmittel. Es gibt da sicher eine spannende Entstehungsgeschichte zu und ich wette, ich habe sie auch schon gehört. Steven hat sie mir bestimmt mal erzählt oder Kim oder Kerstin oder Sandra oder Carsten oder Ulrike oder Malte oder Stefan oder Waldo oder Marit oder Jan oder Luke oder Elif oder Harry oder Joachim oder Jenny oder Marit oder Norbert oder Sonja von Thomas oder Markus oder Martin oder Gabor oder Lena oder Jan Schmidt oder Brillo oder Piet oder Patrick oder einer dieser vielen anderen regelmäßig ins Café flanierenden Menschen, deren Namen ich nicht kenne, obwohl man sich dort schon fünfzig Mal begegnet ist und ach, ist ja auch egal, Prost.

Aktuell aber gibt es kein Prost im Café. Dort ist es ruhig und leer. Kein Tatort-Abend, keine handverlesene Musik, keine Eierteile und niemand fragt nach dem Wlan-Passwort, das soweit ich zurückdenken kann, seit Jahren dasselbe ist. Das alles ist bitter, aber was soll man tun außer sich dann eben freuen auf den Tag, an dem man sich wieder mit Volker um die Tageszeitung streitet, während Kerstin den Kaffee durch den Filter jagt und Kim in der Pfanne ein Rührei zaubert? Hilft ja nix. Über die Internetplattform „Bierchen online“ kann man wenigstens einen kleinen Geburtstagsgruß in Form einer kleinen Spende dalassen. Damit das Café bleibt. Der Ort, an dem ich gelabert und gelacht habe, gefrühstückt, gesoffen, an Karneval auf der Theke getanzt (aus Versehen!), hier habe ich Ideen gehabt und wieder verworfen, Mittagshappen zu mir genommen, Kreuzworträtsel gelöst, Menschen kennengelernt, Weine probiert (teilweise mehrfach), mich und die Zeit vergessen, Texte geschrieben und E-Mails in den Computer getippt, hier habe ich Krefeld von seiner besten und lebendigsten Seite erlebt und auf dem Herrenklo klebt, wenn ihn noch niemand abgeknibbelt hat, ein Aufkleber von mir. Das Café ist deine Mutter. So sagt man. Warum auch immer. Wahrscheinlich, weil es stimmt.