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Azubi in Teilzeit — in Krefeld noch exotisch

Azubi in Teilzeit — in Krefeld noch exotisch

Christina Jahn (30) hat sich spät zur Ausbildung entschlossen. In Jörg Linnig fand sie einen verständnisvollen Chef.

Krefeld. Christina Jahn hat den Hebel umgelegt. Die 29-jährige alleinerziehende Mutter einer zehnjährigen Tochter hat vor 14 Jahren ihren Schulabschluss gemacht, dann eine Ausbildung gesundheitsbedingt abgebrochen und danach Gelegenheitsjobs angenommen. „Schließlich habe ich gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann und ich eine fundierte Berufsausbildung brauche, um noch einmal richtig durchzustarten“, sagt sie.

Sie machte eine halbjährige Weiterbildung beim Bildungsinstitut der Rheinischen Wirtschaft und bewarb sich dann für eine Berufsausbildung in Teilzeit. Und hatte Glück: Jörg Linnig (52), Inhaber des Krefelder Ingenieurbüros Eukon an der Hohenzollernstraße 79, selbst fünffacher Vater, hat sein Büro vergrößert und wollte sich auch im Bereich Sekretariat verstärken. „Durch einen Vortrag bei der WFG-Reihe ,Business-Frühstück’ habe ich das Modell Ausbildung in Teilzeit kennengelernt. Das Konzept hat mich sofort überzeugt“, sagt er.

Er schrieb die Stelle aus — die bislang einzige Teilzeitberufsausbildungsstelle in Krefeld — und war überrascht von den Bewerbungen, quantitativ wie qualitativ. Mit Unterstützung der Arbeitsagentur kam die Kempenerin Christina Jahn zu ihrem Ausbildungsplatz in Krefeld. Zurzeit macht sie ein Praktikum, im August geht es los.

Evelyn Schotten, operative Geschäftsführerin der Krefelder Arbeitsagentur: „Viele Chefs wissen nicht, dass das Berufsbildungsgesetz seit 2005 ausdrücklich die Möglichkeit vorsieht, bei berechtigtem Interesse anstelle der gesamten Lehrzeit die tägliche oder wöchentliche Ausbildungszeit zu kürzen. Sofern eine Wochenarbeitszeit von mindestens 25 Stunden (75 Prozent) nicht unterschritten wird, verlängert sich die Ausbildung nicht. Der Berufsschulunterricht findet ungekürzt statt.“

Damit wolle der Gesetzgeber jungen Eltern oder pflegenden Angehörigen helfen, eine Ausbildung zu bewältigen. Für Christina Jahn bedeutet dies: Sie macht eine dreijährige Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Statt 40 Wochenstunden hat sie 30. Das sind in etwa drei Vormittage, zwei Tage Berufsschule ergänzen ihre Woche. Ihre zehnjährige Tochter ist im offenen Ganztag ihrer Schule, das passt.

Evelyn Schotten ergänzt: „Nur 0,2 Prozent unter den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen bundesweit wurden in Teilzeit gemeldet. Teilzeit bei der Arbeit ist etabliert, bei der Ausbildung noch nicht.“ Christina Jahn wird hochmotiviert ihre Ausbildung beginnen. Ihr Chef Jörg Linnig: „Junge Eltern sind deutlich verantwortungsbewusster, vernünftiger und zuverlässiger. Ich bin mir sicher, dass Christina durch die Teilzeit Kind und Ausbildung unter einen Hut bringen kann.“