Als Linner den Flachsmarkt erfanden

Flachsmarkt : Flachsmarkt: Mit 24 Ständen fing alles an

1975 feierte der Flachsmarkt Premiere. Ziel war es, Menschen in die Altstadt zu locken.

In früheren Zeiten ist es vorgekommen, dass so viele Besucher zum Flachsmarkt kamen, dass der Verkehr nicht abfloss und die Autobahn gesperrt werden musste. Entsprechende Verkehrsmeldungen, die Krefelder Anschlussstellen weiträumig zu umfahren, wurden im Radio gesendet. „Solch einen Markt gab es damals nirgendwo, der Andrang der Leute nach Linn war riesig“, erinnert sich Helmer Raitz von Frentz, einer der Gründerväter. „Um ihn auf rechtliche Füße zu stellen, haben wir vor 40 Jahren einen Verein gegründet, die Arbeitsgemeinschaft Flachsmarkt.“

Die neuzeitliche Entstehung des Flachsmarktes war keine Schnapsidee, entstand aber aus einer Bierlaune heraus. „Ende 1974 trafen sich einige Linner Bürger bei einem Fässchen auf dem Andreasmarkt und redeten über den desolaten Zustand der Altstadt Linn und ihrer Straßen“, erzählt Raitz von Frentz. „Ihr Ergebnis: In Linn läuft nicht viel und die Stadt Krefeld vernachlässigt uns sowieso. Was liegt näher, als auf dem Andreasmarkt wieder einen Markt durchzuführen, der Linn wie früher überregional in die Schlagzeilen bringt und Besucher von auswärts in die Altstadt lockt.“

Und da schon eine schlagkräftige Gruppe am Andreasmarkt saß – der bereits den historischen Flachsmarkt bis 1903 beherbergt hatte –  war der Name und das Angebot der Veranstaltung schnell definiert: „Es sollte ein Markt wie früher sein, der altes Handwerk bot, auf dem die Menschen diese Produkte erwerben konnten.“ Neben Raitz von Frentz machte sich ein weiterer engagierter Bürger, Hartmut Hauser, für Idee und Durchführung stark.

Mit 24 Ständen samt Gastronomie sollte es am Tag des Heiligen Andreas losgehen. Da er in die kalte Novemberzeit fiel, planten die Verantwortlichen den ersten Flachsmarkt der Neuzeit dann am Samstag, 4. Oktober 1975, auf dem Andreasmarkt. Oberbürgermeister Hansheinz Hauser eröffnete die Veranstaltung und bekam zur Stärkung für seinen Einsatz einen Sellerie-Orden überreicht.

Um Geld in die Kasse zu bekommen, durften die Leute jemanden gegen Spende übers Mikrofon grüßen lassen. „Die erste Finanzierung stand.“

Schon 1976 wurde in größeren Dimensionen Richtung Burg geplant. Auserkoren wurden die drei Pfingsttage. Zum zweiten Flachsmarkt waren 70 Handwerksmeister eingeladen, die den Gästen ihre Künste präsentierten. Die Macher waren stolz auf Mäusefallen-Bauer, Schaukelpferd-Schnitzer und Zylinder-Macher. Heute werden 350 Stände gezählt.

„Um ihn auf eine gemeinnützige und solide Basis zu stellen, haben wir mit sieben Personen 1978 die AG Flachsmarkt gegründet.“ Ihre Mitglieder waren und sind vorausschauend. Um die Mammutaufgabe stemmen zu können, luden sie sämtliche Linner Vereine zur Mitarbeit ein. „Die packen freudig mit an, zumal es auch einen kleinen Zuschuss für ihre Vereinskassen gibt.“

So sorgten seitdem rund 100 Linner für das Aufstellen von Zäunen, die Wasser- und Stromversorgung, das Aufstellen unzähliger Hinweisschilder, die Betreuung der anreisenden Handwerker, den Kartenverkauf, die Versorgung der Handwerker mit Essen und Trinken – vor allem der traditionellen je rund 750 Stütchen am Nachmittag –, die Müllentsorgung, die Bewachung des Geländes oder das Trockenlegen nasser Senken nach Regengüssen.

2003 musste das Gelände wegen eines Unwetters geräumt werden

Ein Unwetter fegte 2003 über den Flachsmarkt hinweg. „Es kündigte sich bereits samstags an. Wir standen mit Feuerwehr und Rettungsdiensten in Verbindung. So haben wir den Markt am Pfingstsonntag bei schönem Wetter geräumt, was keiner verstand. Aber die schwarzen Wolken zogen schon herauf und brachten 30 Minuten später ein Unwetter mit Gewitter und Starkregen. Zwei Blitze schlugen in Zelte ein, doch es wurde kein Mensch verletzt.“ Montags war der Markt wieder geöffnet.

Ein anderes Mal regnete es so stark und der Boden war derart  durchnässt, dass der Metzger Plastiktüten spendierte, die sich die Leute über die Schuhe zogen. Andere gingen gleich barfuß, es war warm.

Heute lenkt Sohn Alexander Raitz von Frentz die Geschicke der Arbeitsgemeinschaft und des Flachsmarktes. Er ist mit dem Handwerkermarkt groß geworden, hielt als Vierjähriger seinen Mittagsschlaf auf Sägespänen und Decke der Schreinerei hinter der Bühne und konnte im Rittersaal den ganzen Tag Kasperl-Theater gucken.

Der 48-Jährige hat mit modernen Problemen zu kämpfen. Ein Beispiel: „Nach den Sicherheitsauflagen nach der Loveparade dürfen nur noch 2500 Menschen in die Vorburg, 300 in die Burg und 24 000 aufs gesamte Gelände. Die Besucher werden ständig gezählt. Daneben gibt es Gespräche mit den Vertretern der Stadt vor und nach dem Markt.“

„Die aktiv Arbeitenden wissen, wie der Flachsmarkt geht. Die Arbeit ist die gleiche geblieben“, sagt der heutige Markt-Chef. Das wissen auch Marianne Raitz von Frentz und Margarete Kevenhörster: „Nach dem Flachsmarkt ist vor dem Flachsmarkt. An vielen Wochenenden werden die Weichen für einen gelungenen und attraktiven Markt gestellt: Es werden Handwerker gesucht, angesprochen und für den Flachsmarkt gewonnen, Genehmigungen beantragt und viele Verträge geschlossen.“

Gerade jetzt besuchten die beiden Organisatorinnen Märkte in Leipzig und in der Nähe von München, um Handwerker nach Linn zu locken.

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