Kommunale Theater und Orchester: Bühne frei für neue Möglichkeiten

Landesmittel für die Profilförderung : Bühne frei für neue Möglichkeiten

Ein Programm des Kulturministeriums NRW unterstützt 15 Projekte kommunaler Theater und Orchester. Mit dabei: das inklusive Schauspielstudio in Wuppertal.

Thomas Braus hat nur noch den Moment der offiziellen Veröffentlichung abgewartet. Mit der Bekanntgabe der Profilförderung für kommunale Theater und Orchester durch NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen brachte der Wuppertaler Schauspielintendant am Montag auch gleich die bundesweite Ausschreibung für das geplante inklusive Schauspielstudio an seinem Haus auf den Weg. Vier Menschen mit Behinderung sollen dort die Chance erhalten, sich über drei Jahre als Schauspieler qualifizieren zu lassen. „Das Ziel ist, dass sie die Möglichkeit haben, professionell Theater zu machen.“

Das Wuppertaler Projekt ist eines von 15 an kommunalen Theatern und Orchestern, die sich über über eine gezielte Profilförderung des Landes für einen Zeitraum von drei Jahren freuen können. Insgesamt rund 9,2 Millionen Euro fließen in der ersten Förderrunde. So erhält das Wuppertaler Inklusionsprojekt rund 350 000 Euro. Weitere 260 000 Euro unterstützen das Festival „Sound of the City“ der Oper Wuppertal. Aber auch das Theater Krefeld und Mönchengladbach kann mit knapp 440 000 Euro in den kommenden drei Jahren sein bisheriges Opernstudio Niederrhein erweitern und als „Das Junge Theater“ zur Förderung und Weiterbildung junger Künstlerinnen und Künstler nutzen.

Die Kommunen dürfen ihrerseits
die Etats nicht kürzen

Pfeifer-Poensgen setzt damit ihre Ankündigung um, neben der Basisförderung für die kommunalen Theater und Orchester auch eine Zusatzförderung anzubieten, die zweckgebunden dazu dienen soll, eigene Profile zu schärfen. Der Programmtitel „Neue Wege“ führt dabei etwas in die Irre: Nicht nur Innovationen stehen im Blickpunkt des Ministeriums, sondern auch schon längst in den Häusern schlummernde Qualitäten, die mit den neuen finanziellen Möglichkeiten ausgebaut werden können. Die Bedingung: Die jeweiligen Kommunen nutzen die Förderung nicht, um ihrerseits Mittel zu streichen, sondern müssen mindestens ihre Etats beibehalten. Und sie sind selbst gehalten, sich finanziell in die jeweiligen Projekte einzubringen. Eine 100-Prozent-Förderung des Landes gibt es nicht.

Für Indendant Braus steht fest: „Ohne die Landesförderung hätten wir das inklusive Schauspielstudio nie realisieren können.“ Zwar gibt es bereits eine Zusammenarbeit mit der inklusiven Glanzstoff-Akademie, die Menschen mit Behinderung auf Auftritte in Theater, Film und Fernsehen vorbereitet. Aber für deren Produktion war das Schauspiel bisher eher nur Gastgeber.

Das soll jetzt anders werden: Teile des Ensembles, die Musikhochschule und Glanzstoff kooperieren für die Ausbildung, auch Schauspielschüler sollen für ein Semester in das Studio integriert werden, damit die künstlerische Zusammenarbeit auf der Bühne zwischen Menschen mit und ohne Handicap zur Selbstverständlichkeit wird. Die Kölner Schauspielschule „Der Keller“ ist schon mit im Boot.

„Jeder Körper erzählt etwas“, sagt Braus. „Wir brauchen keine Idealkörper, sondern wollen auf der Bühne einen Querschnitt durch die Gesellschaft.“ Herausfordernd wird bereits der Auswahlprozess – und die Frage, welche Form von Behinderung, auch von Sprachbehinderung, noch mit den Anforderungen eines Sprechtheaters vereinbar ist. Im Oktober soll es losgehen, die Proben für die erste inklusive Produktion („Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert) beginnen im Dezember.

Auch Verstetigung der Förderung
nach drei Jahren ist denkbar

Das Ministerium hat für sein Programm „Neue Wege“ zwei weitere Förderrunden im Herbst 2019 und 2020 vorgesehen. Auch sie werden Planungssicherheit für mindestens drei Jahre bieten, selbst wenn die Legislaturperiode 2022 endet. Ministerin Pfeiffer-Poensgen stellt in Aussicht, dass auch eine Verstetigung der Mittel über den Förderzeitraum hinaus möglich sein kann, dann nicht in voller Höhe, aber zumindest zur Hälfte.

Das Opernstudio Niederrhein sei, so erzählt die zuständige Musiktheater-Dramaturgin Ulrike Aistleitner, bisher ausschließlich über private Sponsoren finanziert worden. Das bisher auf die Oper beschränkte Konzept kann nun dank der Landesförderung auf weitere Sparten des Theaters Krefeld und Mönchengladbach ausgeweitet werden. Ab 1. September wird das in Mönchengladbach angesiedelte „Junge Theater“ neben vier Sängern und einem Repetitor (Klavierbegleiter)  auch vier Orchestermusiker, zwei Tänzer und ein Schauspieler nach ihrem abgeschlossenen Hochschulstudium über zwei Jahre an die Bühnenpraxis heranführen.

Das Spektrum der geförderten Projekte bis hin zur Puppenspielkunst am Musiktheater im Revier verdeutlicht auch, wie frei die Ausschreibung gehalten war. Ursprünglich noch formulierte Kriterien wurden seitens des Ministeriums wieder gestrichen. Die Skepis bei den Einrichtungen scheint schnell gewichen zu sein. Michael Schmitz-Aufterbeck,, Sprecher der Theaterintendanten NRW und als Aachener Intendant selbst Nutznießer des Programms, schwärmt von einer „sehr empathischen und sehr zugewandten“ Anhörung vor der Jury. „Das war eine zu 100 Prozent tolle Erfahrung.“

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