Jugendkriminalität in Düsseldorf Statistik: Gewaltkriminalität unter  Jugendlichen nimmt in Düsseldorf zu

Düsseldorf · Die Verdächtigen der jüngsten Gewalttaten in Düsseldorf sind auffällig jung – meist zwischen 16 und 18 Jahre alt. Dabei nimmt die Jugendkriminalität der Statistik zufolge ab. Die ist jedoch differenziert zu betrachten, sagt ein Experte.

Die Verdächtigen schwerer Straftaten scheinen immer jünger zu werden: Nach einem Messerangriff in der U 79 hat die Polizei kürzlich zwei Tatverdächtige, 16 und 18 Jahre alt, festgenommen. Nach einer Auseinandersetzung auf dem Burgplatz an Karneval stellten sich zwei 17-Jährige der Polizei. Ein 16-Jähriger wurde inhaftiert, weil er auf der Hunsrückenstraße einen anderen Minderjährigen niedergestochen haben soll. Und das sind nur die jüngsten schweren Delikte, die bekannt wurden. Aber werden Straftäter wirklich immer jünger – und immer gewalttätiger?

Die Statistik zeigt zunächst ein anderes Bild: In den vergangenen Jahren hat die Zahl der jungen Tatverdächtigen stark abgenommen. 2011 zählte die Polizei in Düsseldorf fast 6000 Tatverdächtige unter 21 Jahren, im Jahr 2021 waren es weniger als 4000 – ein Rückgang um ein Drittel. Doch auch wenn die Zahl der jungen Tatverdächtigen gesunken ist, ist sie nicht unerheblich: Jugendliche und Heranwachsende machen in Düsseldorf einen Anteil von knapp sechs Prozent aus. Bei den Tatverdächtigen ist diese Altersklasse jedoch mit etwa 17 Prozent vertreten – also deutlich mehr als im gesellschaftlichen Durchschnitt.

Die Qualität der Gewalt
hat sich verändert

Die Statistik müsse aber differenziert betrachtet werden, sagt Michael Minten. Er ist Erster Kriminalhauptkommissar und Experte für Jugendkriminalität. „Die Statistiken spiegeln das Hellfeld wider, aber eben vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie“, sagt Minten. So ist etwa die Zahl der Diebstähle zurückgegangen, jedoch fehlten hier auch während der Lockdowns die Tatgelegenheiten. In den Jahren 2015 bis 2020 hatte die Jugendkriminalität in Düsseldorf zugenommen, „insbesondere die Gewaltkriminalität unter Jugendlichen“.

Verändert hat sich aus Sicht des Experten die Qualität der Gewalt. Geprügelt hätten sich Jugendliche schon immer. „Aber die Gewalt ist enthemmter“, sagt Minten. Waffen wie Messer, Totschläger oder Baseballschläger seien gängiger. Eine körperliche Auseinandersetzung ist dann oft folgenschwerer als bei einem Faustkampf. „Außerdem werden immer häufiger Unbeteiligte ohne erkennbaren Grund zu Opfern“, sagt Minten. An Rosenmontag etwa wurde ein 18-Jähriger auf der Ritterstraße im Vorbeigehen von drei Personen angerempelt, ins Gesicht geschlagen und mit einer Stichwaffe attackiert. Viele Jugendliche sähen die Auseinandersetzungen als Schaukämpfe, als Provokation von Sicherheitsleuten oder gar als Event – und prahlen in den sozialen Medien damit. „Gewalt wird bei diesen jungen Menschen nicht mehr als verwerflich angesehen. Im Gegenteil: Sie suchen damit nach Anerkennung“, so der Experte.

Auffällig ist über alle Altersstufen hinweg, dass es überwiegend Jungen und junge Männer sind, die Straftaten begangen haben sollen – drei von vier Tatverdächtigen unter 21 Jahren sind männlich. Damit hat der Anteil der männlichen Straftäter seit 2011 (70 Prozent) sukzessive zugenommen. Es ist eben jene Bevölkerungsgruppe, die praktisch überall auf der Welt häufiger Straftaten verübt. Junge Männer testen nicht nur ihre eigenen Grenzen aus, sondern auch die des Rechtsstaats. Viele Tatverdächtige seien junge Männer mit Migrationshintergrund mit geringer Schulbildung und schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sagt Minten. „In der Gruppe werden sie dann aber anerkannt.“

Das Ergebnis sind der Statistik zufolge besonders häufig Straßenkriminalität und Gewalttaten – in diese Delikte sind unter 21-Jährige in Düsseldorf besonders häufig verwickelt und machen jeweils ein Drittel aller Verdächtigen aus. Ebenfalls häufig treten sie bei Drogenmissbrauch in Erscheinung (22 Prozent).Bei sexuellen Beleidigungen ist ein starker Zuwachs zu sehen. Das liege auch am veränderten Anzeigeverhalten, sagt Minten. Opfer seien heute eher bereit, eine Anzeige zu stellen als früher. Aber auch durch die verbesserten polizeilichen Auswertemöglichkeiten steige die Anzahl der ermittelten Tatverdächtigen.

Allerletzter Warnschuss
ist der Jugendarrest

Die Polizei setzt schon früh an, beim klassischen Einstiegsdelikt: Fällt ein Kind oder Jugendlicher zum Beispiel mit Diebstahl oder Körperverletzung auf, werden Risiko- und Schutzfaktoren analysiert und bei Bedarf an Programme wie „Kurve Kriegen“ oder „Gelbe Karte“ verwiesen. Die Landesinitiative „Kurve Kriegen“ etwa bietet Unterstützung durch Sozialarbeit und Alternativen wie Sportkurse und Anti-Aggressionstrainings. „Es gilt, so früh wie möglich, kriminelle Karrieren zu verhindern“, sagt Minten. Viele seien nach ersten Gesprächen mit Polizei, Staatsanwaltschaft oder Jugendamt aber bereits geläutert.

Wird ein Jugendlicher fünf Mal in einem Jahr auffällig, gilt er als Mehrfachtatverdächtiger. Geht es dabei auch um Gewaltdelikte, folgt die Einstufung als Intensivtäter. Als allerletzter Warnschuss gilt der Jugendarrest. Dann müssen die jungen Straftäter ein Wochenende hinter Gittern verbringen. Anders als bei Freiheitsstrafen für Erwachsene geht es beim Jugendarrest jedoch in erster Linie darum, neue Straftaten zu verhindern und erzieherisch zu wirken.

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