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Jugendarbeit: Das Jojo ist ein Stück Heimat

Jugendarbeit : Das Jojo ist ein Stück Heimat

Die Jugendarbeit in Uerdingen und Gellep hat in der WZ-Umfrage nur mittelmäßige Noten bekommen. Eine Momentaufnahme aus dem Uerdinger Jugendhaus am Lübecker Weg.

Krefeld. Die dunklen Ledersofas sind durchgesessen und abgewetzt. Sie tragen die Spuren der jungen Menschen, die täglich auf ihnen lümmeln, abhängen, toben, Gespräche über Gott und die Welt, über Ärger mit den Eltern und in der Schule führen. Auf ihnen wird geknutscht, gestritten, herumgesprungen. Und genauso soll es sein.

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Logo Krefeld hautnah Foto: Andreas Bischof

Die offene Kinder- und Jugendarbeit im Jugendhaus Jojo ist über Jahre gewachsen. Seit 25 Jahren ist sie fester Bestandteil in Uerdingen, seit nunmehr zehn am Lübecker Weg. „So 200 junge Leute kommen in der Woche her, vor allem Stammbesucher“, sagt Sozialpädagoge und Einrichtungsleiter Felix Bünzel. In den Wintermonaten seien es sicher noch einmal gut 100 mehr. Langweilig wird es zwischen Wasserbombenschlachten, Fußball-Turnieren an der Playstation und auf dem Platz, Kickern und Kochkursen im Jojo nicht. Trotzdem: In der großen WZ-Fragebogen-Aktion geben die Uerdinger den Angeboten für Jugendliche in ihrem Stadtteil nur mittelmäßige Noten (Schulnote 3,1) — in Gellep-Stratum sieht es der Umfrage nach ganz düster für junge Menschen aus: Schulnote 4,4. Eine Momentaufnahme:

Jugendarbeit: Das Jojo ist ein Stück Heimat

Da sitzt Marvin auf dem Sofa. Ganz freiwillig war sein erster Besuch in der Jugendeinrichtung am Lübecker Weg nicht. „Ich musste hier Sozialstunden machen“, erzählt der 16-Jährige ein bisschen beschämt. „Dann hat es ihm so gut gefallen, dass er einfach geblieben ist“, sagt Felix Bünzel und Marvin nickt. „Das ist hier Familie für mich.“

Lukas (16), Besucher

Marvin gegenüber sitzt Sila auf der Couch. Die 23-jährige Sozialwissenschaftsstudentin macht schon ihr zweites Praktikum im Jojo — und fährt dafür jeden Tag aus der Innenstadt nach Uerdingen. „45 Minuten brauche ich dafür, aber ich mache das gerne. Ich fühle mich hier wohl, die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist einfach das Richtige für mich.“

Lukas ist im Jojo groß geworden. „Ich bin schon als Kind hierher gekommen“, erzählt der 16-Jährige. „Hier ist es nie langweilig. Und man kann über andere Dinge reden als zuhause.“ Jungs und Mädels wie Lukas gibt es in der Jugendeinrichtung einige. „Viele kommen mit zehn, elf, zwölf Jahren hierher und werden dann im Haus groß“, erzählt Bünzel. „Wenn Jugendliche ins Berufsleben einsteigen, nabeln sie sich ab. Dann kommen Neue nach.“ Darum sei der Altersschnitt am Lübecker Weg auch immer in Bewegung.

Grundsatz der offenen Jugendarbeit sei die Freiwilligkeit, betont der Sozialpädagoge, „niemand muss zum Jojo kommen, die jungen Leute können kommen und gehen, wann es ihnen passt“. Das Angebot im Jugendhaus richte sich nach den Wünschen der Besucher. Koch- oder Tanzkurse gehen immer. „Es gab eine Phase, da standen die Breakdancer bis auf die Straße Schlange“, erinnert sich Bünzel. Natürlich gebe es auch informelle Treffpunkte für Jugendliche, „an der Kirche St. Heinrich, die Ruine am Rhein oder der Stadtpark“, zählt er auf. „Wir stehen in Konkurrenz dazu, weil wir ein pädagogischer Raum sind, in dem Themen besprochen werden können, die Kinder und Jugendliche zuhause vielleicht nicht bereden wollen.“ Ein pädagogischer Raum, in dem es aber auch Regeln und No-Gos gibt. Rauchen ist eines davon, betont Felix Bünzel, der Leitspruch „Wer raucht, der geht“ im Jojo Gesetz.

Dass die Angebote für Jugendliche in der WZ-Umfrage bloß befriedigend abschneiden, können die Besucher im Jojo nicht verstehen. „Bis auf die Tatsache, dass die Skaterbahn seit einem halben Jahr nicht gemacht wird, ist hier alles gut“, findet Lukas. Wenn er einen Wunsch frei hätte, dann wäre ein Parcours am Rhein oder am Elfrather See nicht schlecht, findet Marvin.

Anders als in Gellep-Stratum hätten die Jugendlichen in der Rheinstadt eigentlich wenig Grund zur Langeweile, glaubt auch Johan Crasemann. Seit Jahren engagiert er sich ehrenamtlich im Verein „Unterstützer der Jugendarbeit in Uerdingen“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die offene Jugendarbeit im Jojo finanziell und pädagogisch zu fördern. Crasemann hat in dieser Zeit auch immer wieder über den Tellerrand, ’rüber zu den anderen Stadtteilen, geblickt. „Die Jugendarbeit in St. Andreas gibt es seit mehreren Jahren nicht mehr. Die Gemeinde hatte keine Leute mehr, die sich dafür engagieren wollten“, bedauert er. „Seitdem findet in Gellep-Stratum gar nichts mehr statt. Ich finde das sehr schade, es ist ein Angebot, das Jugendliche auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben sehr gut gebrauchen könnten — wenn es mit entsprechender pädagogischer Kompetenz aufgebaut ist.“

Es geht um Werte, „die Jugendlichen können lernen, vernünftig miteinander umzugehen, wie sie sich in einer größeren Gruppe bewegen und ihre Meinung vertreten können“, erklärt Crasemann. Im Jugendhaus Jojo in Uerdingen funktioniere das seit vielen Jahren — auch dank Felix Bünzel, dessen Stelle als Sozialpädagoge die Stadt neben der Miete am Lübecker Weg finanziert. Bünzel: „Ziel ist es, dass die Jugendlichen hier fürs Leben lernen — ohne es zu merken.“