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Das Geheimnis des Krefelder Stadtschlösschens ist sein Name

Am Südwall in Krefeld : Das Geheimnis des Stadtschlösschens

Das doppelte Wohn- und Geschäftshaus aus dem Jahr 1870 am Südwall 37-39 hat eine bewegte Geschichte.

Der Name „Stadtschlösschen“ ist nur wenigen bekannt. Dafür haben viele, vor allem ältere Krefelder den Namen des Möbelgeschäftes in der Elst vor Augen, wenn sie das Häuserensemble 37-39 am Südwall sehen. Über viele Jahre war das der Stammsitz des Krefelder Familienunternehmens. „Diese Doppelhaus-Bebauung aus dem Jahr 1870 gehört zu den prägenden Elementen der vier Wälle“, betonte Veit Berroth von der Krefelder Denkmalpflege bei einem Rundgang über den Südwall im Jahr 2008 mit der Autorin. Die German Real Estate Corporation GmbH (kurz GRC), ein Essener Unternehmen, hat im April des vergangenen Jahres kurz vor der Zwangsversteigerung dieser und weiterer Immobilien das Portfolio von einer Erbengemeinschaft gekauft. Zeitzeugen haben sich aufgrund der aktuellen Berichterstattung bei unserer Redaktion gemeldet: Ein Blick zurück.

Das Café Cosmopolit war ursprünglich ein Lagerhaus

Das seit einigen Jahren leerstehende Geschäftshaus gehört zu insgesamt elf Immobilien, die ein verstorbener Kölner Gastronom seiner Familie hinterlassen hat. Darunter auch, bis auf das Haus Südwall Nr. 40, das noch heute im Eigentum der Familie in der Elst ist, die anderen Immobilien rund um den Südwall.

Dazu zählen auch die Häuser 5-7 an der Lindenstraße, die gebaut um die Jahrhundertwende als Kaffeehandlung, später dann als Fuhrpark und Lager der Möbelmanufaktur „in der Elst“ gedient haben. Heute ist im hinteren Gebäudeteil das Café Cosmopolit untergebracht. „Die großen Türen, die Industriesäulen, die Höhe des großen Raumes und die Kappendecke erinnern noch an die Nutzung als Lagerhaus“, sagt Pächterin Vera Goossens, die die Gastronomie seit 2007 an dem Ort betreibt.

„Im ‚Stadtschlösschen’ habe ich als Kind mit meinen Eltern im 1. Obergeschoss gewohnt, meine Großeltern im 2.Obergeschoss und im 3. Obergeschoss wohnte meine Urgroßmutter“, erinnert sich Theodor in der Elst. Seinem Vater haben die Immobilien bis Ende der 1980er Jahre gehört. Der habe sie seinerzeit schrittweise an den Kölner Investor verkauft.

Von dem Namen „Stadtschlösschen“ hat Theodor in der Elst jedoch erst aus der Zeitung erfahren. Der Name soll von einem von der Erbengemeinschaft beauftragten Makler kreiert worden sein, weil das klangvoller war ein doppeltes, ehemaliges Geschäftshaus.

Wer der Bauherr des Gebäudeensembles 1870 gewesen ist, ist nicht überliefert. „1928 – ich habe leider kein älteres Adressbuch zur Hand – gehörten die beiden Häuser Südwall 37 und 39 einer Firma Gebr. Drahten & Co., die stellten Berufskleidung her“, erzählt Krefeld Kenner Wolfgang Rixen.

„Meine Großeltern Heinrich und Therese Brandt waren wohl die ersten Mieter in dem Gebäude“, erzählt Enkel Renè Lefebvre. Bereits mit 24 Jahren eröffnete Heinrich Brandt, ein gebürtiger Düsseldorfer, im Jahr 1931 seinen ersten Blumenladen auf dem Westwall in Krefeld. Nach einem Monat zog der engagierte Florist „der besseren Lage wegen“ zum Südwall um, ist nachzulesen zum Goldenen Firmenjubiläum 1981 in der Krefelder WZ. Ein Foto aus dem Jahr 1936 auf der Internetseite von HyTro-Studio, Geschäftsinhaber ist René Lefebvre, bebildert die Historie des Familienunternehmens Blumen Brandt. Damals war das Haus noch in Weiß gestrichen, doch die Schaufenster, der Hauseingang mit Rundbogen und die Erker geben noch heute dem Gebäude seine markante Ansicht.

„Meine Großeltern wohnten dahinter Lindenstraße Ecke Wallstraße, auch noch, nachdem die Familie in der Elst dort eingezogen war. Da es dort eine direkte Verbindung von der Wohnung zum Geschäft gab, habe ich mal als Kleinstkind in der Ausstellung von Möbel in der Elst in einem Bett geschlafen. Es bildete sich vor dem Fenster eine Menschentraube“, erinnert sich Lefebrve. So eine Episode vergisst man auch als Erwachsener nicht.

Der Firmengründer von Möbel in der Elst, Theodor in der Elst (Jahrgang 1905) begann 1933 zunächst mit einer Polsterwerkstatt an der Wallstraße. Schon kurze Zeit später kaufte er das im Stil des Klassizismus’ 1870 erbaute Doppelhaus am Südwall 37-39, in dem das Blumengeschäft untergebracht war, zunächst als Wohn- und Geschäftshaus. „Später noch andere Häuser auf dem Südwall, wie das Haus Nr. 40 und die Häuser an der Lindenstraße“, berichtet Rixen mit Blick in alte Adressbücher. Jahrzehntelang war das Möbelhaus über mehrere Häuser auf dem Südwall verteilt, als Lagerfläche diente das Gebäudeensemble an der Lindenstraße 5-7. Auf dem kleinen Vorplatz, an dem die Lindenstraße in den Südwall mündet, stand das Denkmal des Seidenwebers, das heute Südwall Ecke Ostwall steht.

Auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Blumenhaus Brandt sein Geschäft im Haus Nr. 39. Später zog das Geschäft um in das Haus Nr. 6 am Südwall und eröffnete Anfang der 1970er-Jahre ein weiteres Spezialgeschäft für Orchideen und Hydo-Kultur auf dem Ostwall 28. Enkel Renè Lefebvre betreibt seit nunmehr fast 40 Jahren sein Hy Tro-Studio nach Jahren auf der Uerdinger Straße inzwischen am Busenpfad 98. Inzwischen hat er sich zusätzlich auf „Living Walls“, begrünte Wandverkleidungen, für Großraumbüros spezialisiert.

In den 1970er-Jahren verfolgte Firmenerbe Wilhelm in der Elst sehr frühzeitig ein Filialisierungskonzept im Ruhrgebiet. Mit so viel Erfolg, dass durch die stetige Steigerung des Geschäftsumfangs eine Expansion in den 1990er-Jahren notwendig wurde. An der Kuhleshütte entstand 1989 ein neues modernes Domizil mit sieben riesigen Hallen. Auf 5000 Quadratmetern wurden neben dem erweiterten Stammsortiment auch hochwertige Markenmöbel und Accessoires angeboten. Unter der Leitung von Theodor und Sonja in der Elst (ab 1994) entwickelte sich das Unternehmen in der dritten Generation zu einem der größten Möbelanbieter im Krefelder Raum. Jedoch nicht lange. Mit den neuen Häusern von Knuffmann (“Knast“), Schaffrath und Roller sowie dem stetig wachsenem Umsatz von „Ikea“ wurde die Konkurrenz „zu groß“, wie Sonja in der Elst bei Bekanntgabe der Geschäftsaufgabe 2002 der WZ gegenüber betonte.

Auf Möbelhaus folgten Lokale
wie Baba und Sancillo’s

Noch heute sind die großen Schauräume am Südwall 39, mit den alten Deckenlampen und großflächigen Fensterflächen einen Blick wert. Von den 1980er Jahren an waren dort die Lokale Baba, Sancillo’s, Cactus und später noch Monaco und Villa de Fiori“ sowie zuletzt „Ilker“ ansässig. Der neue Kölner Besitzer hatte Ende der 1990er-Jahre mit der mit der Denkmalpflege – abgestimmten Sanierung begonnen. Als er verstarb, stoppte die Sanierung der weiteren Häuser, die an eine zweiteilige Erbengemeinschaft wieder Willen fielen. Darunter hatte die Bausubstanz der Häuser jahrelang gelitten, und manche von ihn sind zu sogenannten Problemhäusern geworden.

Seit kurzem sind sie im Besitz der German Real Estate Corporation. Für die Lindenstraße planen sie einen Neubau, für das Doppelhaus am Südwall 37-39 eine umfangreiche, behutsame Sanierung.