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Holpriger Start - Hat die EU den Impfstart verbockt?

Holpriger Start : Hat die EU den Impfstart verbockt?

Zu wenig Impfstoff, zu spät bestellt, zu schlecht verhandelt, zu sehr geknausert – nicht nur Söder führt in Deutschland laute Klage gegen die EU. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen steht unter Druck.

Markus Söder konnte sich den Seitenhieb nicht verkneifen. Es sei gut, sagte der CSU-Chef am Montagabend nach dem Corona-„Impfgipfel“, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema nun zur „Chefsache“ gemacht habe, auch gegenüber Brüssel. „Die Europäische Union hat dargestellt, dass aus ihrer Sicht alles im Plan gelaufen ist“, sagte Söder. Und ließ keinen Zweifel, dass er das ganz anders sieht.

Zu wenig Impfstoff, zu spät bestellt, zu schlecht verhandelt, zu sehr geknausert – nicht nur Söder führt in Deutschland laute Klage gegen die EU. Vor allem Kommissionschefin Ursula von der Leyen steht unter Druck, seit die EU beim Impfen Staaten wie Israel, den USA und Großbritannien mühsam hinterherhumpelt.

Und jetzt leistete sich die Kommission auch noch eine schwere Panne bei der hektisch aufgelegten Impfstoff-Exportbremse. Läuft also etwas grundsätzlich schief bei der Pandemiebekämpfung in der EU? Stünde Deutschland allein besser da? Und hat es von der Leyen versemmelt?

Die Kommissionschefin wirkte fahrig, als sie am Sonntagabend im ZDF ihre Linie verteidigen sollte. 18 Millionen Impfdosen seien bereits an die EU geliefert worden und zwölf Millionen der 450 Millionen EU-Bürger geimpft, sagte sie. Das sei „eine stattliche Zahl“. Nur hatte da allein Großbritannien schon etwa neun von knapp 67 Millionen Einwohnern geimpft.
„Wir sind gut vorangekommen“, beharrte von der Leyen.

Im Februar und März werde es noch mal schwierig. Aber im zweiten Quartal werde es dann deutlich mehr Impfstoff geben. EU-Ziel sei, bis Ende des Sommers 70 Prozent der Erwachsenen zu impfen. „Wenn wir das geschafft haben, dann ist das eine gewaltige Leistung“, sagte die Kommissionschefin. Tatsächlich ist dieses Ziel gar nicht so abwegig, wie es derzeit klingt.

Zumindest der Impfstoff dürfte irgendwann reichen. Es gibt 380 Millionen Erwachsene in den 27 EU-Staaten, 70 Prozent wären 266 Millionen. Bei zwei Impfdosen pro Person bräuchte man dafür 532 Millionen Einheiten. Allein im ersten und zweiten Quartal erwartet die Kommission zusammen mehr als 400 Millionen Dosen.

Und das nur von den bereits zugelassenen Impfstoffen von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca. Zwei weitere Hersteller – Johnson&Johnson und Novavax – stehen in den Startlöchern und könnten eine EU-Zulassung bekommen. Dem in Deutschland gerne wiederholten Argument, man hätte mehr von Biontech/Pfizer und Moderna bestellen sollen, hält die EU-Kommission entgegen: Damit wäre die Produktion jetzt auch nicht größer. Man hätte nur später mehr, wenn ohnehin kein Mangel mehr herrsche.

Der SPD-Europaabgeordnete Bernd Lange sieht das nicht ganz so. Er wies am Montag im WDR darauf hin, dass Impfweltmeister Israel sich eben bewusst anders entschieden habe: Das Land habe voll auf Biontech/Pfizer gesetzt und auch tiefer in die Tasche gegriffen. Statt zwölf Euro pro Dosis habe Israel 20 Euro bezahlt. Beides habe sich „inzwischen als die bessere Strategie erwiesen“, meinte Lange. Im Zweifel hätte man von jedem Impfstoff ausreichende Mengen bestellen können.

Noch einen Kritikpunkt muss sich die EU-Kommission anhören: Die Impfstoffverträge seien zu spät abgeschlossen worden. So begründete der Pharmakonzern Astrazeneca eine Lieferkürzung für die EU im ersten Quartal zum Teil damit, dass Großbritannien mit dem Vertrag früher dran war. Doch unterschrieb auch die EU immerhin schon im August, lange vor der Zulassung.

Später dran war die EU tatsächlich mit der Zulassung der Vakzine. Zuerst Biontech/Pfizer am 21. Dezember – drei Wochen nach Groß­britannien. Bei Astrazeneca ließ sich die EU sogar vier Wochen mehr Zeit. Die EU-Strategie lautet: Marktzulassung statt Notfallzulassung, um so die Herstellerhaftung zu klären und mit gründlicher Prüfung auch Impfskeptiker von der Sicherheit und Wirksamkeit zu überzeugen.