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Inforeihe Psyche: Alkoholsucht: Nur im Rausch konnte sie alles vergessen

Inforeihe Psyche : Alkoholsucht: Nur im Rausch konnte sie alles vergessen

Sabrina Schmidt ist Mutter, erfolgreich im Job — und Alkoholikerin. Seit längerem ist sie trocken und hofft, dass sie es diesmal schafft.

Krefeld. An den Tag vor acht Jahren, an dem sie morgens statt der Tasse Kaffee zum ersten Mal ein Glas Rotwein trank, erinnert sich Sabrina Schmidt (Name geändert) noch genau. Angetrunken, aber pünktlich habe sie ihre Kinder anschließend in den Kindergarten gebracht. „Ich wollte nicht nur pflichtbewusst, sondern eine perfekte Mutter sein.“

Alkoholikerin sei sie schon lange vor diesem Tag gewesen, sagt die 53-Jährige heute und erinnert sich an die vielen Abende, an denen sie sich mit Wein, Wodka oder Cognac in die Besinnungslosigkeit getrunken hat. Todessehnsucht sei das gewesen, „ich wollte mich abschießen, vergessen, einfach weg sein . . . “

Vergessen. Den Missbrauch als Jugendliche durch einen Bekannten, von dem Sabrina Schmidt als junge Frau niemandem erzählen konnte und von dem sie auch heute nur mit erstickter Stimme sprechen kann. „Ich habe mich unendlich dafür geschämt. Ich war doch selbst schuld, weil ich zu freundlich, zu attraktiv, zu frech, zu weiblich war“, das habe sie sich damals eingeredet.

Nach dem Abitur zieht Sabrina Schmidt fürs Studium weg von zuhause und lässt auch die schlimmen Erinnerungen hinter sich — das glaubt sie jedenfalls. Die Eltern erwarten viel von ihrer Tochter, am meisten erwartet sie selbst, das war schon zu Schulzeiten so. „Ich hatte immer das Gefühl, in der Schule, in der Musik, im Sport mehr leisten zu müssen“, sagt sie. „Für mich war es normal, auf der Überholspur zu leben. Mein Leben war immer höher, schneller, besser. Immer maßlos.“

Maßlos sind auch die ersten Erfahrungen mit Alkohol, die Sabrina Schmidt während des Studiums macht. „Mein erster Freund hat viel getrunken. Und ich habe kräftig mitgefeiert und getrunken.“ Da fällt es nicht auf, dass die junge Frau körperliche Nähe nur angetrunken zulassen, ja ertragen kann. Erst Jahre später, mit 29, nennt sie ihrem ersten Mann den Grund. Aber befreit? „Ich habe mich nach diesem Geständnis noch ekliger gefühlt“, sagt die 53-Jährige. Für ihre Ehe ist es „der Todesstoß“, sagt sie — noch im selben Jahr trennt sich Sabrina Schmidt von ihrem Mann.

Beruflich läuft es gut für sie. Mit Anfang 30 macht sich die Krefelderin als Unternehmensberaterin selbstständig. „Ich war in der Weltgeschichte unterwegs, hatte eine VIP-Karte bei der Lufthansa, ich war eine Überfliegerin im wahrsten Sinne des Wortes“, erinnert sie sich. „Meine Fassade war perfekt.“ Alkohol? Gehört zu ihren Geschäftsreisen, zu ihrem Leben dazu.

Mit 37 Jahren lernt Sabrina Schmidt ihren heutigen Mann kennen. Sie wird schwanger, bekommt 2001 das erste, zwei Jahre später das zweite Kind. Während der Schwangerschaften auf Alkohol zu verzichten, sei ihr nicht schwer gefallen, nicht arbeiten zu können umso mehr: „Mit jedem Kind musste ich ein Stück Beruf abgeben. Der Applaus war plötzlich weg.“ Das macht Sabrina Schmidt zu schaffen. „Also musste ich zuhause die beste Mutter sein.“

Ihren eigenen Ansprüchen sei sie dabei nie gerecht geworden. „Zwei Kinder kriegen, das kann ja jeder“, habe sie sich vorgeworfen. Nachdem sie ihren zweiten Sohn nicht mehr stillt, greift Sabrina Schmidt wieder zur Flasche. „Das fand ich damals schon beängstigend, dass ich mich so auf den Alkohol gestürzt habe“, erinnert sie sich. Aufhören kann sie erst, als sie ein drittes Mal schwanger wird. 2005 bekommt Sabrina Schmidt die Tochter, die sie sich so sehr wünscht. Danach trinkt sie weiter.

Morgens fährt sie betrunken Auto, um die Kinder pünktlich in den Kindergarten zu bringen, abends liegt sie lallend auf dem Sofa. „Meinem Mann bereitet der Gedanke, mit einer Alkoholikerin verheiratet zu sein, großes Unbehagen“, sagt Sabrina Schmidt. In all den Jahren habe er immer gesagt: „So schlimm ist es doch nicht.“

Wie schlimm muss es noch werden? 2011 stürzt Sabrina Schmidt betrunken die Haustreppe hinunter und bleibt bewusstlos in ihrem eigenen Blut liegen. Es dauert einige Zeit, bis ihre Kinder sie finden und ihr Mann sie in die Notaufnahme bringt. Ja, manchmal sei sie schon wütend auf ihren Mann, auch wegen der angebrochenen Weinflaschen im Kühlschrank, würde sich mehr Unterstützung wünschen, gibt die 53-Jährige leise zu.

Es dauert weitere zwei Jahre, bis sich Sabrina Schmidt im März 2013 für einen Entzug stationär einweisen lässt. Der Auslöser? „Das blanke Elend“, sagt sie heute. Im Sommer geht sie für eine vierwöchige Therapie in eine Suchtklinik. „In der Zwischenzeit hatte ich mindestens zwei, drei Rückfälle.“ Voller Enthusiasmus sei sie nach dem Monat in der Klinik zurück nach Haus gekommen, erinnert sich Sabrina Schmidt. Zwei Wochen später hat sie ihren ersten Vollrausch. „Man selbst verändert sich durch die Therapie — nur zuhause verändert sich ja nichts.“

Zwei weitere kurze Klinikaufenthalte und ein Rückfall folgen. „Seit Ende 2014 bin ich trocken.“ Wie sie es schafft, auch in schwierigen Situationen stark zu bleiben? „Ohne Demut funktioniert es nicht und Selbsthilfegruppen sind das A und O für mich“, sagt Sabrina Schmidt. Sie habe erst lernen müssen, sich „zu 100 Prozent auf die Therapie einzulassen und die Fäden aus der Hand zu geben“. Der wichtigste Grund für die 53-Jährige, auch in Zukunft abstinent zu bleiben: „Das sind meine Kinder.“