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100 Jahre nach Gründung bleibt Traum von Krefelder Heimatmuseum

LOKALGESCHICHTE : Der Traum vom Heimatmuseum bleibt

Bei der Gründung des Vereins für Heimatkunde vor 100 Jahren war das Ziel ein eigener Ort für Sammlerstücke und die Pflege der lokalen Historie.

Auf den Schränken thronten Porträts alter Krefelder Familien, in den Ecken standen verblichene Vereinsfahnen, auf kleinen Tischen lagen Säbel, Degen, Pistolen und sogar zwei kleine Kanonen aus Krefelder Vorzeit genauso wie Stadtpläne, Bücher und Karikaturen. So sah der Raum aus, in dem der engste Kreis der Gründungsväter des Vereins für Heimatkunde sich am 15. Februar 1918 traf. Peter Hubert Esser, Pfarrer an Liebfrauen, der spätere Schriftführer des Vereins, beschrieb den damaligen Beratungssaal im Kaiser-Wilhelm-Museum und wie die Kanonen „ihre Mündungen auf den Beschauer“ richteten.

Ursula Broicher hat auch diese Eindrücke Essers in ihrem Beitrag zur Geschichte des Vereins im neuen Krefelder Jahrbuch „Die Heimat“ aufgegriffen. Insgesamt 35 Artikel von knapp 40 Autoren gehören zum Jahrgang 89, den der Verein am 1. Dezember frisch gedruckt unter die Krefelder bringt – eine Woche nach der Feier des Hundertjährigen des Vereins am 24. November (siehe Kasten).

Zeugen der Geschichte wie die von Esser beschriebenen Exponate waren mit der wichtigste Grund dafür, dass am 22. Februar 1918 der Verein für Heimatkunde gegründet wurde – parallel zur Einrichtung eines Heimatmuseums. Denn auch wegen dreier lokal- und regionalhistorischer Ausstellungen im Kaiser-Wilhelm-Museum hatten sich im Haus einige Räume zu einem Depot für Sammelstücke entwickelt. „Das war mit dem Ziel, dem Kaiser-Wilhelm-Museum die Richtung einer reinen Kunstpflegestätte zu geben, nicht zu vereinbaren“, formuliert es Ursula Broich­er und stellt zum Jubiläum auf rund 40 Seiten das Auf und Ab eines Jahrhunderts dar.

Schnelles Wachstum, Hickhack und Inflationsprobleme

Vom schnellen Wachstum von 275 Mitgliedern im Jahr 1918 auf schon 800 drei Jahre später erzählt die Autorin und dem von einigen Beteiligten über die Tageszeitung ausgetragenen Hickhack, wo eine Heimatsammlung hingehöre, ob sie im Kaiser-Wilhelm-Museum störe oder, wenn anderenorts ausgestellt, beide unteren Stockwerke „so ziemlich ausgeräumt seien“, wie es der erste Direktor des Kaiser-Wilhelm-Museums, Friedrich Deneken, formulierte. Wie es war, als der Verein von der deutschen Inflation überrollt wurde, die Finanzen schlecht aussahen und der Mitgründer, langjährige Vorsitzende und „Die Heimat“-Herausgeber Karl Rembert mit einem gewitzten Schachzug Geld unter anderem von ehemaligen Schülern, die im „valutastarken Ausland“ lebten, beschaffte, erfährt der Leser des insgesamt fast 100 Seiten starken Jahrbuchs. Es wird in einer Auflage von 1500 Stück gedruckt – wie übrigens auch schon bei der ersten Ausgabe im Jahr 1921.

Manches ändert sich nicht: Für Vereins-Schriftleiter Stefan Kronsbein bleibt ein Heimatmuseum auch hundert Jahre nach der Gründung des Vereins ein Traum. Es sei „ein Versagen der Politik, in den 50er-, 60er-, 70er-, 80er-Jahren kein stadtgeschichtliches Museum geschaffen zu haben“, sagt Kronsbein, der auch Verleger des Jahrbuchs ist.

Neue Vorsitzende hätte Krefelder Geschichte gerne sichtbarer

Er schwärmt von anderen Städten, die Heimatmuseen pflegen, wie beispielsweise in der Nachbarstadt Mönchengladbach im Schloss Rheydt. Zwar gebe es in der Burg Linn eine stadtgeschichtliche Etage, aber die Ausrichtung des Museums an und für sich sei eben eher archäologisch. Angesichts der „besseren wirtschaftlichen Voraussetzungen“ hat Kronsbein die Hoffnung auf ein Heimatmuseum noch nicht aufgegeben.

Julia Obladen-Kauder, seit vier Monaten neue Vorsitzende des Vereins und die erste Frau an dieser Position, sieht auch Handlungsbedarf im Stadtbild selbst, wo beispielsweise Pflasterungen auf historisch bedeutsame Orte hinweisen, es aber keine Schilder gibt, die etwas erklären. „Wir müssen die lokale Geschichte ins Bewusstsein der Krefelder holen und auch Besuchern neben den musealen Angeboten begreifbar machen“, sagt die Archäologin. Ihr Ziel: „Wir müssen insgesamt mehr an die Bevölkerung gehen und versuchen, mehr junge Leute dafür zu interessieren.“