Großelterntag: Eine kleine Ode an Oma und Opa

Großelterntag in Bayern : Eine kleine Ode an Oma und Opa

Bayern widmet den Großeltern an diesem Sonntag einen eigenen Feiertag. Völlig zu Recht, findet unsere Autorin.

Am Sonntag ist Großelterntag in Bayern – und vielleicht macht das Pendant zu Mutter- und Vatertag ja auch in Nordrhein-Westfalen Schule. Ein Tag, um Oma und Opa zu ehren und zu feiern. Zweifelsohne. Und doch ist das erste Gefühl, das mich beschleicht, wenn ich an meine Großeltern denke: Bedauern.

Ich muss eingrenzen, dass ich eigentlich nur meine Omas meine, denn die Opas habe ich gar nicht beziehungsweise nur kurz erlebt. Aber auch meine Großmütter starben, bevor ich alt und reflektiert genug war, zu erkennen, welchen Schatz an Lebenserfahrung und Charakter ich da vor der kleinen Nase hatte. Heute würde man sagen, sie waren Powerfrauen. Meine Oma mütterlicherseits verlor ihren Mann, während sie mit meiner Mutter schwanger war; sie erlebte dunkle Zeiten, doch boxte sich durch und entschied schließlich, für die Familie aufzustehen, statt sich untergehen zu lassen. Meine Oma väterlicherseits flüchtete nach dem Weltkrieg aus dem heutigen Polen, verlor ein Baby im Flüchtlingslager. Verlust bestimmte ihr Leben – insgesamt drei Söhne und dann den Mann beerdigte sie, nur mein Vater blieb ihr.

Beide Frauen waren trotz allem die Güte in Person. Heute weiß ich, dass sie sich den Heiermann, die fünf Mark, die wir Kinder obligatorisch beim Besuch bekamen, oft vom Munde absparen mussten. Und fröhlich waren sie. Mit Oma Wilma konnte man herrlich Schwarzer Peter spielen – bis heute ist mir ein Rätsel, ob sie meine Mogelei wirklich nicht bemerkte oder einfach grandios verbergen konnte, dass sie mir den Sieg schenkte. Sie ist auch schuld, dass eine Karnevalistin aus mir wurde, weil sie sich schon in meiner frühesten Kindheit verrückte Hüte aufsetzte und mich zu Sitzungen mitschleppte, die mir heutzutage sicher sehr muffig vorkämen, damals aber wie der größte Spaß der Welt. Meine Oma Gretel hat mir die größten und unvergesslichsten Genüsse meiner Kindheit bereitet: Gemüsesuppe, Reibekuchen, Rouladen mit Kroketten – keiner hat auch nur eines dieser Gerichte je so hinbekommen wie sie. Danach gab es Fürst-Pückler-Eiscreme und den Abwasch in einem Tisch mit Keramikbottichen, für die man noch Wasser kochen musste.

Großeltern sind so nah, dass man alles fragen darf

Es gibt viele wache und nahe Erinnerungen. Aber eben auch das Bedauern, dass ich noch so jung war, als beide starben. Zu jung, um Fragen zu stellen, für die man ohne Großeltern niemanden mehr hat. Ich meine nicht das Bücherwissen über Krieg und Nachkriegszeit. Aber wie hat es sich angefühlt, in einer Diktatur zu leben, eine Demokratie aufzubauen. Eine Heimat zu verlassen, Kinder zu verlieren. Aber auch: Wie war das damals mit dem Verliebtsein? Wie haben sie gefeiert? Was getrunken? Und auch mal zu viel?

Die Eltern der Autorin mit deren Enkel Matti. Foto: Juliane Kinast

Großeltern sind so nah, dass man alles fragen und alles machen darf. Sie lieben bedingungslos wie die Eltern, aber mit mehr Leichtigkeit. Natürlich sind sie auch praktisch oft sehr wichtig: In Deutschland wenden laut dem Portal „grosseltern.de“ 21 Millionen Großeltern fast vier Milliarden Stunden pro Jahr für ihre Enkel auf. Laut dem Deutschen Alterssurvey von 2014 unterstützen 30 Prozent bei der Betreuung der Kleinen. Und Großeltern sind auch ein Wirtschaftsfaktor: Sechs Milliarden Euro jährlich geben sie für ihre Enkel aus.

30 Prozent der Omas und Opas betreuen ihre Enkelkinder

All das – von den Emotionen bis zu den harten Zahlen – habe ich mit meinen Großeltern erleben dürfen und nun als Mutter mit meinen Eltern. Sie sind Kummerkasten, Lückenfüller und Möglichmacher für mich. Für die Kinder sind sie Vertraute und Spielkameraden. Die mit den häufigen und besten Geschenken und bald mit mehr Spielzeug in der Wohnung als wir. Zu ihnen kann man aber auch rennen, wenn man sich auf dem Spielplatz wehgetan hat, wie zu Mama und Papa und bei ihnen kann man beruhigt einschlafen wie bei Mama und Papa. Manchmal fühlen sie sich an wie eine Klammer um unsere Familie.

Unsere Autorin mit ihrer Oma Gretel. Foto: Juliane Kinast

Ich hoffe, dass sie lange bei uns bleiben, um den Kindern irgendwann zu erklären, wie sich alles änderte nach der Studentenbewegung, wie die RAF Krieg gegen Kapitalisten führte und was eigentlich ein Faxgerät war. Und was sie so getrunken haben. Und ob es mal zu viel war. Großeltern darf man so etwas fragen, weil man als Enkel eh alles darf. Andersherum ist es in Ordnung, dass meinen Eltern das strenge „Nein!“ seit meiner eigenen Kindheit vollends abhanden gekommen zu sein scheint. Nein sagen ist nicht ihr Job. Das ist unserer als Eltern. Großeltern sind anders. Manchmal größer. Auf jeden Fall etwas ganz Großes. Und in diesem Sinne: Einen schönen Großelterntag, liebe Omas und Opas – in ganz Deutschland.

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