Hildener Gymnasium: Rückkehr zu G9 mit einer G8-Hintertür

Schulpolitik : Rückkehr zu G9 mit einer G8-Hintertür

Das Bonhoeffer-Gymnasium in Hilden zählte zu den drei Schulen in NRW, die bei G8 bleiben wollten. Jetzt gibt es doch eine Umkehr, aber mit Varianten.

Als NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer Anfang April bekannt gab, welche der landesweit mehr als 600 Gymnasien zum Abitur nach neun Jahren (G9) zurückkehren, bildete das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Hilden mit zwei Schulen in Bielefeld das Trio, das weiterhin an G8 festhalten wollte. Am vergangenen Donnerstag teilte der Hildener Rektor Udo Kotthaus nun bei einem Elternabend mit, dass auch seine Schule im kommenden Schuljahr die Rückkehr zu G9 plant. Eine komplette Abkehr von G8 soll das aber nicht werden.

Für das laufende Schuljahr hatte sich nach dem G8-Verbleib ein Knick bei den Anmeldezahlen ergeben. Zwar konnten noch vier Eingangsklassen gebildet werden, aber es gab anders als in früheren Jahren keine Absagen mehr und damit auch keine Überweisungen an die benachbarte Gesamtschule, die in der Folge ihrerseits Belegungsprobleme hatte. Trotzdem ist Kotthaus überzeugt, dass weiter ein G8-Bedarf besteht: „G8 ist politisch tot, aber nicht in den Köpfen der Eltern.“ Also hat sich der 65-Jährige im letzten Schuljahr vor seinem Ruhestand mit seinem Kollegen Guedo Wandrey von der Wilhelmine-Fliedner-Gesamtschule zusammengesetzt und ein gemeinsames Konzept entwickelt – mit maximal möglicher Individualisierung.

Nach der Klasse 6 wird
die Schulwahl neu bewertet

Der erste Schritt: Die Anmeldegespräche werden gemeinsam geführt und nach der Erprobungsstufe ist ein problemloser Wechsel zwischen den beiden Schulformen möglich. Im Prinzip war das auch schon bisher so. Aber künftig soll es struktureller Bestandteil des Schullebens sein, nach der Klasse 6 in Abstimmung mit Eltern und Schülern die Entscheidung für die Schulform noch einmal neu zu bewerten. „Die Erprobungsstufe wird wieder eine richtige Erprobungsstufe“, sagt Kotthaus. „Früher war die Wahl eigentlich schon vorher entschieden.“

Den Schülern, die dann auf dem Gymnasium bleiben oder dorthin gewechselt sind, steht in der Folge ein G9-Zweig zur Verfügung, also eine Sekundarstufe 1 bis Klasse 10 und danach eine dreijährige Oberstufe. Aber die Schule will jetzt auch eine G8-Profilklasse beantragen. Diese Möglichkeit hat das NRW-Schulministerium zwar grundsätzlich vorgesehen, aber ein großes Interesse ist bisher nicht bekannt. Gut möglich, dass das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium mit dem Angebot am Ende landesweit einzigartig dasteht.

In Hilden hat man sich dabei gegen die bisher übliche G8-Variante entschieden mit einer Sekundarstufe 1 bis Klasse 9 und dann drei Jahren Oberstufe. Stattdessen soll, wenn die Profilklasse genehmigt ist, die Sekundarstufe wie bei G9 bis Klasse 10 dauern und die Oberstufe sich auf zwei Jahre beschränken. Man will also auf die Einführungsphase (EF) verzichten.

Der Vorteil aus Kotthaus’ Sicht: Der Stoff für die zweite Fremdsprache, ohnehin einer der Stolpersteine für Gymnasialschüler, müsste nicht auf drei Jahre komprimiert werden. „Es ist einfacher, den Stoff der Einführungsphase aufzuholen, zumal dort das erste Halbjahr viel aus Wiederholungen besteht.“ Außerdem gibt es durch die Parallelität von G8 und G9 bis zur Klasse 10 auch nach der 8. Klasse noch mal die Möglichkeit, zwischen den beiden Zweigen zu wechseln.

Und wer die zweite Fremdsprache komplett scheut, dem soll der Wechsel zur Gesamtschule dadurch erleichtert werden, dass dort der Weg von Klasse 7 bis zur Oberstufe durch differenzierte Lerngruppen in Technik, Arbeitslehre oder Chemie auch ohne zweite Fremdsprache möglich ist.

Im Kern, so ist Kotthaus überzeugt, fragt das erarbeitete Konzept nicht in erster Linie nach Schulformen, sondern danach, wie Schülern entsprechend ihren Fähigkeiten und Schwierigkeiten Inhalte angemessen vermittelt werden können. „Schülergerechte Individualisierung“ lautet daher die Überschrift für das Konzept.

Die Kooperation zwischen Gymnasium und Gesamtschule soll auch in der Oberstufe fortgesetzt werden – zum beiderseitigen Nutzen. Bereits ab dem Schuljahr 2020/21 sind gemeinsame Kurse geplant, um ein breites Angebot gewährleisten zu können. Während es in Mathematik, Englisch und Deutsch bei der Trennung der Schulformen bleibt, soll sie in Fächern wie Physik, Chemie oder Pädagogik aufgehoben werden.

Der ersten Elterninformation in der vergangenen Woche folgt jetzt ein Tag der offenen Tür am 14. Dezember. Entscheidend für die Frage, ob das neue Konzept mit den Optionen G9 und G8 Eltern und Schüler überzeugt hat, ist aber der kommende Januar: Dann stehen die Anmeldungen für das nächste Schuljahr an. Kotthaus denkt schon zwei Jahre weiter: „Ich würde darauf wetten, dass eine G8-Profilklasse zustande kommt.“

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