Junge Meerbuscherin erobert den belgischen Schoko-Kosmos

Chocolaterie : „Schoko-Oscar“ für junge Meerbuscherin

Porträt Louisa Hilger (20) lernt Chocolaterie in Brügge. Jetzt hat sie mit ihrer eigenen Pralinen-Kreation „Joya“ bei den „Belgian Chocolate Awards“ abgesahnt.

Die Zähne knacken durch eine rot-marmoriert glänzende Schicht dunkler Schokolade, graben sich dann in die weiche Ganache und fruchtiges Gelee. Louisa Hilger aus Meerbusch ist erst 20 Jahre alt – aber sie hat Geschmack. Preisgekrönten Geschmack sogar. Mit ihrer eigenen Pralinen-Kreation „Joya“ (spanisch: Juwel) hat sie in der Kategorie Schüler jetzt einen „Belgian Chocolate Award“ gewonnen. Im Land der Schokolade so etwas wie ein Oscar der Gaumenfreuden.

Louisa Hilgers Elternhaus steht in einer schicken Wohnsiedlung des idyllischen Stadtteils Lank-Latum. Als Schülerin besuchte sie ein Gymnasium in Düsseldorf und machte deutsch-französisches Doppelabitur, strebte ein bilinguales Studium an. Die Zeichen standen auf Akademikerkarriere. Nur fand die junge Frau gar kein Fach, das sie interessierte. Zumindest nicht so sehr wie Naschwerk.

„Ich habe schon mein Leben lang gebacken“, erzählt Louisa lächelnd und wie zum Beweis steht hinter ihr eine Rhabarbertorte mit Baiserhaube auf der Anrichte, die sie morgens rasch mit Mutters Ernte aus dem Garten gezaubert hat. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe: Ich muss ja gar nicht studieren, ich kann auch eine Ausbildung machen.“ Eine Erkenntnis, die ihrer Mutter zunächst skeptische Furchen ins Gesicht getrieben habe. Inzwischen, sagt die angehende Chocolatière, stehen beide Eltern voll hinter ihr: „Sie merken, dass ich das, was ich tue, gern tue. Und gut tue.“ Es so gut zu tun, lernt sie an einer der führenden Ausbildungsstätten Belgiens: der Gastronomieschule „Ter Groene Poorte“ in Brügge.

„Ich habe ein Dreivierteljahr an der Praline gearbeitet“, sagt Louisa – was durchaus mehr ist, als der Studenten-Durchschnitt in Hausarbeiten investiert. Sie experimentierte mit Paranuss-Nougat, mit Mohn-Karamell, verwarf es – schon das Forschungs-Setting treibt das Wasser auf die Zunge. Zuletzt lag die Lösung so nah: Louisa selbst trinkt begeistert Chai Latte, er wurde die Basis für „Joya“. Auch deren Produktion selbst allerdings ist eine zwei Tage füllende Angelegenheit. „Wenn man eine Praline zu schnell macht, verliert sie Glanz, ist nicht so knackig.“

Ein Tröpfchen Gelee, eine Creme aus Chai Latte, gerösteter Mohn

Zunächst wird die Form mit gefärbter Kakaobutter ausgesprüht, damit das Juwel später funkelt. Es folgt dunkle Schokolade, die aushärten muss, sowie eine Schicht aus geröstetem Mohn. „Er bringt Textur rein“, schwärmt die 20-Jährige. Dann ein Tröpfchen fruchtigen Himbeergelees und eine sahnige Ganache aus weißer Schokolade mit Chai-Latte-Würzmischung. „Es ist eine Kombination, die allen schmeckt“, verspricht Louisa.

Die Preisrichter in der Kategorie „Students“ sahen es ebenso und hoben die deutsche Schoko-Schülerin ganz oben auf das Podest. Ein Star ist sie damit nicht, aber: „Es sind die inoffiziellen Meisterschaften. Man hat meine Praline in der Schokoladenwelt jetzt schon mal gesehen.“ Sie habe viel Aufmerksamkeit erhalten und jede Menge Angebote für Praktika bei großen Meistern, die sie gern annehmen wird, berichtet Louisa: „Ich bin noch lange nicht ausgelernt.“

Der Mut der Belgier fehlt Louisa
in Deutschland bisweilen

Und doch gibt sie im Brüggener Schokoladenmuseum sonntags bereits selbst Pralinen-Workshops. „Ein toller Job“, sagt sie. Und immer tauche eine Frage auf: Kann sie Schokolade überhaupt selbst noch sehen? „Jaaaa!“, lacht die Meerbuscherin. „Ich liebe Schokolade!“ Ihr Vater erzähle gern, wie Louisa gerade krabbeln konnte und im Garten ein an Ostern vergessenes Schoko-Ei in Zellophan aufspürte – die Eltern fanden sie braun verschmiert mit Plastik zwischen den Zähnchen. „Papa sagt immer, das war der Anfang“, lacht Louisa.

Ihr Ziel ist ein eigenes Café in Deutschland mit Trinkschokolade, Torten und natürlich jeder Menge Pralinen. „Ich möchte umweltfreundlich und fair produzieren“, sagt die junge Frau. Und kreativ. Sie habe nichts gegen Klassiker wie Rumkugeln und Champagner-Trüffel. Doch in Deutschland fehle ihr bisweilen der Mut der Belgier zum Tüfteln.

Einen ersten Test ihrer kreativen Schoko-Kunst am deutschen Markt plant die 20-Jährige für den Dezember – beim Nikolausmarkt in ihrem Heimatort Lank-Latum. „Dieser Plan steht“, sagt Louisa, die ihre Pläne für gewöhnlich ja in die Tat umsetzt. Dann wird sich erweisen, ob auch die deutschen Zungen ihre Kreation für oscarreif halten.

Mehr von Westdeutsche Zeitung