Einzelhandel in Deutschland: Warum immer mehr kleine Läden aussterben

Wirtschaft : Immer mehr kleine Läden sterben aus

Die Kauflust der Verbraucher in Deutschland ist ungebrochen. Trotzdem müssen vor allem kleinere Einzelhändler um ihre Existenz bangen.

Obwohl der dauerboomenden deutschen Wirtschaft allmählich die Puste ausgeht, ist die Kauflust der Verbraucher ungebrochen. Die Erlöse im Einzelhandel steigen dieses Jahr leicht, im Onlinehandel sogar um satte neun Prozent. Das ergibt die aktuelle Prognose des Handelsverbands Deutschland (HDE), die am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellt wurde. Trotzdem sorgt sich die Spitzenorganisation des deutschen Handels. Vor allem um die kleinen Unternehmen.

Insgesamt sollen die Erlöse im Handel laut Vorhersage um zwei Prozent auf 537,4 Milliarden Euro klettern. Preisbereinigt bleibe indes ein Wachstum von 0,5 Prozent übrig, so der HDE – weshalb es auch für die aktuelle Verdi-Forderung nach einem Lohnplus von 6,5 Prozent für die Beschäftigten in NRW keine wirtschaftliche Basis gebe. Fast die Hälfte des Jahreswachstums entfällt zudem auf den Onlinehandel, der mit Erlösen in Höhe von 57,8 Milliarden Euro auf einen Anteil von rund elf Prozent kommen soll.

Prognose: Zehn Prozent der Handelsstandorte verschwinden

Das Gesamtwachstum fiele laut dieser Prognose so gering aus wie seit fünf Jahren nicht. Und so erklärt sich wohl, dass die Umfrage des HDE eine „deutliche Eintrübung der Stimmung“ im Einzelhandel festgestellt hat, so Hauptgeschäftsführer Stefan Genth: Nur noch 30 Prozent der Unternehmen erwarteten für das erste Halbjahr 2019 steigende Erlöse – im Vorjahr waren es noch 37 Prozent. Besonders düster sieht es bei den kleinen Betrieben mit weniger als fünf Beschäftigten aus: Die deutliche Mehrheit beurteilt die aktuelle Geschäftslage negativ – bei den Betrieben mit mehr als 100 Angestellten sieht dieses Verhältnis genau umgekehrt aus.

Der Online-Handel macht mittlerweile einen Anteil von elf Prozent aus. Foto: Grafik Klxm/WZ/Grafik Klxm

Genth besorgt diese Entwicklung insbesondere, da die kleinen Unternehmen 54 Prozent der Handelsstandorte ausmachen, 16 Prozent der Beschäftigten und immerhin zehn Prozent des Umsatzes. „Der mittelständische Handel braucht politische Unterstützung“, fordert der HDE-Chef. Eine Entlastung bei der Steuerquote sei ebenso notwendig wie eine gerechtere Verteilung der Kosten für die Energiewende: Obwohl der Einzelhandel nur einen Anteil von sechs Prozent am Stromverbrauch habe, zahle er zehn Prozent der EEG-Umlage und sei somit „überproportional belastet“, erklärt Genth.

Auch überbordende Bürokratie – etwa durch die Dokumentation des Mindestlohnes und die neue Datenschutzverordnung – sei speziell für kleine Händler ein Kostenfaktor. Aber auch bei der Infrastruktur sei die Politik mit Konzepten für vitale Innenstädte und kluge Verkehrsmodelle gefragt. Dieselfahrverbote jedenfalls kämen dem Handel nicht zugute.

Stefan Genth vom Handelsverband fordert politische Schützenhilfe für den Handel. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

„Wir sehen einen umfassenden Strukturwandel im Handel“, sagt der Verbandschef und meint damit nicht nur die Verlagerung ins Internet, sondern auch demografische Entwicklungen: Nicht nur in den neuen Bundesländern, sondern sogar im dicht besiedelten NRW gebe es Abwanderungen aus weniger attraktiven Städten. Der Handel hängt dabei salopp gesagt am Fliegenfänger. Laut Schätzungen werden rund zehn Prozent der noch etwa 450 000 Handelsstandorte in Deutschland in den kommenden fünf bis zehn Jahren verschwinden – und das könnte sich noch beschleunigen, wenn zusätzlich zu Strukturwandel und steigenden Kostenbelastungen auch noch das Konjunkturminus zeitversetzt im Handel aufschlage: „Das ist ein Gefährdungsszenario, das wir sehen.“

Zudem erreicht auch der Engpass an Fachkräften allmählich den Einzelhandel, wobei es „zurzeit noch keinen echten Mangel“ gebe, so Genth. Damit es auch gar nicht so weit komme, starte im Sommer eine großangelegte Kampagne, um junge Leute für den Einstieg in den Einzelhandel zu begeistern – vor allem über die sozialen Medien. Denn bei aller Mäkelei: Die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze im Handel stieg im vergangenen Jahr um 26 000. Und: Laut Stefan Genth kommen 80 Prozent der Top-Führungskräfte aus dem Handel selbst – Karrierechancen gibt es also durchaus noch.

Mehr von Westdeutsche Zeitung