Kultur Gespaltene Reaktionen auf Tschaikowskis „Eugen Onegin" in der Düsseldorfer Rheinoper

Düsseldorf · Jubel für Sänger und Chor, Buhrufe für Regie.

Ekaterina Sannikova (Tatjana) überzeugt mit einem leuchtenden Sopran.

Ekaterina Sannikova (Tatjana) überzeugt mit einem leuchtenden Sopran.

Foto: Andreas Etter

Er erschießt im Duell seinen besten und einzigen Freund Lenski. Zuvor hatte der Lebemann „Eugen Onegin“ die Liebe der jungen schwärmerischen Tatjana abgewehrt. Obwohl das junge Mädchen ihm in einem der berühmtesten Liebesbriefe der Opernliteratur rückhaltlos ihre tiefen Gefühle und intensive Leidenschaft offenbart hatte. Lange Strecken geht es in der gleichnamigen Oper von Pjotr I. Tschaikowski immer wieder um diesen Brief. Doch Michael Thalheimer schlabbert dieses Detail in seiner neuen Inszenierung im nahezu voll besetzten Düsseldorfer Opernhaus – wie so manche wesentliche andere. Streckenweise fühlt man sich wie in einer konzertanten Aufführung mit Sängern erster Garde.

Nur braucht man dafür keine satten fünfstelligen Regisseur-Gagen zu bezahlen. Grund genug für viele Opernfreunde, Thalheimer und Ausstatter Henrik Ahr für ihre verweigerte Inszenierung – nach der Premiere – mit einem Orkan von prasselnden Buhrufen zu empfangen. Und das, obwohl zuvor die Hauptdarsteller, Chor und die Symphoniker unter ihrem neuen (weißrussischen) Opern-GMD Vitali Alekseenok mit begeistertem Jubel gefeiert worden waren. Sie bescheren einen großen Tschaikowski-Abend.

Was ist los mit Thalheimer? Er hatte schon vor einem knappen halben Jahr mit einem rudimentären „Parsifal“ – fern von Weihe und Mythos – nicht nur Wagnerianer verärgert. Im „Onegin“ fahren lediglich kassettenförmige Wände hin und her, vorwärts und rückwärts. Mal wächst aus der geschlossenen Mauer eine Terrasse heraus. Meist aber lassen sie den Figuren immer weniger Handlungsspielraum. Folge: Die agilen Sängerdarsteller – samt und sonders von bemerkenswerter Qualität – begnügen sich mit Rampensingen, das in modernem Musiktheater meist als einfallslos abgetan wird.

Man kann nur hoffen, dass nach diesem Regie-Flop die Opern-Leitung von Thalheimers kostspieliger Regie-Verweigerung „geheilt“ ist. Der Gipfel der Ideenlosigkeit: Er inszeniert nicht die berühmte Ohrwurm-Polonaise beim Ball des mächtigen und reichen Fürsten Gremin, der mittlerweile (zwei Jahre später) Tatjana geheiratet hat. Beinah fünf Minuten soll man sich – beim Betrachten einer schwarzen Wand – die zackig auftanzende Hofgesellschaft nur vorstellen. Bis dann ein düsteres Standbild von erstarrten Ballgästen erscheint. Eine willkürliche Regie-Geste im letzten Akt, die aufgesetzt wirkt.

Dennoch bietet Thalheimer intensive Personen-Regie, die, zusammen mit den starken Protagonisten versöhnt und den Abend letztlich retten. Überzeugend sind die Charakterstudien der ungleichen Töchter der Larina-Dynastie: Olga, das leichtlebige, kokettierende, stets gut gelaunte Mädchen, die zwischen den Partygästen herumtänzelt (Ramona Zaharia mit samtigem, extrem tiefem Mezzosopran). Daneben ihre ernste Schwester Tatjana (Ekaterina Sannikova) – die Grüblerin, die ständig über Büchern hockt und sich naiv, mit Haut und Haaren in Onegin verliebt –den Freund von Olgas Verlobtem (Lenski).

Mit Längen und ausgedehnten Handlungsstillständen wird Onegins Tragödie bis zum bitteren Ende erzählt. Brillante Erscheinung hier: Bogdan Baciu als Onegin: anfangs der arrogante, aber selbstkritische Mann, der die Langeweile auf den Landgütern hasst, sich als Party-Löwe in Großstädten amüsieren und keine feste Beziehung eingehen will. Deshalb weist er Olga von sich. Keinen verführerisch samtigen Bariton bietet Baciu, eher eine metallisch aufdrehende Stimme – kernig in den hohen Registern und bombensicher.

Verletzlich, verzweifelt indes im Finale, wenn Onegin zu Kreuze kriecht und Tatjana (längst mit Gremlin verheiratet) seine Liebe gesteht. Kaum ertragen kann er es, dass sie ihm jetzt einen Korb gibt: Tatjana will Gremin treu bleiben, obwohl sie Onegin noch liebt. Ekaterina Sannikova überzeugt in dieser Wandlung mit einem leuchtenden Sopran in der Mittellage. Bei Attacken in den hohen Registern klingt ihre Stimme aber eng, farb- und gefühllos und extrem hart.

Sängerischer Star des Abends ist Ovidiu Purcel als Olgas Verlobter Lenski – ein lyrischer Tenor, dessen Stimme seit 15 Jahren (im Rheinopern-Ensemble) größer, runder, sicherer und anrührender geworden ist. Sein Schönklang und seine Durchschlagskraft sind beste Voraussetzungen für eine internationale Karriere.

Die intensive, osteuropäische Klangfarbe setzt er in Lenskis Gefühlsschwankungen effektvoll ein. Zunächst spielt Purcel den naiv liebenden Mann, der seinen Freund Onegin mitbringt zu Olgas Familie, wo Onegin die vor sich hin vegetierende Tatjana zum Liebesleben erweckt. Hautnah und packend steigert sich Purcel später in selbstzerstörerische Eifersucht – während einer spontan organisierten Party, bei der Onegin auch mit Olga tanzt. Alles beginnt in einer ansteckenden Leichtigkeit des Seins und endet mörderisch, ernst und tödlich für ihn. Klar, dass für Purcel mit Bravo-Rufen gefeiert wird.

Termine: 1., 3., 9., 21., 24. März; 1., 4., 19. April

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