Alkoholverbot spaltet Krefeld

Während Politik und Verwaltung in einem Trinkverbot eine Chance sehen, der Theaterplatz-Szene zu begegnen, sind Suchtexperten skeptisch.

Kein Alkohol in der City? In Duisburg ist das Alkoholverbot in der Innenstadt nach einem Jahr Geschichte — das Verwaltungsgericht Düsseldorf befand es als rechtswidrig und kippte es, nachdem eine 32-jährige Frau dagegen geklagt hatte. Die Verwaltung in Krefeld zeigt sich von der Entscheidung aus Düsseldorf erst einmal unbeeindruckt. Stadtkämmerer und Ordnungsdezernent Ulrich Cyprian teilt mit, die „Auswertung der konkreten Urteilsbegründung“ abwarten zu wollen. Fest steht derweil: Im Ordnungsausschuss am 28. Juni soll ein öffentliches Alkoholverbot in der Krefelder Innenstadt Thema sein — mit dem Ziel, „der Szene auf dem Theaterplatz und darüber hinaus zu begegnen“.

Die Evaluation des Duisburger Projekts habe gezeigt, dass begleitende Maßnahmen wie mehr Sicherheitspersonal oder Hilfsangebote für Suchtkranke notwendig sind, um dem Problem vieler Innenstädte zu begegnen. Walter Fasbender, der Sprecher der CDU-Fraktion im zuständigen Ausschuss für die Bereiche Ordnung und Sicherheit, erklärt: „Es war schon damals klar, dass ein Verbot alleine nicht wirklich hilft. Daher finden wir es gut, wenn unter der Federführung unseres Ordnungsdezernenten nun für die Stadt Krefeld überlegt wird, wie man das Problem der Trinkerszene angehen will. Diesen Prozess wollen wir gerne unterstützen.“

Doch wie denken eigentlich diejenigen darüber, die täglich mit alkoholkranken Menschen im Kontakt sind, zusammen mit ihnen an Suchtproblematik arbeiten — Streetworker, Sozialverbände, Suchtmediziner? „Ein Alkoholverbot ist die einzig richtige Lösung“, sagt Stephan Winkes. Seit fast 19 Jahren ist er trocken, seit fünf Jahren leitet Winkes ehrenamtlich die Selbsthilfegruppe „Quelle der Hoffnung“ für Alkohol- und Medikamentenabhängige und deren Angehörige. „Es geht nicht darum, zu bestrafen, sondern darum, aufzuklären“, betont Winkes. „Gehen Sie doch mal durch die Innenstadt — jeder Zweite hat da eine Bierflasche in der Hand. Das ist keine Vorbildfunktion.“ Gerade bei jungen Menschen, die diesem Anblick regelmäßig ausgesetzt seien, sinke so die Hemmschwelle, zum Alkohol zu greifen, glaubt Winkes.

Dr. Helmut Eich, Suchtmediziner, über die möglichen Konsequenzen eines Alkoholverbots in der City

Vor Jahren hätten er selbst und andere Betroffene aus der Selbsthilfegruppe heraus den Versuch gestartet, mit Schulen zu kooperieren und über die Gefahren des regelmäßigen Alkoholkonsums aufzuklären, berichtet Winkes — mit wenig Erfolg. „Zu 95 Prozent sind wir auf taube Ohren gestoßen“, erzählt er enttäuscht. „Dabei ist es so wichtig, schon in den Schulen Präventionsarbeit zu leisten. So können wir eben nur die Leute erreichen, die zu uns in die Gruppe kommen.“

Auch Dr. Helmut Eich, Chefarzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen am Alexianer, hält ein Alkoholverbot für die Krefelder Innenstadt grundsätzlich für sinnvoll. „Wenn es um das rein ästhetische Stadtbild geht, dann wirft das schon ein negatives Bild auf Krefeld, wenn da so viele Menschen mit Bierflaschen herumlaufen“, sagt Eich, räumt aber auch gleich mit Vorurteilen auf: „Nicht alle Menschen, die Alkohol in der Innenstadt trinken, sind auch krank.“

Die Trinker- und Drogenszene am Theaterplatz lasse sich damit nicht schönreden. Zumal: „Viele, die ein Problem mit Drogen haben, konsumieren auch zusätzlich Alkohol — sie sind polyvalent abhängig“, berichtet Eich von seinen Erfahrungen als Suchtmediziner am Alexianer.

Ein Alkoholverbot habe für die Suchtbehandlung letztlich wenig Auswirkungen, glaubt Eich, „es wird durch ein Alkoholverbot nicht weniger Trinker geben. Vielleicht wird der Einstieg dadurch etwas schwieriger.“ Allerdings: Ein Verbot berge auch Risiken. „Die Szene wird verdrängt, vielleicht löst sie sich sogar auf. Das macht die Arbeit für Streetworker natürlich unübersichtlicher.“ Auch wenn das Hilfesystem in Krefeld „sehr gut“ und man untereinander vernetzt sei — durch ein Verbot, glaubt Eich, „wird es schwieriger, Menschen, die Hilfe brauchen, auf der Straße zu erreichen“.

Ute Kaber, Leiterin der Drogenberatungsstelle der Caritas, spricht sich weder direkt für noch gegen ein Alkoholverbot in der Innenstadt aus, betont aber: „Eine klare Abgrenzung der unterschiedlichen Personengruppen, die in der Öffentlichkeit trinken, ist schwierig.“ Für bestimmte Personen sei diese Form des „geselligen Miteinanders nur in dieser Art im öffentlichen Raum durchführbar, da die finanziellen Mittel für Gaststättenbesuche oder ähnliches fehlen“, sagt Kaber. „Für diese Menschen bedeutet das Trinken im Freien auch ein Stück Teilhabe am allgemeinen Leben.“

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