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Bari ist die letzte Videothek der Stadt Krefeld

Freizeit : Bari in Krefeld - Die letzte Videothek der Stadt

Einst war es ein Erlebnis, einen Film auszuleihen. Wer dieses Gefühl auffrischen möchte, kann das an der Uerdinger Straße tun.

Dieser Ort wird verschwinden. Nicht in einer fernen Zukunft, sondern bald. Die wenigsten werden es bemerken, weil sie schon lange nicht mehr hingehen und von außen vermutlich erst mal alles so aussehen wird wie vorher. Wie bald, das weiß keiner, aber das Ende ist absehbar. Der Mann, der diesen Ort einst schuf, empfiehlt, den Artikel zügig fertigzustellen.

Die Videothek Bari, die letzte in Krefeld, liegt an einer Kreuzung, die ohnehin mehr nach Vergangenheit als Gegenwart aussieht. Nach Zukunft schon mal gar nicht. Wo Uerdinger Straße und Philadelphiastraße sich begegnen, dauern die 80er noch an. Das „Top-Sun Bräunungsstudio“ steht dort, das Autoradioland und eine Filiale der Erotik-Kette Orion. Die Videothek befindet sich im Erdgeschoss eines grauen Gebäudes. Auf einem gelben Schild, das sich über die gesamte Front zieht, ist zu lesen: „Rund um die Uhr für Sie geöffnet“. Momentan hat die Videothek wegen Corona von 10 bis 18 Uhr geöffnet, sonntags geschlossen, aber auch sonst ist die Zeit des 24-Stunden-Betriebs längst vorbei.

Auch im Laden erinnert mehr an die Vergangenheit als an die Gegenwart. Wer die Videothek betritt, ist gleich zurück in der Zeit, als es noch fester Bestandteil eines Filmabends war, den Film vorher auszuleihen. Eine Zeit, in der selbst Kleinstädte mehrere Videotheken hatten. Grauer Teppich, weiße Holzregale, Ventilatoren an der Decke. An der Wand hinter der Verleihtheke hängt ein Kalender, das rote Rechteck zeigt den aktuellen Tag an. Filme in den Formaten DVD und Blu-ray gibt es reichlich, die Regale sind voll. Der Bereich für die Neuheiten. Action. Horror. Fantasy. Walt Disney. Gebrauchte DVDs zum Verkauf. Durch eine Tür gelangt man in den Erotik-Bereich. Nur eines ist anders als früher: Es ist kaum ein Kunde im Geschäft. Nur ab und zu bringt jemand einen Stapel Filme zurück und verlässt den Laden zügig wieder. Okay, es ist ein Montagvormittag. Trotzdem. Dann fallen weitere Details der Krise auf. Die Verleihtheke ist nicht wie in anderen Geschäften mit Plexiglasscheiben versehen, um Kunden und Mitarbeiter vor Corona zu schützen, die Mitarbeiter haben mit durchsichtiger Folie improvisiert.  An die lange Verleihtheke schließt sich eine Art Tresen an, an dem aber schon lange nichts mehr ausgeschenkt wird. Getränke, Eistruhe, Popcorn – gibt es nicht. Einfach nur Filme auf 600 Quadratmetern.

Alle Zahlen sprechen dagegen, dass die Videothek in Krefeld noch lange überleben wird. Die Branche löst sich gerade auf. 2006 gab es laut „Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland“ (IVD) noch mehr als 3000 Videotheken, dazu kamen knapp tausend Video-Automaten. Ende 2019 waren es noch 341 herkömmliche Videotheken. Selbst im Vergleich zum Vorjahr ein Verlust von 91. 2011 fielen laut des Marktforschungsinstituts GfK 84 Prozent aller Filmausleihen auf DVD und Blu-ray, 2019 noch 3 Prozent. Die Leute haben seit dem Aufkommen von Breitbandinternet andere Möglichkeiten, Filme zu gucken, wann sie wollen. Erst war es das illegale Filesharing, später kamen legale Angebote dazu. 86 Prozent aller Ausleihen liefen 2019 über Streaming-Abos von Netflix, Amazon Prime und Konsorten. Es ist eben viel bequemer, nicht in eine Videothek zu gehen, sondern den Film gleich auf der Couch auszuwählen.

Bari hat vor einigen Jahren den Besitzer gewechselt. Auf der Webseite von „World Of Video“ werden acht Videotheken aufgeführt, doch aktuell ist die Seite nicht. Die Filiale in Lünen hat vor einigen Monaten geschlossen, in Mönchengladbach läuft gerade der Abverkauf. Der Inhaber sitzt in München. Nach allem, was zu erfahren ist, mischt er sich — neutral ausgedrückt — wenig ein. Auf eine Anfrage unserer Redaktion reagierte er nicht.

Hartmut Richter kann noch von den guten Zeiten erzählen. Er eröffnete in den 80ern mehrere Videotheken in der Region, Ende der 80er auch die in Krefeld. Das genaue Jahr weiß er nicht mehr. Bari, das steht für die Betreiber Baltes und Richter. Er bestätigt, dass sich am und im Laden seit damals wenig getan hat. Richter erinnert sich daran, dass mal sechs bis sieben Mitarbeiter pro Schicht im Einsatz waren, wo heute einer reicht. An fünf Kassen. An fünf Kühlschränke, in denen sie Getränke lagerten. Es gab Popcorn, Eis und sogar Spielautomaten. Bei einem Gasalarm mussten mal alle auf die Straße. 240 Leute sollen dort gezählt worden sein. Richter hat sich bereits vor einigen Jahren zurückgezogen, betreibt nur noch eine Videothek in Viersen und macht sein Geld vor allem mit dem Handel von Filmen bei Amazon. „Wir leben von Leuten jenseits der 50 ohne Internet“, sagt er. Es kämen keine neuen Kunden mehr nach.

Aber noch gibt es die Videothek Bari in Krefeld. Und bevor das Unvermeidliche passiert, sollte man noch mal hin, um eine Ahnung zu bekommen, was verloren geht. Mittel für den großen Gegenangriff gibt es nicht, investiert wird nicht mehr. Aber die Mitarbeiter halten den Betrieb am Laufen. An diesem Montag ist das Michael Weber. Weber wäre ohne die Krise gar nicht hier. Er wohnt in Lünen bei Dortmund, hat in der Filiale dort gearbeitet, bis die vor einigen Monaten dichtmachte. Nun macht er sich regelmäßig auf den Weg nach Krefeld. Weber ist ein unauffälliger, ruhiger Typ. Kurzhaarschnitt, Tom-Tailor-Shirt. 51 Jahre alt, knapp 20 davon hat er in Videotheken gearbeitet. Man muss erleben, wie er die DVDs auf Kratzer kontrolliert, bevor er sie verkauft.

Filme hat Weber schon als Kind geliebt, deshalb auch die Videotheken, von denen es selbst in Lünen damals fünf gab. Zuhause hat er selbst eine Art Videothek, auch noch Filme auf Videokassette, die es nicht mehr auf DVD geschafft haben. Netflix hat er nach dem Testmonat gekündigt. Im Gegensatz zu vielen anderen. Weber weiß, wie schwer es der gesamte Einzelhandel gegen das Internet hat. Die Bequemlichkeit siegt. „Die Leute sagen immer, ich bin da gern hingegangen.“ Aber wären sie das wirklich, würde es die Läden noch geben, sagt er.

Weber hat Kanalbauer gelernt, dann machte die Bandscheibe nicht mehr mit. Er schulte auf IT um. In Videotheken arbeitete er erst nebenbei, mittlerweile Vollzeit. Dass er den Job noch bis zur Rente machen wird, glaubt er nicht. Aber er macht ihm noch immer mit Freude. Dass Kunden wissen möchten, was er von bestimmten Filmen hält, das gefällt ihm. Er berät gern. Weber ist so einer, mit dem man stundenlang über Horrorfilme der 70er und 80er reden kann. Gesehen hat er sie alle.

Weil ihnen dort Filme nicht von einem Algorithmus empfohlen werden, sondern von Menschen – das ist ein Grund, warum Menschen noch immer in die Videothek gehen. Viele kommen auch, wenn das Internet nicht funktioniert. Am besten laufen laut Weber zwei Bereiche: Neuheiten und Erotik. Für Neuheiten muss man auch im Internet extra zahlen, die hat Netflix nicht. Beim Preis liegt die Videothek drunter. Wer bei Bari einen Film leiht, zahlt für Neuheiten 1,50 Euro pro Tag und bekommt noch einen älteren Film dazu. Pornos gibt es zwar auch im Internet, aber gerade ältere Kunden haben Angst, dort Spuren zu hinterlassen oder sich Post von einem Abmahnanwalt einzufangen. Bei Bari wird der Kundenausweis noch mit der Hand ausgefüllt.

Wenn immer der Fortschritt Einzug hält, geht auch etwas verloren. Für die einen mehr, für die anderen weniger. Die Videothek ist noch immer der Ort, um über Filme zu stolpern, auf die man sonst nie gekommen wäre. Das Angebot ist ein anderes als bei den Streaming-Anbietern, gerade bei älteren Filmen. Das zeigt sich in der Videothek in Krefeld besonders in einem Bereich, der bei genauem Hinsehen der Gegenentwurf zu Netflix & Co ist. Weil hier nichts kalkuliert ist, sondern sich frei entwickeln kann. Es ist der Teil des Ladens, in dem gebrauchte DVDs zum Kauf angeboten werden. Gebrauchte Filme werden auch in anderen Videotheken angeboten, der Clou aber ist, dass der Kunde eine DVD günstiger bekommt, wenn er eine eigene abgibt. Dann fällt der Preis von 2,99 Euro auf 1,50 Euro. Der mitgebrachte Film kommt dann ebenfalls ins Sortiment. Das Tauschsystem stellt sicher, dass Kunden das Angebot mitgestalten. Weber spricht von „Eigendynamik“. Die Titel der abgegebenen Filme werden nicht erfasst, die Mitarbeiter wissen also nicht genau, was dort so eigentlich steht. Sortiert werden die Filme auch nicht. Weder nach Genre, noch nach Alphabet.

Und so steht dort B-Movie neben Programmkino neben Action-Reißer neben Hollywood-Komödie neben Billig-Horror neben oscarprämiertem Drama. Alles zum selben Preis. Alles ist möglich zwischen Volltreffer und komplett daneben. Einfach mal dem Glück vertrauen, nicht dem Algorithmus. Wenigstens noch ein letztes Mal.