Gesundheitsreport: Droge Alkohol - Konsum als Grund für Fehltage

Gesundheitsreport 2019 untersucht Fehltage bei Arbeitnehmern : Welche Folgen die Droge Alkohol auf die Arbeitswelt hat

Schon der Konsum geringer Mengen Alkohol birgt Suchtpotential. Die Konsequenzen tragen der Einzelne und die Gesellschaft. Und auch die Folgen für die Arbeitswelt sind gravierend.

Von Peter Kurz

Der Krankenstand in nordrhein-westfälischen Unternehmen steigt kontinuierlich. Nach Zahlen der Krankenkasse DAK Gesundheit kletterte er von 3,1 Prozent im Jahr 2006 auf 4,3 Prozent im Jahr 2018. Das heißt: Jeden Tag fehlen bei der Arbeit im Schnitt 4,3 Prozent der Beschäftigten. Dabei haben Erkrankungen am Muskel-Skelett-System (Rückenschmerzen) mit 20,9 Prozent den höchsten Anteil an den Fehltagen. Gefolgt von psychischen Erkrankungen (16,2 Prozent), Erkrankungen des Atmungssystems (14,9 Prozent) und Verletzungen (11,8 Prozent).

Zigaretten, Alkohol und andere Drogen führen zu Fehltagen

Grafik: klxm, Fotos: dpa. Foto: grafik

Für den Gesundheitsreport 2019 hat sich die DAK ein Thema genauer angesehen. Ein Thema, in das sie über die Krankmeldungen ihrer rund 440 000 Versicherten in NRW ohnehin schon guten Einblick hat. Für das aber auch noch eine repräsentative Befragung unter 5000 Beschäftigten ausgewertet wurde. Es geht um ein Phänomen, das oftmals wie ein Schatten hinter den festgestellten Krankheitsgeschichten steht: die sogenannten Substanzstörungen. Gemeint ist die Suchtproblematik  –  der Griff zur Zigarette, zum Glas Alkohol oder anderen Drogen. Die von einer „Substanzstörung“ Betroffenen haben doppelt so viele Fehltage wie  der Rest der Berufstätigen.

Gemeint ist damit nicht, dass die Betroffenen wegen ihrer Suchtstörung krankgeschrieben sind, sondern sie haben bei allen Diagnosegruppen mehr Fehltage als die übrigen Beschäftigten. Im Bereich der psychischen Leiden sind es dreimal so viele Fehltage. Bei Muskel-Skelett-Erkrankungen gibt es ein Plus von 87 Prozent, bei Atemwegserkrankungen sind es 53 Prozent.

„Der riskante Umgang mit  Alkohol hat auch gravierende Folgen für die Arbeitswelt“, sagt Klaus Overdiek, Leiter der DAK-Landesvertretung. „Wir brauchen eine breite und offene Debatte darüber in unserer Gesellschaft.“

Ältere Beschäftigte schneiden nur scheinbar besser ab

Auffällig ist bei Analyse der von der DAK erhobenen Daten, dass ältere Beschäftigte deutlich weniger Fehltage wegen Substanzstörungen aufweisen. Während Männer im Alter zwischen 55 und 59 Jahren auf 16,4 Fehltage aus diesem Grund kommen und Frauen auf 7,3, sacken diese Werte ab dem Alter von 60 auf 12,2 beziehungsweise 5,2 ab. Doch beruhigend ist das keineswegs und weist auch nicht auf eine Besserung des eigenen Verhaltens hin. Für die Experten erklären sich die Zahlen damit, dass Substanzstörungen häufig zu einem vorzeitigen Ausstieg aus dem Berufsleben führen.  Die von Suchtmitteln Abhängigen fallen schlicht aus der Statistik heraus.

Ab welchem Maß des Alkoholkonsums wird es kritisch?

Die meisten Menschen würden etwa mit Blick auf ihren eigenen Alkoholkonsum sagen, dass sie sich selbst doch wohl im grünen Bereich bewegen. Doch Suchtexperten wie Hubert Buschmann, Vorstandsvorsitzender des Fachverbands Sucht und Chefarzt der Klinik Tönisstein, weiß, wie schmal der Grat zwischen risikoarmem Alkoholkonsum und riskantem Trinken ist. Für Suchtexperten beginnt der riskante Alkoholkonsum bereits dann, wenn ein Mann täglich zwei Gläser Bier à 0,3 Liter trinkt und nicht wenigstens zwei Tage in der Woche ganz auf Alkohol verzichtet. Frauen können risikolos nur die halbe Menge trinken.

Die drastischen Folgen des Alkoholkonsums

Wenn man den Mediziner Buschmann fragt, was denn die Folgen eines über diese engen Grenzen hinausgehenden Trinkens sind, so hat seine Antwort durchaus das Zeug zur Abschreckung. Kaum eine Substanz schädige das Organsystem so massiv wie das Zellgift Alkohol, sagt er. Hinter zahlreichen Krankheiten stecke Alkohol als auslösende Ursache.  Buschmann  zählt auf:  beschleunigter hirnorganischer Abbau, Konzentrationsstörungen, Neigung zu Depressiverkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen, Neigung zum Bluthochdruck, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus.

Und schließlich das erhöhte Krebsrikio: bei einem Mann sei das Risiko, ein Prostatakarzinom zu bekommen, bei riskantem Alkoholkonsum fünffach erhöht, bei einer Frau sei das Risiko für Brustkrebs zwei bis dreimal so hoch. Auch das Risiko für Tumoren in den Verdauungsorganen sei fünf mal höher. Bösartige Tumore im Bereich des Mundes, des Kehlkopfes und der Speiseröhre treten bei krankhaftem Konsum von Alkohol 18-mal häufiger auf. Und wer dann noch rauche, erhöhe das Risiko noch mal deutlich, warnt Buschmann. Eben das Rauchen, auch das zeigt der Gesundheitsreport 2019,  hat im Vergleich zu früheren Jahren deutlich an Popularität eingebüßt.

Mehr als 77 Prozent sind mittlerweile Nichtraucher

In NRW sind mittlerweile 77,1 Prozent der Beschäftigten   Nichtraucher. Aber immerhin noch 19,3 Prozent der Beschäftigten sind abhängige Raucher. In absoluter Zahl sind das in NRW knapp 1,7 Millionen Beschäftigte. Die restlichen 3,7 Prozent sind Menschen, die nur gelegentlich zur Zigarette greifen. Hoffnung macht aus gesundheitspolitischer Sicht, dass unter den jungen Erwerbstätigen zwischen 18 und 29 Jahren nur 16,3 Prozent Raucher sind. Bei den 60- bis 65-jährigen Berufstätigen raucht dagegen fast jeder Vierte.

Die neuen Süchte: E-Zigarette und Computerspiele

Mittlerweile ersetzt manch ein Raucher den Glimmstängel  durch die E-Zigarette. Da aber 85 Prozent dieser Nutzer mit Nikotin oder Tabak dampfen, ist das Abhängigkeitspotenzial hier genauso gegeben. „Dampfen mit Nikotin oder Tabak führt in die Abhängigkeit, genau wie die herkömmliche Zigarette“, warnt DAK-Chef Overdiek. „Deshalb brauchen wir endlich ein umfassendes Werbeverbot für Tabak, Zigaretten und E-Zigaretten.“

Eine andere im Vergleich zu den geschilderten Abhängigkeiten noch neue Sucht hat der Report ebenfalls untersucht: Das Computerspielen und dessen Auswirkungen auf die Arbeitswelt: Demnach spielen fast 60 Prozent der Erwerbstätigen in NRW Computerspiele, 6,7 Prozent oder 581 000 zeigen dabei ein auffälliges Nutzungsverhalten. Diese Menschen spielen dann oftmals auch während der Arbeitszeit, sind vielfach unkonzentriert oder abgelenkt.

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