9000 Kinder in Krefeld haben geringere Bildungschancen

Bildung : 9000 Kinder in Krefeld haben geringere Bildungschancen

Arme Schulkinder in Krefeld bekommen viel zu wenig Unterstützung. Das sorgt für Ausgrenzung und Problemen in der Schule.

Es ist Weltkindertag. Und Schule. Auch heute werden Krefelder Kinder den Sportunterricht schwänzen, weil sie nicht wegen ihrer Aldi-Turnschuhe gehänselt werden wollen. Und es wird den täglichen Unterschied ausmachen, ob die Stifte in Kunst aus dem Schreibwarenladen oder vom Grabbeltisch sind. Egal was, wer nur das Billigste und Nötigste für seine Kinder zum Schulbeginn kauft, wird niemals mit dem Geld hinkommen, das der Staat Bedürftigen an dieser Stelle für Bildung zur Verfügung stellt.
70 Euro gibt’s zum Start, weitere 30 im Februar. Das Team vom Krefelder Kinderschutzbund hat sich aufgemacht und den von den Schulen geforderten Mindestbedarf eingekauft. Für 137,53 Euro. Und dann fängt es eigentlich erst an. Klassenkasse, Bücher, Kakaogeld...

Wegen Aldi-Schuhen wird Sport-Unterricht geschwänzt

Deshalb fordert der Kinderschutzbund Lehrmittelfreiheit, schon lange und für alle Kinder. Chancengleichheit direkt beim Einstieg in das Bildungsleben junger Menschen. Allein in Krefeld lebt fast jeder Vierte in einer Hartz IV-Familie, insgesamt 9000 Kinder unter 15 Jahren. In so genannten Ein-Eltern-Familien, also bei Alleinerziehenden, seien es in Krefeld gar 50 Prozent, moniert der Kinderschutzbund. Neben dem erwiesenen höherem Gesundheitsrisiko bedürftiger Kinder krankt vor allem die Bildungsperspektive. Die beginne erstmal mit den materiellen Grundlagen. „Wenn schon gezielte Förderung durch ein Teilhabepaket, dann mindestens in doppelter Höhe“, sagt Dietmar Siegert, Geschäftsführer des Krefelder Kinderschutzbundes.

In ihren Einrichtungen beobachtet die Organisation jeden Tag das starke Bildungsgefälle. „Es geht ja nicht nur um Hartz IV, viele Kinder von Geringverdienern sind genauso betroffen.“ Es gebe Fördervereine, die wertvolle Arbeit leisteten, aber die könnten die Lücke nicht schließen. „Es hat auch eine Menge mit Stigma zu tun. Kinder mit minderwertigem Material oder Kleidung, werden oft sofort identifiziert, gemobbt, an den Rand gestellt. Und auch Eltern ist es eher unangenehm, fremde Hilfe anzunehmen“, erzählt Siegert. Zudem fehle es in Schulen auch an der Sensibilität: „Zuletzt sprach eine Lehrerin an einer weiterführenden Schule einen 14-Jährigen vor versammelter Mannschaft an, sie benötige noch eine Bescheinigung des Jobcenters.“

Wie, fragt Kinderschutzbund-Vorsitzende Birgit August, soll es ein in Armut geborenes Kind so aus der Spirale schaffen? „Bei aller Sozialromantik: Man muss ja auch mal die wirtschaftliche Komponente betrachten. Diese Kinder sind das Potenzial von morgen, können Fachkräfte und Ingenieure werden.“ August sagt, sie habe innerhalb der vergangenen zehn Jahre nicht das Gefühl, dass Politik und Staat sich einen ganzheitlichen Ansatz trauen, sondern lieber flickschusterten.

Krefeld hat mit der Initiative „Krefeld für Kinder“ ein Zeichen gesetzt, OB Frank Meyer hat den ehemaligen Dezernenten Gregor Micus zum Koordinator ernannt. Die Krefelder Fachlichkeit diskutiert seit Monaten in so genannten Steuerungskreisen. Konkrete Ergebnisse gibt es bislang nicht.