Das Festland ist noch nicht die Rettung

Das Festland ist noch nicht die Rettung

Mit ihrer hochaktuellen Version einer Weihnachtskrippe thematisieren die Oppumer Gemeinden das Schicksal von Flüchtlingen.

Krefeld. Das kleine schmale Boot ist voller Flüchtlinge verschiedener Herkunft. Einige klammern sich an die hölzernen Seitenwände, andere haben kaum noch Kraft, die Paddel zu halten. Sie werden an einen Sandstrand getrieben. Endlich, nach vielen Tagen auf hoher See, haben die Menschen Festland unter den Füßen.

Hans Russmann, Priester

„Doch Ankommen heißt noch nicht ,Da-Sein‘“, sagt Hans Russmann, Moderator der Seelsorge an St. Augustinus. „Der rettende Strand ist zum Festland hin mit Stacheldraht gesichert, ein Mann verfängt sich darin. Schilder weisen darauf hin, dass die Ankömmlinge hier nicht willkommen sind“, erläutert der Priester weiter. Auf einem steht Eurosur, das neue Grenzüberwachungssystem der Europäischen Union ist aufgezeichnet. Darunter ist der Hinweis „Betreten verboten“ zu lesen.

Diese Szene ist in der Kirche zu den Heiligen Schutzengeln in Oppum aufgebaut. Sie bildet eine Weihnachtskrippe der besonderen Art und passt zum Thema der evangelischen und katholischen Gemeinden im Ortsteil „Hoffnung für Flüchtlinge“. Russmann erklärt: „Kann es in unserem Stadtteil Hoffnung für Flüchtlinge geben, oder schicken wir sie auch weg?“

„Bei uns fehlt die übliche Krippen-Romantik“, erklärt das Pfarrgemeinderatsmitglied Ute Lindemann-Degen. „Das Thema ist jedoch aktuell wie nie. Auch Jesus ist als Flüchtling zur Welt gekommen. Maria und Josef flohen mit dem Jesuskind nach Ägypten, weil König Herodes die Ermordung aller Erstgeborenen bis zum Alter von zwei Jahren in der Gegend von Bethlehem befohlen hatte. Wir zeigen hier: Menschen, die Hilfe brauchen, denen wird Hilfe verwehrt.“

Auch Russmann hält die Botschaft der Krippe für hochaktuell und wichtig: „Mitten in diesem Durcheinander zwischen Boot und Land, zwischen Hoffen und Bangen, Angst und Erleichterung, Aufatmen und Enttäuschung, geschieht das Wunder der Heiligen Nacht. Maria sitzt schon — vermeintlich gerettet - am Strand, Josef hält liebevoll den neugeborenen Jesus in seinen Armen. Für ihn scheint das Chaos um ihn herum keine Rolle zu spielen.“

Der Engel steht jenseits des Stacheldrahtzaunes und weist auf das göttliche Wirken in dieser Welt hin — in Oppum, im Flüchtlingsboot und überall. Drei Kirchtürme symbolisieren die Kirchen in Oppum: Heilige Schutzengel, St. Borromäus und die evangelische Auferstehungskirche. Ein weißes Tuch, das von den Gebäuden zum Strand hinunterführt, steht für die helfende Hand, den rettenden Weg, der sich vielleicht öffnet.

„In der Oppumer Kirche ist die besondere Weihnachtskrippe bereits Tradition“, erläutert Karin Späth vom Leitungsteam. „Wir haben beispielsweise auch schon einmal die Bushaltestelle vor unserer Kirche nachgebaut. Sie stand für das Ankommen der Obdachlosen in unserer Notschlafstelle vor rund 20 Jahren.“

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