Krefeld: Behindert oder nicht ist beim Arbeiten egal

Krefeld: Behindert oder nicht ist beim Arbeiten egal

Es gibt nur zwei Integrationsbetriebe in Krefeld. Warum so wenige? Wie wird man das? Und wer hilft dabei?

Krefeld. Im Rheinland lebt nach Zahlen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) knapp eine Million Menschen mit Schwerbehinderung, davon rund 40 Prozent im erwerbsfähigen Alter. In Krefeld wohnen knapp 9000 Schwerbehinderte. Im Rheinland beschäftigen 100 Integrationsunternehmen 2400 Menschen, davon 1300 mit Behinderung. In Krefeld gibt es gerade einmal zwei zertifizierte Integrationsbetriebe — ebenso wenige wie in Düsseldorf.

„Ein leuchtendes Beispiel in der Integrationslandschaft ist Mönchengladbach“, sagt Rainer Matzkus, geschäftsführender Gesellschafter des Tiefbauunternehmens Gebr. Kickartz. Sein Unternehmen ist einer der Krefelder Integrationsbetriebe, während es in Mönchengladbach laut LVR sieben mit wesentlich mehr Mitarbeitern gibt.

„Nicht alle Betriebe und Organisationen, die Behinderte beschäftigen, lassen ihre Betriebe auch zertifizieren“, weiß der Unternehmer. Die Anforderungen dafür seien extrem hoch, allein das zu erstellende betriebswirtschaftliche Gutachten sehr aufwändig. Sogar einen Umsatznachweis habe man führen müssen. Der Prozess bis zur Anerkennung 2013 von Kickartz habe eineinhalb Jahre gedauert. Das schrecke ab und überfordere speziell kleinere Betriebe, zum Beispiel aus dem Handwerk, meint Matzkus.

In dem Krefelder Tiefbauunternehmen arbeiten 160 Mitarbeiter. Als Integrationsbetrieb anerkannt ist der Bereich des Garten- und Landschaftsbaus. Der umfasst sieben Mitarbeiter, davon sind fünf schwerbehindert. „Außer diesen fünf sind weitere 16 Behinderte in anderen Betriebsbereichen tätig“, sagt Personalleiter Roland Rokoch. „Mit der Leistung sind wir sehr zufrieden. Alle sind mit Begeisterung bei der Arbeit, und mitunter müssen wir sie in ihrem Übereifer stoppen, damit sie auch ihre Pausen einhalten.“ Bei ihren nicht behinderten Kollegen seien sie voll anerkannt. Die Zusammenarbeit sei Alltag.

Die Gartenbauhelfer Swen Boom, André Seligmann und Friedrich Sobczynski sprechen selbstbewusst über ihre Arbeit, die ihnen sichtlich Spaß macht. Alle drei lieben die Arbeit im Freien, ein Bürojob wäre ihnen ein Gräuel.

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung“, ist das Motto von Seligmann. Er hat eine Ausbildung zum Gartenbauwerker abgeschlossen und liebt jegliche Art maschineller Arbeit, egal ob Rasenmähen, Heckenschneiden oder Baumfällen. Auch Pflastern gehört zu seinen Lieblingsarbeiten.

Boom macht derzeit seinen Führerschein und ist stolz darauf, bald das Firmenfahrzeug steuern zu dürfen. „Man lernt in einem Unternehmen mehr als in einer Behindertenwerkstatt. Die Arbeit ist real, kundennah, und man verdient mehr Geld“, sagt Boom. Diese Erfahrung teilt er mit Sobczynski, der eine Ausbildung zum Metallbearbeiter hat.

Die Gartenbauhelfer rücken gerade aus, um einen Innenhof umzugestalten. Dabei werden sie unterstützt und angeleitet von Gartenbaumeister Andreas Knoblich und Vorarbeiter Volker Reinshagen. „Wir verstehen uns als Team“, sagt Knoblich, und alle nicken. „Wir behandeln alle Mitarbeiter gleich“, betont Rokoch. Es gibt tariflichen Stundenlohn und regelmäßige fachliche sowie sicherheitstechnische Schulungen.

„Angefangen hat die Arbeit mit Behinderten durch eine Schulpartnerschaft mit der Bodelschwingh-Schule“, berichtet Firmenchef Rainer Matzkus. Die Förderschule schickt immer wieder Praktikanten, die in die Unternehmensarbeit eingebunden werden. „Die guten Erfahrungen mit den Behinderten haben uns veranlasst, den Garten- und Landschaftsbau als Integrationsbetrieb anzumelden. Gründungshilfe haben wir dabei keine bekommen“, sagt Rainer Matzkus.

Allerdings erhalte das Unternehmen in kleinerem Umfang Fördergelder. Dies sei ein Ausgleich für das eingeschränkte Arbeitsspektrum der Betroffenen und die verstärkte Betreuung. Im Schnitt komme auf zwei Behinderte ein Betreuer.

Personalleiter Rokoch setzt das soziale Engagement des Unternehmens gerne um: „Mir hat das von Anfang an Spaß gemacht. Ich finde die Idee toll“, sagt er, was man ihm am lockeren freundschaftlichen Umgang mit seinen Schutzbefohlenen anmerkt.

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