1. NRW

Gangelt und das Coronavirus: Hygiene, Hamsterkäufe, aber keine Panik

Hygiene und Hamsterkäufe : Das Coronavirus in Gangelt - So ist die Lage vor Ort

Das Coronavirus ist in NRW angekommen - in der Gemeinde Gangelt tief im Westen. Von Panik ist dort keine Spur, aber viele Menschen sind verunsichert. Manche kaufen schon auf Vorrat - und setzen auf Mundschutz und Desinfektionsspray.

China, Italien, Nordrhein-Westfalen - Gangelt. Das Coronavirus ist in Nordrhein-Westfalen angekommen, in der 12.500-Einwohner-Gemeinde Gangelt nahe der deutsch-niederländischen Grenze. Rasend schnell hat sich die Nachricht am Vorabend in der Gemeinde und über die sozialen Netzwerke verbreitet und landete auch bei Friseurin Michaela Loomans. Sie ist an diesem Mittwoch aufgewühlt, wie viele andere. Loomans hat sich fast die ganze Nacht mit Freunden, Nachbarn und Geschäftspartnern ausgetauscht. „Ich habe kaum geschlafen“, erzählt sie am Mittwochmorgen in ihrem Friseur-Laden. „Ich habe darüber nachgedacht, das Geschäft heute zu schließen.“ Zum Schutz. Für sich und ihre Kinder. Aber wer weiß schon, wie lange „das alles“ gehen wird.

Sie hat mit anderen Geschäftsleuten darüber gesprochen und dann doch geöffnet. Für ihre Kunden nicht selbstverständlich: Die ersten am Morgen haben vorsichtshalber angerufen und nachgefragt, ob sie bedient werden.

Gangelt liegt im Kreis Heinsberg, tief im Westen NRWs. Hier läuft an diesem Mittwoch vieles anders als sonst: Schulen und Kindergärten bleiben im ganzen Kreis geschlossen. Landrat Stephan Pusch hat die Bevölkerung in einer Videobotschaft dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren und nicht in Panik zu verfallen. Von Panik ist Loomans weit entfernt. „Wir können das Virus nicht aufhalten, dafür ist die Welt zu offen“, sagt sie. Aber sie will sich bei der Arbeit schützen. Gleich wird sie Desinfektionsmittel für die Hände kaufen.

Ein Rentnerpaar packt auf einem Parkplatz vor einem Lebensmittelmarkt einen Einkauf aus zwei Einkaufswagen in den Kofferraum. Foto: dpa/Henning Kaiser

Auch Silvia Koster, die an diesem Morgen zum Einkaufen unterwegs ist, will für ihre Sicherheit sorgen. Sie kommt von der Apotheke, allerdings mit schlechten Nachrichten. Sie sei nicht gesund und anfällig für Krankheiten, erzählt sie. Deshalb wollte sie einen Mundschutz kaufen. „Sie haben mir gesagt, dass sie keinen mehr haben“, sagt sie bekümmert - will es aber noch in einem anderen Geschäft versuchen.

Lehrer Arnold Frenken steht am Vormittag ohne Schüler da. In der Gesamtschule Gangelt-Selfkant ist es für einen Vormittag ungewöhnlich still. Am Vorabend gegen 22 Uhr erhielt er von einem Freund die erste Nachricht vom ersten Corona-Fall in NRW. Kurz danach folgte dann die Information, dass auch ihre Schule am Mittwoch geschlossen bleibt. Jetzt arbeiten die Lehrer ohne Schüler und bereiten Unterricht vor.

Der infizierte Mann sei im Ort bekannt, sagt Lehrer Frenken - auch dessen Frau. Die beiden nähmen am öffentlichen Leben teil und hätten auch Kinder, wie der Bürgermeister von Gangelt, Bernhard Tholen (CDU) sagt: „Es ist eine Familie hier aus dem Ort, die man kennt, die an Veranstaltungen teilgenommen hat.“ Jetzt liegt dieser Mann im kritischem Zustand im Düsseldorfer Uniklinikum. Viel spricht dafür, dass es sich beim zweiten bestätigten Corona-Fall in NRW um seine Ehefrau handelt - auch wenn die Behörden das am frühen Nachmittag zunächst noch nicht bestätigen. Das erfüllt viele, mit denen man an dem Morgen in Gangelt spricht, mit Sorge und Mitgefühl.

Persönlich ist der Lehrer Frenken nicht besorgt. Aber die Familie wird in den nächsten Tagen mehr einkaufen als sonst. Sicherheitshalber. „Es soll ja schon Hamsterkäufe geben“, sagt er. Tatsächlich schieben in einem Supermarkt im Ort auffallend viele Menschen prall gefüllte Einkaufswagen vor sich her - ein älteres Paar stemmt sogar zwei. Das Coronavirus, sagen sie auf die Frage nach dem warum. Man weiß ja nie.

Rosemarie Kasper setzt auf eine weitere Strategie. Auch sie war gerade in einem Supermarkt einkaufen. Nun sitzt sie in ihrem Auto und hat gerade ihre Einweghandschuhe ausgezogen. „Die ziehe ich mir an, wenn ich den Einkaufswagen nehme“, sagt sie und zeigt die Handschuhe durchs Autofenster. Dann legt sie die Handschuhe weg und greift nach einer Sprühflasche mit Desinfektionsspray. Gegen Coronavirus, steht kleingedruckt auf der Rückseite. Mann und Sohn haben auch so eine Flasche im Auto. Die 75-Jährige war früher Pflegerin. Hygiene ist für sie in dieser Situation alles. „Bleiben Sie gesund“, sagt sie zum Abschied.

(dpa)