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Das ist die (vermutlich) einsamste Bank Krefelds

Spezial zur Kölner Straße : Das ist die (vermutlich) einsamste Bank Krefelds

Unser Autor hat sie gefunden: Die wohl einsamste Sitzbank Krefelds. Und er lässt sie erzählen - von Menschen, die plötzlich Masken tragen und dem Wunder des Lebens zwischen Kreisverkehr und A44.

Immerzu wollt Ihr Menschen etwas Erbauliches hören. Doch etwas Erbauliches habe ich nicht zu erzählen. Eines Tages stellten sie mich, eine Holzbank in jungen Jahren, dorthin, wo niemand eine Bank erwartet. An den Radweg am Ende der Kölner Straße zwischen Kreisverkehr und Autobahnbrücke. Mindestens in den Fischelner Stadtpark hatte ich gewollt, aber dafür war ich offenbar schon damals nicht lebensbejahend genug. Nun knallt mir die Sonne meist von schräg hinten in den Rücken, die Bäume werfen ihre Schatten meist auf die Straße. Wenn der Wind Abkühlung bringt, denke ich schon daran, wie er im Winter eisig weht.

Zu sehen gibt es hier nichts. Vor mir die Straße, dahinter die Felder, dahinter die Gebäude eines Reiterhofs, dahinter Hochspannungsleitungen. Ab und zu entdecke ich ein Pferd, bloß mag ich keine Pferde. Überall haben sie Hecken installiert, Hecken, Hecken, Hecken. Links ein Neubaugebiet für alle, die es zu ein wenig mehr als ich gebracht haben.

Menschen begegne ich selten. Die große Rast machen die Radfahrer anderswo, nicht einmal einen Mülleimer hat man mir zur Seite gestellt. Ich stehe außerdem so nah am Radweg, dass man nicht die Beine ausstrecken kann, ohne andere Radfahrer zu verärgern. Zigaretten rauchen sie hier, essen mal eine Portion Pommes und lassen das Ketchup-Tütchen dann ins Gras fallen.

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In den besten Momenten ist das Rauschen der Blätter am lautesten, aber meist braust dann doch wieder ein Auto heran. Dann habe ich für weniger als eine Sekunde Einblick in das Leben der Menschen. Sie sitzen in ihren Maschinen, der Ernst der Maschinen geht auf sie über. Keiner lacht beim Autofahren. Lachen die Menschen überhaupt? Ich weiß, auch ich lache nie, aber es sehnt mich gelegentlich nach einem freundlichen Gesicht. Seit dieser Woche tragen einige von ihnen einen Mundschutz. Damit wollen sie vermutlich verbergen, dass sie nie lachen. Selten blicken sie zu mir herüber. Wenn es doch passiert, freue ich mich kurz, bis mir einfällt, dass sie zu der Person schauen, die auf mir sitzt.

Nachts, wenn der Schlaf mich übergeht, quält mich die Frage, welchen Zweck ich hier erfülle. Bin ich bloß Anlass für die Zigarettenpause von Leuten, die mit dem Hund die etwas größere Runde gehen? Wäre ich eine vom Gemüt her anders gelagerte Bank, ich behauptete, die Leute sehen, wenn sie auf mir sitzen, wie monoton das Leben sein kann, wenn man sich nicht bemüht. Oder im Gegenteil, dass das Spektakuläre im Unspektakulären liegt, mehr Wunder des Lebens zwischen Kreisverkehr und Autobahnbrücke als Menschen auf der Erde. Ich halte so ein Geschwätz für das Geschäftsmodell professioneller Lebensbejaher, mit dem sie den Leuten noch 119,99 Euro für irgendwelche Kurse aus den Rippen leiern. Vor mir hat jemand mit weißer Farbe „43.“ auf den Radweg gesprüht. Irgendwas wird es damit schon auf sich haben. Ich glaube fest an „43.“. Aber auch nur daran.

Einmal fragte mich ein Radfahrer, ob ich mich nicht nach der Welt sehne jenseits der Autobahnbrücke. Ich wollte ihm erzählen von den Träumen, die ich manchmal habe. Von einem Transporter, der mich früh morgens abholt, stundenlang spüre ich nur das Rattern über den Asphalt, dann hält der Wagen, ich werde ausgeladen, und plötzlich sehe ich das Meer. Doch dann sagte ich nur: „Die Erde ist rund. Jenseits der Autobahnbrücke ist doch genau genommen auch schon wieder diesseits der Autobahnbrücke.“

Ihr wolltet doch etwas Erbauliches hören.

Protokoll: Sebastian Dalkowski