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Inforeihe Psyche: „Amphetamine und Cannabis sind die Drogen der Zukunft“

Inforeihe Psyche : „Amphetamine und Cannabis sind die Drogen der Zukunft“

Dr. Helmut Eich, Chefarzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen am Alexianer, über harte und weiche Drogen und Prävention.

Krefeld. Nach Angaben der hiesigen Polizei sterben zwischen acht und zehn Menschen jährlich in Krefeld an den Folgen ihrer Drogenabhängigkeit. Ein Gespräch mit Dr. Helmut Eich, Chefarzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen am Alexianer Krankenhaus, über Drogenabhängigkeit als psychische Erkrankung und mögliche Wege aus der Sucht.

Die Polizei beschreibt die Zahl der Drogentoten in Krefeld seit Jahren als „stabil“. Inwiefern trägt das Hilfesystem vor Ort dazu bei?

Helmut Eich: Es gibt ein sehr gutes Netzwerk von der Stadt, Caritas, einzelnen Kliniken und den niedergelassenen substituierenden Ärzten. Regelmäßig finden Arbeitskreise zur Substitution statt, in denen aktuelle Themen besprochen werden. Bundesweit sind mehr als die Hälfte aller Heroinabhängigen im Substitutionsprogramm, so dass sie tägliche Hilfe bekommen. Hierdurch hat sich die Überlebensrate deutlich verbessert.

Welche Form der Drogenabhängigkeit kommt am häufigsten vor?

Eich: Nikotin und Alkohol. Heroinpatienten gibt es in Deutschland cirka 180 000, davon sind etwa 77 000 im Substitutionsprogramm. Es gibt mehr und mehr Probleme mit aufputschenden Amphetaminen und THC (Cannabis) zum Runterkommen.

Ich glaube, das sind die Drogen der Zukunft. Das Problem: Wir haben viele junge Patienten, die mit zwölf, 13 Jahren mit dem Cannabiskonsum anfangen. Die Krankenkassen bezahlen aber eine stationäre Behandlung oft nicht, weil THC zu den so genannten leichten Drogen zählt — das finde ich fatal.

Drogenabhängigkeit zählt zu den psychischen Erkrankungen — warum?

Eich: Auf die Psyche einwirkende Substanzen führen zur Beeinflussung des Hirnstoffwechsels, dadurch verändern sie das Denken, Fühlen und Handeln. Ängste, Depressionen und Schizophrenien können infolgedessen auftreten.“

Inwiefern unterscheidet sich die Drogensucht etwa von Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit?

Eich: Viele Drogenpatienten sind nicht so sozialisiert in Beruf und Familie wie alkoholkranke Patienten. Der Drogenkonsum ist viel teurer, so dass häufig Beschaffungskriminalität oder Prostitution notwendig ist.

Wie sieht die Therapie für drogenabhängige Patienten konkret aus?

Eich: Ziel der Behandlung sollte die Abstinenz sein. Viele Erkrankte schaffen es aber trotz qualifizierter stationärer Entzugsbehandlung und Rehabilitation nicht, dauerhaft abstinent zu leben. Hier wird dann eine Ersatzdroge wie Methadon oder Buprenophin gegeben. Die Patienten müssen dazu täglich zu ihrem Substitutionsarzt gehen.

Dieser prüft, ob Drogen oder Alkohol konsumiert wurden und ob der Patient wach und bewusstseinsklar ist — nur dann bekommt der Patient sein Substitut. Regelmäßig finden therapeutische Gespräche über die psychosoziale Betreuung, die bindend zur Substitutionsbehandlung gehört, statt.

Destiny ist kein Einzelfall — warum werden so viele Patienten nach Entzug und Therapie wieder rückfällig?

Eich: Da das Substitut keine euphorisierende oder stark sedierende Wirkung hat und nur Entzugserscheinungen verhindern soll, nehmen Patienten häufig zusätzlich Substanzen ein. Das nennt man Beikonsum. Dieser ist teilweise erheblich und lebensbedrohlich. Viele Patienten bleiben so sehr lange in der Substitution, erneute Rehabilitationen werden nicht mehr durchgeführt, so dass viele Patienten vielleicht eine erneute Chance auf ein abstinentes Leben verpassen.

Was muss bei der ärztlichen Hilfe für Drogenkranke noch besser werden?

Eich: Zu wenig wird für die Prävention und Behandlung von Cannabis- und Amphetaminabhängigkeit getan. Diese Substanzen haben eine starke psychotrope Wirkung und werden leider zunehmend schon von Jugendlichen mit 12, 13 Jahren konsumiert, was im Verlauf zu schweren psychischen Störungen führen kann. Die Substanzen gelten immer noch als harmlos.

Notwendige stationäre Entzugsbehandlungen werden häufig von der Krankenkasse abgelehnt mit der Begründung, der Entzug sei zu gering und könne ambulant durchgeführt werden. Hier verschließen wir die Augen vor einem wachsenden Problem.