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Ernährungstrend: Schüler wollen die Insektenküche erobern

Ernährungstrend : Schüler wollen die Insektenküche erobern

Zwei 19-Jährige aus Erkelenz machen Sportlershakes aus Grillen. Pfui Teufel? Die Schüler sind mit ihrer Idee Teil eines Trendmarktes.

Als Kai und Finn aus Erkelenz zum ersten Mal Insekten aßen, hatten sie gerade einen Monat Reise in der Transsibirischen Eisenbahn in den Knochen. Die Schüler wurden am Ende ihrer gemeinsamen Asienreise in Wladiwostok einen hartnäckigen Straßenverkäufer mit seinem Bauchladen nicht mehr los – und irgendwann bissen sie halt in die erste frittierte Heuschrecke ihres Lebens. So ekelig war das gar nicht. Im Gegenteil. Am Anfang ein bisschen wie Hühnchen, nur sehr nussig. Genießbar in jedem Fall. Ein Jahr später haben die beiden 19-Jährigen aus dem Erlebnis von damals eine Geschäftsidee gemacht: Mit ihrem Startup „Entorganics“ verkaufen sie Proteinshakes aus Grillen. Und tatsächlich sind sie gar nicht mehr so allein auf dem deutschen Lebensmittelmarkt.

Die beiden jungen Männer waren nach ihrer Reise selbst neugierig und fingen an, zu Hause zu experimentieren. In der Zoohandlung kauften sie Mehlwürmer. „Wir haben sie angebraten oder geschreddert und in Burger-Pattys gesteckt“, berichtet Kai Funada Classen. Aber rasch wurde aus der Urlaubsbegeisterung ernsthaftes Interesse. „Wir brauchen ja Alternativen zum Fleischkonsum“, sagt Kais Partner Finn Bußberg. So bewerbe etwa die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen schon seit mehr als zehn Jahren essbare Insekten als Plan B.

Die Treibhausgas-Emissionen in der Insektenzucht sollen 99 Prozent geringer ausfallen als in der Rindfleischproduktion. Grillen oder Würmer brauchen zudem weniger Platz, weniger Nahrung, weniger Wasser. Dafür seien aber alle wichtigen Aminosäuren enthalten, referiert Finn mittlerweile aus dem Effeff, 100 Gramm pulverisierte Grillen lieferten 140 Prozent des Tagesbedarfs an Vitamin B12. Und: extrem viel Eiweiß. Die beiden Erkelenzer sind sicher, mit Insekten das Superfood der Zukunft gefunden zu haben.  Bleibt das Problem, dass die gängige Antwort auf diese Erkenntnis in Deutschland lautet: Igitt!

In ganz Europa werden essbare Insekten noch immer nicht einmal im dreistelligen Millionenbereich umgesetzt. In Deutschland fehlt bislang sogar eine gesetzliche Regelung, sie zu produzieren. Aber: Ihre Verarbeitung ist durch eine EU-Richtlinie generell erlaubt. „Der Markt ist vielleicht noch nicht so, dass wir eine ganze Mahlzeit aus Insekten anbieten könnten“, glaubt Finn. Also beschlossen sie, erst einmal die Sportler für die sechsbeinige Kost zu gewinnen, die immerhin ein gigantischer Proteinlieferant ist. Wer seinen Körper stählt, so die Hoffnung, der ist auch aufgeschlossen, ihm das Beste angedeihen zu lassen.

Also entwickelten Finn und Kai einen Proteinshake. „Wir haben viele Kilo Insekten gegessen“, lacht Kai. Wochenlang wurde täglich verkostet. Ziel: Alles sollte natürlich sein, nicht nur die tierische Komponente. „Wir verwenden keine Aromen, insgesamt sind es nur fünf Zutaten“, erklärt der Erfinder: Grillen, Reis- und Mandelprotein, Kakao und Stevia als Süßungsmittel.

Neben ihrer Firmengründung machen die 19-Jährigen Abi

Mit ihrer Idee bewarben sich die beiden jungen Nordrhein-Westfalen beim Jugendwettbewerb „Xstarters“ von Volkswagen, überzeugten die Jury und gewannen mit dem ersten Platz eine grundlegende Beratung für Start-ups. Mindestens zwei Mal pro Monat fuhren sie zwischen Februar und dem Sommer dazu nach Berlin. Auch wenn zum Teil nach neunstündiger nächtlicher Busfahrt Schule angesagt war – beide basteln neben der Grillenmischung eigentlich an ihrem Abitur. „Mehr oder weniger“, sagt Finn mit schiefem Lächeln.

Am liebsten würde er nur noch „Entorganics“ machen. So heißt die GmbH, die die Schulkameraden vor 90 Tagen aus der Taufe hoben und deren Markenprodukt „Mybugbar“ nach einem Monat Crowdfunding an den Start gehen kann. „Gestern kamen 60 Kilo gemahlene Grillen an“, sagt Finn strahlend. In der Fertignahrungfabrik eines Bekannten werden sie und die weiteren Bestandteile des Shakes jetzt gemischt, Anfang 2020 werden die ersten Pakete an Kunden verschickt – darunter auch tatsächlich zwei Fitnessstudios, die beim Crowdfunding mitmachten und so einen Teil der ersten Charge sicherten. Derweil tingeln die Gründer über Messen und durch Initiativen für Food-Start-ups. Ihre Erfahrung: „Bis auf wenige Ausnahmen probiert jeder zumindest mal“, sagt Kai und Finn ergänzt: „Die Akzeptanz ist größer, als man denkt.“

Er hofft, einen neuen Trend mitzubegründen: Finn selbst lebt inzwischen strikt entovegan. Er ist also rein pflanzlich, ergänzt durch Insekten. Seine Mutter, berichtet Kai, sei noch immer wenig begeistert von dessen privater Würmerzucht im heimischen Zimmer. Aber so lange die Tür geschlossen bleibt und die vom Sohnemann gekochten Insektengerichte schmecken, arrangiert sie sich. „Wir kochen fast täglich mit Insekten“, sagt der 19-Jährige. Und schmieden Pläne: Nach dem Abi wollen beide ein Jahr nur noch in Insekten machen und Investoren suchen. Wenn der deutsche Markt sich erst einmal geöffnet habe, sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt: Fast 2000 Arten essbarer Insekten soll es weltweit geben, sagen die Gründer. Aber auch schon Konkurrenz im heimischen Markt: Mit „Isaac Nutrition“ bietet auch ein Kölner Start-up Insektenprotein speziell für Sportler an. Die Insekten-Nudeln, -Kekse und -Croutons von „Plumento Foods“ stehen sogar schon in Regalen bei Real oder Rewe. Wer in diesem surrenden Geschäftsfeld ein dicker Brummer werden will, muss jetzt sehr schnell sein.