1. NRW

Familie lief nach Kriegsende zu Fuß von Pappenheim nach Wuppertal

Erinnerung : Familie lief nach Kriegsende zu Fuß von Pappenheim nach Wuppertal

Heidemarie Koch (76) erlebte als Kleinkind einen langen Marsch.

„Wir gehen!“ So energisch entschied die Großmutter von Heidemarie Koch nach Kriegsende 1945. Sie wollte zurück nach Wuppertal, wohin womöglich bald ihr jüngster Sohn von der Front zurückkehren würde. „Dann muss ich doch da sein“, beharrte sie. Deshalb packten sie und ihre Töchter ihre Habseligkeiten zusammen und machten sich auf – von Pappenheim in Bayern bis Wuppertal, gut 430 Kilometer. Und weil sie keine Mitfahrgelegenheit fanden, gingen sie zu Fuß. Im Kinderwagen dabei: Heidemarie Koch, damals noch keine zwei Jahre alt.

Sie hat keine eigenen Erinnerungen an den Marsch. Aber Mutter, Großmutter und Tante haben ihre Erlebnisse bei vielen Familienfeiern immer wieder erzählt. „Ich kenne die Strecke auswendig“, sagt sie. Deshalb kann sie heute davon erzählen, als sei sie dabei gewesen. Und sie hütet alte Dokumente, etwa einen Passierschein für „Koch, Emmi and child“ der Stadt Wetzlar vom 12. Juni 1945.

Nach Pappenheim war ihre Mutter 1943 evakuiert worden. Sie hatte mit ihrem Mann, Heidemarie Kochs Vater, in Kiel gelebt. Der war an der Front, Kiel wurde bombardiert, Emmi Koch war hochschwanger. Deshalb kam sie nach Bayern, wo der Krieg kaum zu spüren war.

Sie lebte wie viele andere Frauen und Kinder in einem Zimmer im Bahnhofs-Gasthof. Zur Geburt kam ihre Mutter angereist. „Sie war ein tatkräftige Frau“, sagt Heidemarie Koch über ihre Großmutter. Zwei Schwestern ihrer Mutter, eine davon mit zwei kleinen Söhnen, seien später auch nach Pappenheim gekommen. Insgesamt sei es ihnen dort „gar nicht so schlecht“ gegangen. Es gab keine Bomben und genug zu essen. Ihre Großmutter habe beim Grafen von Pappenheim angefragt, ob sie Holz in dessen Wald sammeln durften. So hatten sie auch genug Brennholz.

Als die Amerikaner einzogen, wollten sie zurück. Die Tante mit den zwei Söhnen fand eine Mitfahrgelegenheit, die übrigen nicht. Über den Vorschlag der Großmutter seien sie „fassungslos“ gewesen, sagt Heidemarie Koch. „Meine Großmutter hat gesagt: ;Wir sind gut zu Fuß’ und hat eine Straßenkarte besorgt.“

Windeln flatterten
am Kinderwagen

Wertsachen versteckten sie im Kinderwagen der kleinen Heidemarie. Geld nähte sich ihre Mutter im Büstenhalter ein. Die jungen Frauen trugen Rucksäcke, die Großmutter nutzte einen weiteren Kinderwagen als Transportwagen. Essen und Schlafplätze fanden sie immer, „sehr oft bei Bauern“, auch mal in Schulen „und einmal in einem Schloss“. „Auf dem Feld schlafen mussten wir nie.“ Auch da habe die Resolutheit ihrer Großmutter geholfen. „Sie ging mit einem Eimer und fragte nach Milch für ein Baby. Und dann sagte sie, dass das Baby eine Mutter habe. Und dann noch eine Tante.“ Die Windeln hätten sie auch täglich waschen können, die flatterten am nächsten Tag am Kinderwagen. Sie hätten viele zerstörte Städte gesehen. Und der Weg durch den Spessart – „den ganzen Tag nur Wald“, sei ihnen besonders unheimlich gewesen.

Vor Tieffliegern hätten sich Mutter und Tante mit ihr immer im Graben versteckt, aber die Großmutter sei unbeirrt auf der Straße weitergelaufen: „Ich habe doch ein Recht, hier zu gehen“, habe sie den Töchtern gesagt. Sie hätten oft Soldaten gesehen, die mit dem Jeep aus dem Wald kamen, wohl gewildert hätten. Die hätten sie neugierig angesehen, aber passiert sei ihnen nichts.

Am 18. Juni, nach vier Wochen, waren sie wieder in Wuppertal, kamen in einem Behelfsheim am Böhler Hof unter, wo auch die Tante mit den beiden Jungen schon lebte. Später zogen Heidemarie Koch und ihre Mutter nochmal nach Kiel, kehrten aber wieder zurück. Ihren Vater hat Heidemarie Koch nie kennengelernt, er blieb vermisst.

Das Unterwegssein hat sie ihr Leben lang begleitet. Beruflich konnte sie viel reisen, unter anderem für das Museum auf der Hardt, sie hat die halbe Welt gesehen. Und auch in Pappenheim ist sie noch öfter gewesen. „Das Reisen ist mir sozusagen in die Wiege gelegt worden.“