Fall Lügde: Täter sollen Kinder gezwungen haben Kinder zu missbrauchen

Missbrauchsskandal : Fall Lügde - Täter sollen Kinder gezwungen haben Kinder zu missbrauchen

Ein Jurist, der vier mutmaßliche Opfer vertritt, nennt schockierende Details zu den jahrelangen Verbrechen. Die Erhebung der Anklage steht bevor.

Der Missbrauchsfall auf einem Campingplatz in Lügde mit zig Opfern, über tausend Fällen und einem Zeitraum von mutmaßlich drei Jahrzehnten übersteigt schon zahlenmäßig das für viele Menschen Fassbare. Nun hat sich ein Opferanwalt öffentlich zu Details aus der Ermittlungsakte geäußert. „Das Unvorstellbare ist die Selbstverständlichkeit, mit der das Missbrauchen von Kindern zum Alltag der beiden Hauptbeschuldigten gehörte“, sagte Jurist Peter Wüller dem „Westfalen-Blatt“.

Offensichtlich hätten die beiden Männer keinerlei Sorge gehabt, dass sie für ihre Taten belangt werden könnten. So seien Kinder zugegen gewesen, während sich die Männer an anderen Kinder vergangen hätten. Auch seien Opfer gezwungen worden, wiederum andere Kinder zu vergewaltigen.

Dem Eindruck des Anwalts nach funktionierte das System der Verdächtigen über Druck und Angst auf der einen Seite – so soll einem Mädchen gedroht worden sein, ein Geist hole es, wenn es nicht gefügig sei –, Belohnung auf der anderen Seite. Und über freundschaftliche Bande mit den Eltern der Opfer, die ihre Kinder gern zum Übernachten schickten.

Die Angaben Wüllers machen deutlich, warum die Staatsanwaltschaft Detmold im politischen Gezänk um Polizeipannen, um verschwundene beziehungsweise neu aufgetauchtes Datenmaterial, früh klarstellte, die Asservate seien von nachrangiger Bedeutung für die Strafverfolgung: Wie es aussieht, haben die Beschuldigten für ihre Taten selbst Augenzeugen produziert. Peter Wüller ist zuversichtlich, dass es im Prozess zu langen Haftstrafen für die Haupttäter kommen wird. Möglicherweise mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Lang wird es nicht mehr dauern, bis alle Details aus den Mammutermittlungen auf dem Tisch liegen: Die Staatsanwaltschaft beantwortet Fragen nach dem Verfahrensstand nicht mehr, hatte aber bereits vor einem Monat den „in den nächsten Wochen beabsichtigten Abschluss“ angekündigt. Ein Vertreter des Justizministeriums hatte vor zwei Wochen bei einer Sondersitzung des Innenausschusses im NRW-Landtag erklärt, der Entwurf einer Anklageschrift sei in Bearbeitung. juki

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