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Corona-Folgen in Krefeld: Existenzgründer zwischen Aufgabe und Erfolg

Wirtschaft : Corona und die Folgen – Existenzgründer in Krefeld zwischen Erfolg und Aufgabe

Unterschiedlicher könnte der von Corona beeinflusste Start der benachbarten und befreundeten Krefelder IT-Startups Weltenweberei und Katalytics kaum sein.

Zwei IT-Startups zwischen den Extremen: Die Erstplatzierten des Gründerpreises 2019 müssen aufgeben, während ein anderes Teilnehmerteam die Corona-Pandemie bisher unbeschadet übersteht. Unterschiedlicher könnte der von Corona beeinflusste Start der benachbarten und befreundeten IT-Startups Weltenweberei und Katalytics kaum sein. Während der strahlende Sieger im Krefelder Gründerpreis 2019, die Weltenweberei, aktuell die Segel streichen muss, erfreut sich Katalytics einer guten Auftragslage. Wir haben die Akteure befragt, wie die Pandemie ihr Geschäft beeinflusst und wie sie damit umgehen. Beide Teams sind Teil einer jungen IT-Gründerszene, die bei Kleinewefers im K2 Tower günstige Startbedingungen fand.

Beispiel 1: Die Weltenweberei

Voller Euphorie war das vierköpfige Team der Weltenweberei im Mai 2017 gestartet. Virtuelle Welten ließen sie zum Beispiel im Auftrag des Museums Burg Linn entstehen, um das Mittelalter interaktiv zu erkunden und Besuchern spielerische Abwechslung im Museumsalltag zu ermöglichen. Ob bei der Visualisierung früherer Bauwerke wie der alten Krefelder Synagoge oder der Zeitreise in das Krefeld der 1950er Jahre zur therapeutischen Unterstützung von Demenz-Patienten des Helios Klinikums – die 3D-Artisten hatten spektakuläre Auftritte in Krefeld.

Nicht zuletzt diese Verbundenheit mit der Stadt war für die Jury des Gründerpreises 2019 mit für die Vergabe des 1. Preises verantwortlich. Beate Sucrow, Dominica Wester, Janos Wokrina und Lukas Kuhlendahl, die sich beim Mediadesign-Studium an der Hochschule Düsseldorf kennengelernt hatten, galten in der IT-Szene als Himmelsstürmer, bis ein fieses Virus namens Covid19 ihnen schlagartig den K.o. versetzte. „Gleich unser erstes Projekt für das Helios Klinikum war ein Glücksgriff und Durchbruch zugleich, weil es uns eine hohe Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bescherte“, berichtet Kuhlendahl. Ein Gründungszuschuss des Jobcenters habe es ermöglicht, sich zunächst auf Öffentlichkeitsarbeit zu konzentrieren, ohne sofort Geld verdienen zu müssen. Das floss dann durch Aufträge von Industriekunden, für die virtuelle Ausbildungswerkstätten entwickelt wurden.

„Speziell unsere Akquise für 3D-Produktvisualisierungen für Messeauftritte führte zuverlässig zu Aufträgen. Leider mussten wir diese Art von Marketing immer wieder vernachlässigen, wenn wir bei guter Auftragslage voll beschäftigt waren“, analysiert Wester die fehlende Kapazität für ein kontinuierliches Marketing.

Mit dem spektakulären Projekt an der Burg Linn hatten sich die 3D-Spezialisten weitere Aufträge von Museen erhofft, scheiterten jedoch an deren bescheidenen Budgets. „Am Ende ist es uns trotz wachsendem Umsatz zum Verhängnis geworden, dass wir keine Rücklagen für Notfälle bilden konnten“, resümieren Kuhlendahl und Wester. „Bis zum Beginn des Pandemieausbruchs hatten wir genügend Aufträge, doch die wurden nach und nach storniert. Als nach der ersten Corona-Welle auch noch der letzte Großauftrag gecancelt, eine EU-Förderung wegen leerer Töpfe sowie alle Messen abgesagt wurden, haben wir die Notbremse gezogen. Wir wollten ohne Schulden aus der Sache rauskommen, um unbelastet, aber mit viel Erfahrung in eine neue berufliche Zukunft zu starten.“

Zwei Teammitglieder haben schon eine neue Festanstellung, die beiden anderen orientieren sich noch. Etwas traurig sind sie zwar, frustriert aber keineswegs. Eine Existenzgründung käme durchaus wieder in Frage. Mit einer Ausrichtung auf mehr alltagstaugliche Anwendungen? „Dann müssten wir alle Suppenküchen betreiben oder Bestatter werden“, sagt Kuhlendahl lachend. Wester: „Mit einer Pandemie konnten wir ja nicht rechnen. Unser Traum war und bleibt, dass irgendwann alle Schulen und Unternehmen einen Virtual-Reality-Raum nutzen und unsere Idee doch noch durch die Decke geht.“

Beispiel 2: Katalytics

Informatiker Alexander Schröer und Gamedesignerin Lea Schirmer gründeten Katalytics als GmbH im Juni 2018, um vorzugsweise mittelständischen Unternehmen zu helfen, ihre digitalen Geschäftsprozesse zu verbessern – vom Kassensystem über die Mitarbeiterschulung bis zum papierlosen Büro.

Ihr Motto: „Wir holen die Kunden ab, wo sie stehen und entwickeln mit ihnen und für sie maßgeschneiderte Lösungen.“ Dafür programmiert Schröer passgenaue Apps. „Bei uns gibt es nichts von der Stange, für die technische Ausstattung arbeiten wir mit einem Netz von externen Partnern zusammen.“

Ein Großteil an Kunden rekrutiere sich aus diesem Partnernetz. Das entstand schon vor der Gründung bei ihrem Engagement als Dozenten an der School of Games in Köln. Lebenspartnerin Schirmer ist für Marketing, Präsentationen, den eigenen Web-Auftritt und für die Entwicklung von Lernspielen verantwortlich – „weil der spielerische Umgang mit IT Spaß machen soll“. Das Erfolgsprinzip ist verblüffend einfach: „Unsere Anwendungen sind realistisch, alltagstauglich, benutzerfreundlich und bieten stets einen Mehrwert.“

Der Worst Case für die Jungunternehmer war nicht Corona, sondern das überraschende Ausscheiden ihres dritten Gründungsmitglieds. „Nach dem ersten Schock stand schnell fest, dass wir weiter machen. Allerdings strukturierten wir um und konzentrieren uns auf die Digitalisierung mit Apps – unsere Hauptexpertise.“

Schröer kümmert sich um das After-Sales-Management, um die Kunden nach erfolgtem Geschäftsabschluss mit überzeugenden Lösungen zu binden. Zukünftig stärken will er die Beratung von Schulen in Sachen Digitalisierung. Schirmer kümmert sich um alle Aufgaben des Designs, um Auftritte bei Messen und in den sozialen Medien. Ihre Strategie überzeugt auch wirtschaftlich: „Wir wollen gesund und überschaubar wachsen.“ Dazu haben sie einen Programmierer fest angestellt und eine studentische Aushilfskraft verpflichtet.

Die Pandemie habe das Geschäft nicht maßgeblich beeinflusst. Zwar seien seitdem alle Messen ausgefallen, einige Kunden hätten ihre Aufträge auf später verschoben, aber nicht gecancelt. Dafür hätten zwei Großaufträge für Auslastung gesorgt. Allerdings leide die Akquise unter dem aktuellen Home-Office-Status. „Da fehlt doch der persönliche Kontakt.“

Geschäftlich sei man jedoch überaus zufrieden. „Wir mussten unsere Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit schicken, konnten die Gehälter bezahlen, brauchten keinen Kredit und mussten unsere Rücklagen nicht angreifen.“ Eine Bilanz, die Respekt verdient. Eine Herzensangelegenheit für Schröer ist seine Mitarbeit im Vorstand des Vereins Silkvalley, der Potenziale Krefelds sichtbar macht und junge Existenzgründer vor den schlimmsten Fehlern bewahrt. In ihrer knapp bemessenen Freizeit finden beide einen Ausgleich für ihre sitzende Tätigkeit bei den „Freischwimmern“ und der Wiederbelebung des alten Stadtbads.