Blick aus besonderer Perspektive

Blick aus besonderer Perspektive

Die Künstlerin Monika Nelles präsentiert bei der Rhine Side Gallery drei Hochsitze.

Uerdingen. Sind jetzt die Jäger am Uerdinger Rheinufer eingezogen? Drei funkelnagelneue Hochsitze stehen seit wenigen Tagen am Ende der Straße Am Zollhof unten auf dem Werftgelände. Noch hat das Holz keine Patina oder irgendwelche Gebrauchsspuren. Es handelt sich also zweifelsohne um Neuschöpfungen. Die drei recht nah beieinander stehenden Hochsitze sind Werke der Uerdinger Installationskünstlerin Monika Nelles. Auf jedem Hochsitz hat sie ein Schild mit der Angabe „Km 765“ befestigt.

Zutritt ausdrücklich erwünscht: Monika Nelles auf einem ihrer Hochsitze mit Aussicht auf den Rhein. Foto: Lothar Strücken

Es ist der Name ihrer dreiteiligen Installation. Mit der Jagd hat die rein gar nichts zu tun. Ein Blick auf das gegenüber liegende Rheinufer mit einer originalen Markierung des Stromkilometers verrät den Bezug zum Werktitel. Am Donnerstagabend stellten die Künstlerin und Uli Cloos, Leiter des Stadtmarketings, auf dem Uerdinger Sandstrand der Rhine Side Gallery in einem lockeren Gespräch diese Arbeit vor — eine nicht ganz alltägliche Vernissage.

Uli Cloos, Chef des Stadtmarketings

Nelles, die nach einem Studium der Kunst für das Lehramt danach recht bald ihre Studien in Berlin an der Hochschule der Künste fortsetzte, erzählt von einem Erlebnis auf der Dokumenta in Kassel. „Bei einer Dokumenta habe ich den Wunsch entwickelt, einmal in einem Bild drin zu sein“, erklärt sie. Das sei für sie die Initialzündung gewesen, sich neben der Malerei, Zeichnung, Fotografie und Objektkunst nun auch den Installationen zu widmen. Die Möglichkeit, selber in ein Kunstwerk zu steigen, es zu erleben und auch den Raum, in dem es steht, aus anderer Perspektive und mit anderen Sinneseindrücken wahrzunehmen, bietet sie nun mit ihren Hochsitzen. „Die Arbeit bezieht sich auf diesen Ort, die Landschaft am Fluss, diese spezielle Situation, in der sich der Rhein mit einer wunderbaren Kurve durch die Landschaft windet.“

Zutritt ausdrücklich erwünscht: Monika Nelles auf einem ihrer Hochsitze mit Aussicht auf den Rhein.

Dann empfiehlt sie, man solle alleine in der Kanzel sitzen. Denn nur so könne man sich ungestört den Eindrücken hingeben. Die erste Kanzel, die sie mit einem roten Punkt am Dachrand markiert hat, hat sie innen mit schalldämmenden Platten verkleidet. „Hören Sie sich selber zu!“, rät sie. Am zweiten Hochsitz hat sie die Fenster mit vielen schmalen Holzleisten vergittert. „Finden Sie die Erklärung selber!“ Im dritten Hochsitz hängt eine farbige Bildkomposition, und in die Decke der Kanzel hat sie eine Plexiglasplatte eingesetzt — „mein kleines Pantheon“ in Erinnerung an das berühmte Vorbild in Rom. „Alle drei Räume leben vom Licht. Das Sonnenlicht spielt eine wesentliche Rolle in den Kanzeln“, sagt Nelles und steigert die Spannung, weil dann bestimmte Projektionen und Bilder erst sichtbar würden.

Doch sie will ihrem Publikum und den Nutzern der Installation „Km 765“ nicht die Interpretationen vorgeben. „Sie sollen eigene Gedanken wahrnehmen, Emotionen und den Kopf in Gang setzen. Es braucht kein Buch für Erklärungen. Ihre Augen und für einen Hochsitz auch Ihre Ohren reichen.“

Diese Form von Kunst freut den Leiter des Stadtmarketings: „Kunst im öffentlichen Raum heißt Kunst für jedermann, keinen Eintritt, kein sortiertes Publikum.“ Das erfüllt die Installation von Nelles in perfekter Weise. Und dass diese Arbeit nicht auf Dauer dort stehen wird, ist für die Künstlerin auch kein Nachteil. „Von Beginn an war mir klar, dass es eine temporäre Installation ist, dass ich mit vergänglichen Materialien arbeite. Es muss nicht für die Ewigkeit sein!“

Bis Sonntag, 2. September, werden die Hochsitze im Rahmen der Rhine Side Gallery am Rheinufer stehen.

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