Die WZ sprach mit Menschen, die nach der Flut mit angepackt haben Hochwasserhelfer: „Das geht einem nah“

Phillipp Heidenreich (22), im Hauptberuf Architekt, gehört zum Technischen Hilfswerk (THW) - ab dem Mittwochmittag vor dem Hochwasser war er im Einsatz, um das Gerüst für das Stromkabel an der Kabelstraße zu sichern.

Die große Menge des Treibguts, hier in Beyenburg an der Fußgängerbrücke nach Schemm, beeindruckte die Helfer schwer.

Die große Menge des Treibguts, hier in Beyenburg an der Fußgängerbrücke nach Schemm, beeindruckte die Helfer schwer.

Foto: THW Wuppertal / to/Tim Oelbermann

„Erst war die Lage noch ruhig, aber dann haben wir gemerkt, da ist etwas im Argen“, erinnert er sich. Die Wupper schwoll nicht ab, wie vorhergesagt, es regnete weiter und das Wasser stieg im Laufe des Abends bis auf die Höhe der Brücke.

Bis etwa 23 Uhr waren sie gemeinsam mit den Höhenrettern der Feuerwehr beschäftigt, das Kabelgerüst schließlich am Schwebebahngerüst zu befestigen, um es gegen den Druck der Wassermassen zu sichern. In kompletter Montur standen Strömungsretter der DLRG daneben, um sofort eingreifen zu können, wenn einer in die Wupper fällt.

Danach gab es für Phillipp Heidenreich und seine THW-Kollegen direkt den nächsten Einsatz: das Von der Heydt-Museum gegen einen möglichen Wassereintritt zu schützen. Sie dichteten Türen und Fenster ab, legten Sandsäcke aus. Weil die befürchtete Wasserwelle nicht kam, ließen sie gegen 2.30 Uhr ihr Gerät im Haus zurück, sagten Direktor Roland Mönig aber zu, bei einem Wassereinbruch sofort zu kommen.

Am nächsten Tag war Heidenreich in der Kohlfurth, begutachtete als angehender Baufachberater mit einem Kollegen des THW geflutete Häuser, schaute, ob sie akut einsturzgefährdet waren – was zum Glück nicht zutraf. Den Anblick der Kohlfurth erinnert er als „surreal“: „Ich kenne die Kohlfurth als idyllischen Ort und dann war da alles zerstört.“ Überall Schlamm, Dreck und Müll, in einigen Autos habe noch Wasser gestanden. „Das geht einem nah.“

Als „eine andere Welt“ hat auch Heino Müller von den Johannitern die Kohlfurth erlebt. Er hatte einen Feuerwehrzug aus Uellendahl in den Vorort gelotst. „Es standen ganz viele Menschen auf der Straße, überall lagen Riesen-Müllhaufen.“ Er traf den Inhaber der Werkstatt, der die Motorräder der Johanniter wartet. Die war ebenfalls überflutet. „Der hatte Tränen in den Augen, war aber gleichzeitig gefasst“, berichtet Müller. Wie andere Betroffene habe der Werkstattinhaber gesagt: „Es muss ja weitergehen.“

Pausenlos gearbeitet hätten die Anwohner, berichtet er. Gestoppt hätten sie, als in der Kohlfurth ein Feuerwehrzug aus Frechen ankam. Das Staunen sei groß gewesen, dass Menschen aus dem Rhein-Erft-Kreis helfen. „Da standen 50 Leute und haben einfach geguckt“, berichtet Müller. Dann hätten sie geklatscht und seien wieder an die Arbeit gegangen.

Was er immer wieder erlebte: „Die Dankbarkeit ist sehr beeindruckend.“ Die Leute wunderten sich, dass Menschen kommen und helfen, aber sie seien sehr dankbar, das sei sofort zu spüren. „Da weiß man auch, wofür man das tut.“

„Das waren Szenarien
wie in Kriegsgebieten“

Diesen direkten Kontakt zu Betroffenen hat Ines Donotek (30) beim THW selten, aber sie erfüllt ebenfalls wichtige Aufgaben. Sie gehört zum Fachzug Führung und Kommunikation, unterstützt jeweils den Leitungsstab, sorgt mit einem Wagen voller Technik dafür, dass die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Bereichen funktioniert.

Dass ein größerer Einsatz bevorsteht, sei ihr schon früh am 14. Juli klar gewesen, sagt sie - als Angehörige ihr berichteten, dass die Schwarzbach knietief unter Wasser stand. Am Mittag bekam die Axalta-Mitarbeiterin vom THW die Alarmierung nach Hagen, organisierte dort bis Freitag den Einsatz mit. Anschließend war sie am THW-Standort in Wuppertal-Ronsdorf, hat hier die Kommunikation unterstützt, Material besorgt, Verpflegung organisiert. Sie sagt: „Die Kooperation mit Polizei und Feuerwehr hat wunderbar geklappt.“

In den Folgewochen war sie in Erftstadt, dann in Euskirchen, hat da auch die Lage in den Orten selbst gesehen. „Da wird einem schon schwer ums Herz“, sagt sie. Hängen geblieben ist ihr der Anblick eines alten Ehepaars, das versuchte, seine Fotos zu trocken. „Das lässt einem das Herz bluten.“

Hilfe für andere Überflutungsgebiete hat auch Heino Müller von den Johannitern organisiert. Er hat einen „Patiententransportzug“ aus zehn Kranken- und Rettungswagen sowie Personal der vier Hilfsorganisationen Johanniter, Rotes Kreuz, Arbeitersamariterbund und Malteser zusammengestellt, um in der Eifel auszuhelfen.

Aus den vier Hilfsorganisationen hat Heino Müller danach auch eine sogenannte Einsatzeinheit zusammengestellt, die ab dem 21. Juli in Beyenburg geholfen hat – 33 Ehrenamtler, die in dem gefluteten Stadtteil mit anpackten. Unter anderem haben die Helfer eine Feldküche betrieben. „Mit nichts erreichen sie so viel Dankbarkeit wie mit Essen“, weiß Müller.

Zu dieser Einsatzeinheit gehört auch Michael Risse vom Roten Kreuz. Der hauptberufliche IT-Fachmann hat zunächst geholfen, dass die Feldküche Strom bekam und dann 250 bis 300 Portionen pro Tag produzieren konnte. Er erinnert sich, wie bestürzt er war, die Schuttberge in Alt-Beyenburg zu sehen. Dazwischen stand ein Container. „Der sah aus wie eine Tupperdose bei einem All-in-Buffet“, sagt er – lächerlich klein für die Mengen.

Später hat er auch Schutt zusammengetragen, in einem Haus einen Dielenboden herausgerissen. Erschüttert hat ihn, wenn er durch Fenster in Häuser und wieder hinaussehen konnte – weil die Wände schon herausgerissen, alle Möbel herausgeräumt waren. „Das waren Szenarien wie in Kriegsgebieten“, sagt er. Bemerkenswert, sagt er, sei aber der Zusammenhalt der Menschen gewesen, der hohe Grad der Selbstorganisation und die Freundlichkeit, die trotz allem geherrscht habe.

Die Einsatzeinheit hat auch Betreuungsaufgaben übernommen, denen zugehört, die das Bedürfnis hatten, sich die Erlebnisse „von der Seele zu reden“. Heino Müller berichtet, dass ein Thema immer wieder aufkam: Dass das Wasser ohne Vorwarnung da war. „Was eigentlich durch die Talsperre gezähmt war, war plötzlich im Dorf, in der Straße, im Haus.“

Die extreme Entwicklung ist auch Phillipp Heidenreich im Kopf geblieben: Der Einsatz an der Kabelstraße habe als normaler Beratungseinsatz begonnen. „Am nächsten Tag war die Stadt untergegangen.“

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