Krefeld: 741 Anzeigen - Netzwerk im Kampf gegen häusliche Gewalt

Krefeld: 741 Anzeigen - Netzwerk im Kampf gegen häusliche Gewalt

140 Therapeuten, Ärzte, Erzieher, Lehrer und Berater informieren sich über die Auswirkungen partnerschaftlicher Konflikte. Auch in Flüchtlingsunterkünften kommt es zu Gewalt. Polizei und Stadt kooperieren, um auch dort Täter und Opfer zu trennen.

Krefeld. In den vergangenen Jahren hat sich die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Beratungsstellen, Polizei, Justiz und Jugendamt in Krefeld zu einem Netzwerk entwickelt, das im Kampf gegen Häusliche Gewalt, Opferschutz und Täterarbeit von allen Beteiligten als vorbildlich empfunden wird. Dass das Thema unverändert wichtig ist, belegen Zahlen. 741 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt hat die Polizei im Jahr 2015 aufgenommen, 300 Gewalttätern den Zugang zu Haus und Wohnung verboten, 178 Opfer direkt an die Beratungsstelle des SkF verwiesen. „Wir wissen nicht, wie viele von sich aus Hilfe gesucht haben“, sagt Ute Nöthen, die Opferschutzbeauftragte der Krefelder Polizei.

Das Frauenhaus mit 16 Plätzen für Mütter und Kinder war „voll ausgebucht“, sagt dessen Leiterin Martina Müller-West. 90 Frauen habe man abweisen müssen und versucht, sie in anderen Kommunen unterzubringen. „Wir nehmen nicht mehr Frauen auf, als in den Jahren zuvor, aber sie bleiben länger“, erläutert Müller-West. Es gebe zu wenig erschwinglichen Wohnraum. „Der Druck ist enorm“, sagt Dietmar Siegert, Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes. „Es gibt eine große Gruppe Menschen, die sich in einem kleinen Markt tummeln.“ Der Zuzug von Flüchtlingen macht sich dort bemerkbar.

Auch in den Flüchtlingsunterkünften kommt es zu Gewalt. Polizei und Stadt kooperieren, um auch dort Täter und Opfer zu trennen. „Die Flüchtlinge kommen mit vielfältigen Problemen, und dazu gehört auch häusliche Gewalt“, sagt Ute Nöthen. „Das war ein Thema in diesem Jahr.“

Es war allerdings nicht das Thema der gestrigen Tagung des Krefelder Netzwerks, zu dem 140 Ärzte, Therapeuten, Berater, Erzieher und Lehrer in die Friedenskirche kamen. Da ging es um die Auswirkungen häuslicher Gewalt auf die Kinder. Ein schwieriges Feld, denn die Zeichen sind schwer zu deuten. Kinder reagieren mit Schreien oder auch Schweigen auf Gewalt in der Familie, mit lauter Aggression oder stiller Anpassung. „Die Kinder haben keine Wahl“, sagt Andrea Vogt, Leiterin der Evangelischen Beratungsstelle. „Sie können der Situation nicht entfliehen.“ Aufmerksam sein, Anzeichen erkennen, nach Ursachen forschen, Experten einschalten und Hilfe suchen: Das ist gestern die Botschaft des Netzwerks an die Besucher. Lehrer oder Erzieher sollten das Problem erkennen, müssen es aber nicht lösen.

Die Gewalt hat viele Gesichter. „Es ist nicht mehr das blaue Auge“, sagt Juliane Saulle, Fachberaterin beim SkF. Oft ginge es um psychische Gewalt, auch Stalking. Handy und soziale Netzwerke veränderten die Bedrohung. „Es sind perfidere Formen als früher.“ „Auch wenn die Mutter geschlagen wird, ist das Kind direktes Opfer“, ergänzt Siegert.

Dem Team Kindeswohl im Fachbereich Jugend kommt bei der Bekämpfung häuslicher Gewalt besondere Bedeutung zu: Anonym kann man auf mutmaßliche Missstände aufmerksam machen oder sich über Hilfen informieren.

Hinweise auf Unterstützung und Ansprechpartner gibt es auf der Homepage der Stadt:

http://bit.ly/2fJuPpm

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