Klimawandel setzt Kirchenorgeln zu Auch Orgeln sind wetterfühlig

Kreis Mettmann · Korrosion und Schimmel setzen den Orgeln in Kirchen zu. Im schlimmsten Fall ist dann kein Mucks mehr zu hören. Welche Maßnahmen Kantorin Tanja Heesen und Kantor Matthias Röttger dagegen ergreifen.

 Kantor Matthias Röttger an seinem Arbeitsplatz, der Orgel.

Kantor Matthias Röttger an seinem Arbeitsplatz, der Orgel.

Foto: Köhlen, Stephan (teph)

Der Kasten hinterm Altar in der Kirche St. Peter und Paul beherbergt normalerweise rund 800 Orgelpfeifen in allen Größen. Jetzt ist er leer. Lediglich verschieden hohe Holzklötze ragen in den Raum. Die Pfeifen wurden entfernt und werden aktuell einer Spezialbehandlung unterzogen. Die Diagnose: Korrosion, vermutlich ausgelöst durch den Klimawandel. Orgelsachverständiger Ansgar Wallenhorst schlägt Alarm. Denn jede zweite Kirchenorgel könnte betroffen sein.

Er muss es wissen, regelmäßig spielt Wallenhorst selbst die Orgel in Ratingens größtem Kirchenbau. Ende des vergangenen Jahres gab es ein böses Erwachen. Stadt melodischer Klänge kam aus etlichen Pfeifen kein Ton mehr. „In einem einzigen Register sind rund zwei Drittel der Pfeifen befallen“, erklärt der Fachmann. Das Tückische: Der Korrosionsbefall ist von außen nicht zu sehen. „Wenn man es hört, ist es bereits zu spät.“

Als derzeit einziger Orgelsachverständiger im Erzbistum Köln wird Wallenhorst immer dann gerufen, wenn die meist sehr alten Instrumente kränkeln. „Korrosionsschäden an Orgelpfeifen sind zwar kein neues Phänomen, sie treten aber in jüngster Vergangenheit verstärkt auf.

Als Ursache vermutet der Experte den Klimawandel. „Korrosion tritt auf, wenn Blei mit Gerbsäure in Kontakt kommt“, erklärt er. Diese Gerbsäure tritt aus Holz aus. „Das Holz nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie als Acetat wieder ab“. Dieses greift die Orgelpfeifen an. In welchem Ausmaß das Metall geschädigt wird, hängt von seiner Zusammensetzung ab.

Reine Metalle sind
anfälliger gegen Bleizucker

Ironischerweise sind reine Metalle, wie sie heute hergestellt werden, anfälliger für Bleiacetat, umgangssprachlich Bleizucker genannt, als ältere Legierungen. Früher haben die Orgelbauer Holz vor der Verarbeitung in Wasser gelegt, um die vorhandene Gerbsäure herauszulösen. Dieses Verfahren wird heute nicht mehr angewendet.

Und wie hängt das mit dem Klimawandel zusammen? „Wir haben heute im Sommer mehr heiße und feuchte Tage als früher“, erklärt Wallenhorst. Eine Messung in St. Peter und Paul zu Ratingen zeigte im Sommer eine Luftfeuchtigkeit von 91 Prozent. „Im Winter lag die Grundtemperatur in Kirchen bei acht Grad, für Gottesdienste wurden sie auf 16 Grad geheizt.“ Da die Gemeinden im vergangenen Winter nicht nur den CO2-Ausstoß minimieren, sondern auch den Energieverbrauch senken wollten, wurden viele Kirchen gar nicht beheizt. Ein Fehler.

Den die Kollegen in der evangelischen Gemeinde an der Freiheitstraße Mettmann nicht gemacht haben. „Wir haben niemanden frieren lassen“, sagt Kantorin Tanja Heesen zu den hier bevorzugten lauschigen Temperaturen. „Das war für alle Menschen gut“ – es gab gegen die Bibberkälte auch eine regelmäßige Suppenküche – „und für die Instrumente auch“. Dass die Königin der Instrumente aka Orgel aus dieser Gemeinde trotzalledem in eine Art Beauty-Klinik muss, ist nicht Zinnpest, Bleizucker oder Schimmel geschuldet, nach 50 Jahren ist diese Aufhübschung einfach dran.

In den Zungenstimmen wurden Oboe und Krummhorn bereits neu intoniert, erklärt Tanja Heesen. Der besondere Registerzug namens Tremulant soll neu eingestellt werden, Pfeiffen werden ausgereinigt, der Winddruck auf der Achtfuß-Gambe wird einer Kontrolle unterzogen „und es wäre schön, klänge die Posaune sanfter“.

Auch Matthias Röttger, Regionalkantor mit Arbeitsplatz St. Lambertus gibt Entwarnung: „Der Orgel geht es gut.“ Sie datiert anno 1912, wurde 2000 völlig neu aufgebaut und bleibt ein Schmuckstück. „Wir hatten mal einen Schimmelbefall“, erinnert sich Matthias Röttger. Seitdem durchpusten zwei Mal täglich zwei Ventilatoren für etwa 30 Minuten die Register per Quer- und Umlüftung.

„Ein erstes Anzeichen für einen Befall ist, wenn sich die Orgel schwer stimmen lässt“, so Wallenhorst. Die Stimmzunge, die durch einen Luftstrom in Schwingung versetzt wird, bewegt sich nur schwer oder gar nicht. Es entsteht kein Ton. Der Orgelsachverständige wird immer häufiger in Kirchen gerufen, die Bleiacetat an der Orgel vermuten. Er schätzt, dass 30 bis 40 Prozent der Instrumente im Erzbistum betroffen sind. Jeder zweite können von Schimmel befallen sein. Das Ausmaß ist unterschiedlich, denn viele Orgeln wurden über die Jahrzehnte erweitert und somit unterschiedlich anfällige Materialien verbaut. Über die Jahre hinweg hat Wallenhorst ein umfangreiches Netzwerk zu Orgelbauern aufgebaut, die ihm bei Diagnose und Reparatur mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Um Schimmel und Korrosion bei Kirchenorgeln vorzubeugen, empfiehlt Wallenhorst: „Spielen, lüften, kontrollieren.“ Sei ein Instrument erst einmal befallen, sei die Reparatur nicht nur sehr zeitaufwendig, da alle Pfeifen ausgebaut werden müssten, sondern vor allem auch teuer.

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