Flüchtling aus dem Libanon: Die zwei Botschaften des Ali Fakih

Geschichte einer wiederholten Flucht : Flüchtling aus dem Libanon: Die zwei Botschaften des Ali Fakih

Dreimal ist er aus dem Libanon geflohen. Jetzt schickt der 36-jährige Ali Fakih sich an, deutscher Beamter und Lehrer zu werden.

Ali Fakih dient dem deutschen Staat. Das klingt vielleicht ein bisschen pathetisch. Aber so ist das nun mal, wenn man Referendar am Berufskolleg Elberfeld ist: Man wird damit auch Beamter, zunächst noch auf Widerruf. Fakih hat einen Diensteid geleistet und dabei geschworen, Verfassung und Gesetze des Landes zu befolgen, das ihn einst loswerden wollte. Der 36-jährige Deutsch-Libanese lächelt bei der Vorstellung. Und dann sagt er: „Ich habe es gerne gemacht.“

Er hat es gerne gemacht, weil er von dem Land überzeugt ist, auch wenn der Weg hierher mühselig war. So mühselig, dass seine Kollegen ihn ermuntert haben, seine Geschichte zu erzählen. Gerade ist er in Gesprächen mit Verlagen. Weil er inzwischen sicher ist, eine Botschaft an zwei Gruppen richten zu können: die Deutschen, die Angst haben („Und das sind sehr, sehr viele“). Und an die Menschen, die nach Deutschland flüchten wie er einst.

Für die Botschaft an die Deutschen greift Fakih auf einen in diversen Varianten verbreiteten und beliebten Sinnspruch zurück: „Du kannst meine Reise nur verstehen, wenn du in meinen Schuhen gelaufen bist.“ Was er damit sagen will: Die Angst hat viel damit zu tun, die anderen nicht zu kennen. Geschichten wie seine sollen helfen, die Ängste zu mindern, etwas davon zu begreifen, was einen Menschen wie Ali Fakih antreibt und bewegt.

Ali Fakih (l.) 1996 im Alter von 13 Jahren nach der Abschiebung aus Deutschland beim Fußballspielen in Beirut. Foto: Ali Fakih

Den Flüchtlingen will er Hoffnung machen – und mit auf den Weg geben, dass dieses Land viele Chancen bietet, man sie aber auch ergreifen muss. „Man kann so viele Herzen gewinnen, wenn man kommuniziert.“ Das Reden fällt ihm selbst nicht schwer, seine Geschichten sprudeln nur so aus ihm heraus. Aber er weiß auch: Es hätte viele Möglichkeiten gegeben, dass die Sache auch bei ihm schiefgeht.

Der erste Anlauf, dem Bürgerkrieg im Libanon zu entkommen, endet bereits in Jugoslawien. Es ist 1987, Ali ist gerade fünf Jahre alt, Verhaftungen seines Vaters hat er schon mehrfach miterlebt, die Schwellungen in dessen Gesicht und die Blutergüsse in guter Erinnerung. Doch statt im ersehnten Deutschland landet die sechsköpfige Familie wieder auf dem Flughafen in Beirut. Die nächste Verhaftung des Vaters lässt nicht lange auf sich warten. Diesmal sind es syrische Soldaten. Einmal umarmt der Vater seinen Sohn beim Gefängnisbesuch endlos lange, weil er nicht glaubt, die Folter zu überleben.

Und dann ist da noch der Tag, als Ali mit Freunden draußen Murmeln spielt. Ein Knall treibt sie routiniert nach Hause und in die Bunker. Aber diesmal hat es die eigene Wohnung getroffen. Die Rakete hat die Badezimmerwand durchschlagen und ist auf den Küchenboden gekracht. Nur ein glücklicher Zufall verhindert die Detonation, sonst wäre das Haus dem Erdboden gleichgemacht worden. Ein Jahr noch lebt die Familie in den Trümmern, dann bricht sie zum zweiten Mal gen Deutschland auf, diesmal über die Niederlande und mit Unterstützung eines Fluchthelfers.

Klassensprecher in der Grund- und der Gesamtschule

Ali, seine drei Geschwister und die Eltern kommen im Asylbewerberheim in Wuppertal-Tesche unter. Es gibt Nationalitätenkonflikte und viel Gewalt, aber die Familie kämpft um ihre Integration. Ali wird Klassensprecher, erst in der Grundschule, dann auf der Florian-Geyer-Gesamtschule. Doch der Asylantrag wird abgelehnt. Nach sechs Jahren folgt die Abschiebung. Auch Demonstrationen für den Verbleib der Familie und 2000 von Mitschülern gesammelte Unterschriften können sie nicht verhindern. Als die Familie morgens im Bus zum Flughafen sitz und Tränen fließen, herrscht ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde sie an: „Hören Sie jetzt auf zu weinen!“

Im Libanon eskaliert derweil zu wiederholten Mal der Konflikt zwischen der Hisbollah und Israel. Ali Fakih, inzwischen 14 Jahre alt, erlebt bei einem Familienbesuch im Südlibanon mit, wie sein gleichaltriger Cousin von einer Kugel in den Kopf getroffen wird und stirbt. In der Schule gerät Ali mit einem schlagenden Lehrer aneinander und schlägt zurück. Er muss die Schule verlassen, seine Schwester auch. Zwei Jahre nach ihrer Abschiebung macht sich die Familie zum dritten Mal auf den Weg nach Deutschland.

Über Frankreich gelangen sie nach Deutschland und zurück nach Wuppertal. Sohn und Vater sitzen bald wieder dem Mitarbeiter der Ausländerbehörde gegenüber, der sie zwei Jahre zuvor im Bus zum Flughafen begleitet hat. Den Satz: „Übersetze deinem Vater, dass wir ihm den Arsch aufreißen werden“, wird Ali Fakih nie vergessen. Seinem Vater hat er ihn nicht übersetzt.

Aber dann erfolgt die Rückkehr an die Schule. Ali will unbedingt in seine alte Klasse zurückkehren, doch der Rektor hat Bedenken, weil zwei Jahre Schulstoff verpasst wurden. Ali fleht ihn weinend an, verspricht, alles zu geben, um die Wissenslücken zu schließen, und findet schließlich Gehör. Dann klopft er an die Klassentür und tritt ein. In der Klasse sieht er seine Briefe und sein Foto über der Tafel hängen. „Ein paar Sekunden später rannten alle auf mich zu und umarmten mich.“ Freudentränen fließen, der Politikunterricht wird abgebrochen und Ali erzählt von seinen zwei Jahren im Libanon.

Lehrer engagieren sich freiwillig außerhalb des Unterrichts

Sein Versprechen gegenüber dem Schulrektor hat Ali Fakih gehalten. Ohne ein Jahr wiederholen zu müssen, erreicht er auf der Gesamtschule seinen Realschulabschluss. Auch dank seiner Lehrer, die freiwillig außerhalb des Unterrichts seine Mathematik- und Französisch-Lücken schließen. „Mein Leben lang bedanke ich mich bei meinen Lehrern“, sagt er im Rückblick. Bei der Abschlussfeier wird er vom Schuldirektor gesondert verabschiedet. „Das schöne Geräusch des Applauses der Schülerinnen und Schüler spüre ich bis heute in meinen Ohren.“

Auf dem Berufskolleg Elberfeld, dort, wo er jetzt Referendar ist, legt Fakih 2003 sein Fachabitur ab. Danach folgen das Diplom in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wuppertal und acht Jahre als Angestellter der Stadtsparkasse Wuppertal. In dieser Zeit absolviert er zusätzlich seine Ausbildung zum Sparkassenkaufmann und schließlich nebenberuflich auch noch sein zweites Studium bis zum Master of Education – Eintrittskarte für den angestrebten Lehrerberuf. Seine damalige Klassenlehrerin ist heute seine Arbeitskollegin.

Und Deutschland ist auch sein Land. Neben der libanesischen besitzt er inzwischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Und nur wenige Monate ist es her, dass ihm noch eine besondere Genugtuung widerfahren ist. Ein albanischer Freund benötigte für eine geplante Geschäftseröffnung in Wuppertal einen Businessplan, sein behördlicher Betreuer konnte ihm nicht weiterhelfen. Beide saßen schließlich Fakih gegenüber – und der Betreuer entpuppte sich ausgerechnet als jener damalige Mitarbeiter der Ausländerbehörde mit dem rüden Vokabular. „Und er brauchte meine Hilfe“, sagt Fakih. Dann lächelt er wieder, wie er so oft lächelt.

Die beiden haben sich ausgesprochen, der Mann hat sich entschuldigt. Und Ali Fakih war anschließend wieder ein Stück gewisser, dass dieses Land auch sein Land ist. Dass er seine Chance genutzt hat. Und dass ihn hier niemand mehr wegschicken kann.

Mehr von Westdeutsche Zeitung