Adolph Vagedes schenkte Krefeld die vier Wälle

WZ-Serie : Wälle bilden den Rahmen der Innenstadt

Adoloph von Vagedes prägte das Erscheinungsbild Krefelds maßgeblich. Sein Plan ist Leitbild.

Krefeld galt einst als schönste Stadt im Rheinland, als das rheinische Potsdam. Das war schon vor 1819 so und ist vor allem der Architektenfamilie Leydel zu verdanken, über deren barocke Stadtanlagen um den Neumarkt und die Friedrichstraße die WZ bereits berichtet hat. Der Architekt Adolph von Vagedes fand eine geordnete Grundstruktur vor und entwarf für die sechste Stadterweiterung 1819 ein lang gerecktes Rechteck, das den Umfang der Stadt verdreifachte. Ihm hat Krefeld die vier Wälle zu verdanken, die um alle vorangegangenen Planungen angelegt wurden und das städtische Gefüge zu einem Ganzen zusammenschlossen.

Das Rheinische Amt für Denkmalpflege beim Landschaftsverband Rheinland hat bereits 1994 die Erarbeitung einer Denkmalbereichssatzung „Krefeld-Innenstadt“ beantragt. Begründung: Die Erweiterung nach dem Vagedes-Plan sei bis heute Inbegriff der Stadtstruktur und gebe dem Stadtkern von Krefeld mit der klaren Blockrandbebauung eine unverwechselbare bauliche Erscheinung.“

Alte Stadtgräben verwandeln sich ab 1819 in breite Boulevards

Der besondere historische und städtebauliche Wert wird derzeit wieder entdeckt. Auf Antrag von SPD, Grünen und CDU soll nun von der Verwaltung eine kulturhistorische Analyse in Auftrag gegeben werden. Die soll als Grundlage für die Entwicklung der Vier Wälle dienen. Im Rahmen der WZ-Serie „Historische Plätze und Straßen“ besuchen die in Krefeld geborene Architektin Claudia Schmidt und Stadtforscher Georg Opdenberg gemeinsam die vier Wälle und weisen auf Besonderheiten und Entwicklungsmöglichkeiten hin.

Treffpunkt für diese Folge ist der Stein auf dem Ostwall Höhe Alte Linner Straße, den die Interessengemeinschaft Ostwall vor Jahren gespendet hatte. In ihn eingelassen ist ein Stadtgrundriss mit der sechsten Stadterweiterung von Vagedes.

„Dieser Plan strotzt nur so von Fehlern“, sagt Opdenberg, der als einstiger Vermesser bei der Stadt sich bestens mit den Katastern und Grundrissen dieser Stadt auskennt. „Es fehlt beispielsweise das Stadttor Höhe des heutigen Lokals Barcelona und der Übergang zur Linner Straße; dafür ist er im Plan weiter nach rechts Richtung der heutigen Rheinstraße gerückt“, sagt Opdenberg und nimmt das allererste Kataster Krefeld von 1826/28, das sogenannte Ur-Kataster, als Beleg zur Hand. Den Ostwall gab es damals noch nicht.

Ab 1819 verschwinden die Gräben rund um die Stadt, „und statt ihrer werden ein breiter Graben und ein Boulevard die neuen Quartiere umgeben“, so beschreibt Vagedes selbst die Transformation der barocken Stadtanlage in die klassizistische Idealform. Waren die alten Stadtgräben bis dahin Trennung zwischen Stadt und Land, sind es von da an die mehrreihig mit Bäumen bepflanzten Boulevards der Wälle (Ostwall vier-, Süd- und Westwall dreireihig), die den Übergang von Stadt zu Landschaft bilden.

Vagedes Idealform währt nicht lange. Bereits 1843 wird der Erweiterungsplan von Franz- Anton Umpfenbach für die siebte Stadterweiterung genehmigt, mit dem Krefeld schließlich bis an die heutigen Ringstraßen wachsen sollte. Der Ostwall war ursprünglich erkennbar länger als er heute ist. „1953, mit der Neuordnung der Innenstadt, ist der Ostwall verkürzt und am Nordwall die Polizeidirektion geplant worden“, erklärt Claudia Schmidt. Noch heute reicht der Ostwall bis an die Nordstraße, wie das Straßenschild an der Ecke eindeutig belegt. Nur die wenigsten Krefelder wissen das.

Die Nordstraße war
ursprünglich der Wall im Norden

„Auch ist der Nordwall nicht der Nordwall, wenn man von den vier Wällen nach Vagedes spricht“, ergänzt Georg Opdenberg. Denn der heutige Nordwall war bis 1876 als Moerser Straße bezeichnet worden. Und die Nordstraße ist eigentlich der von Vagedes geplante „Nordwall“. Er ist auch nicht so breit und prächtig bepflanzt worden wie die anderen drei Wälle.

„Die Besonderheit des Vagedes-Stadtgrundrisses hat Ende der 1990er-Jahre schon Prof. Klaus Humpert hervorgehoben“, sagt Schmidt. Der unter seiner Federführung erarbeitete 77 Seiten starke Rahmenplan Innenstadt sei die letzte wirklich integrale Planung, die es für Krefeld gebe.

Städtebau, Denkmalpflege, Kunstkonzepte, Grünplanung, Wohnen, Parkraum- und Verkehrskonzept wurden in einem Gesamtkonzept betrachtet — und nicht in getrennten Gutachten — „für 1990 durchaus fortschrittlich.“ Schmidt kann sich vorstellen, den Plan im Vagedes-Jubiläumsjahr 2019 aus der Schublade zu holen, ihn zu präsentieren und zu diskutieren.

Schmidt vermisst bei Humpert den Weitblick, den Stadtgrundriss dort, wo er mit der Neuordnung der Innenstadt in den 50er und 60er Jahren zerstört wurde, langfristig wieder zu reparieren. Vor allem zwischen dem heutigen Nordwall und der Nordstraße, aber auch am Theater- und Hirschfelder Platz schlummerten Entwicklungsmöglichkeiten, die sich nur mit dem historischen Stadtgrundriss verwirklichen ließen. Selbst Humpert habe sich da nicht so recht an die Verkehrsplanung — und vor allem an den ruhenden Verkehr — heran getraut.

Verbreiterung der St.-Anton-Straße widerspricht Vagedes

Die Verbreiterung der St.-Anton-Straße nach Ende des Zweiten Weltkrieges hält Claudia Schmidt für den Vagedes-Plan fatal. Dadurch ist die Innenstadt in Nord und Süd geteilt worden. Den aktuellen Vorstoß der Stadtplaner, die St.-Anton-Straße zurückzubauen, hält sie hingegen für eine große Chance.

Auch eine Randbebauung auf dem Theaterplatz und zwar genau in der Bauflucht des Ostwalls sei unter allen Umständen wiederherzustellen mit einer möglichst engen Öffnung zur St.-Anton-Straße, dann wäre der Ostwall auch nördlich der Rheinstraße wieder räumlich erfahrbar als ein blühender und repräsentativer Boulevard.

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