Zwei Düsseldorfer wollen mit "Cano" die Modewelt verändern

Nachhaltigkeit : Wie zwei Düsseldorfer die Modewelt verändern wollen

Mit einer technischen Entwicklung machen Lukas Pünder und Philipp Mayer die Arbeitsschritte ihrer Schuhproduktion sichtbar. Mit ihrem neuen System wollen die Jungunternehmer für mehr Nachhaltigkeit in der Modebranche sorgen.

Die Revolution beginnt im Kleinen. Genauer gesagt in einem bescheidenen Büro-Loft im Areal Böhler, einem riesigen Gewerbepark zwischen den Stadtgrenzen von Düsseldorf und Meerbusch. Hier, wo regelmäßig auch Messen und Festivals veranstaltet werden, planen die beiden Freunde Lukas Pünder und Philipp Mayer mit ihrem Start-up „Cano“, die Modewelt zu verändern.

Vor zwei Jahren haben die beiden 26-jährigen Düsseldorfer ihr Unternehmen gegründet. „Lukas und ich kennen uns bereits seit der Schulzeit und hatten schon länger den Wunsch, uns selbständig zu machen. Eigentlich fehlte uns nur noch eine Idee“, erzählt Mayer. Und wie so oft spielte dabei der Zufall eine entscheidende Rolle. 2014 verbrachte der damalige BWL-Student ein Auslandssemester in Mexiko. Dort lernte er auch seine heutige Freundin kennen, die ihm zu Weihnachten ein Paar Huaraches schenkte. „Das sind traditionell handgefertigte Schuhe bzw. Sandalen, die du dort eigentlich an jeder Ecke siehst. Ich fand sie auf Anhieb super und habe gemerkt, dass es solche Schuhe in Europa überhaupt nicht gibt.“

Drei Monate suchte Mayer nach einem geeigneten Produzenten

Zurück in der Heimat ließ ihn dieser Gedanke nicht mehr los. Und als er seinem Kumpel von seinen Erlebnissen erzählt hatte, fassten beide einen Entschluss: Wir holen die Huaraches nach Deutschland. Während Pünder sein Auslandssemester in Singapur antrat, flog Mayer zurück nach Mexiko und begab sich auf die Suche nach einem Produzenten. Drei Monate reiste er durch das riesige Land, besuchte unzählige Märkte und fand nach einiger Zeit die Kleinstadt Sahuayo in der Nähe der Millionenmetropole Guadalajara.

Eine kleine Auswahl der bisherigen Schuhkreationen im Büro-Loft im Areal Böhler. Foto: Maximilian Lonn

„Der ganze Ort lebt praktisch von Schuh- und Lederwaren. Hier habe ich auch ein Familienunternehmen gefunden, das uns unsere Schuhe produziert“, sagt Mayer und ergänzt: „Es war nicht möglich mit einzelnen Schuhmachern zusammenzuarbeiten, weil wir direkt 100 Stück brauchten.“ Neben der Produktivität gab es für Mayer und Pünder jedoch noch weitere wichtige Kriterien. Zum einen sollte das verarbeitete Leder rein aus pflanzlichen Stoffen gegerbt sein und zum anderen sollten auch die weiteren Materialien biologisch abbaubar sein. „Nachhaltigkeit ist für uns ein super wichtiges Thema und zudem ein wachsender Markt“, erklärt Pünder.

Zwar hatten die beiden jetzt einen geeigneten Produzenten gefunden und nach einigen Versuchsanläufen auch die ersten Schuhe online verkauft, allerdings blieb stets eine Frage unbeantwortet. „Obwohl wir ab 2017 über ein Jahr auf dem Markt waren, sind wir noch nie gefragt worden, was uns als nachhaltige Marke eigentlich auszeichnet“, sagt Pünder. Klar, sie verarbeiten biologisch abbaubare Produkte und achten darauf, dass ihre Schuhmacher fair bezahlt werden, aber konnten sie das auch beweisen? „Genau an diesen Punkt haben wir angesetzt. Wir wollten Transparenz nachweisen.“

Die Lösung dafür fanden sie in der sogenannten Near Field Communication-Technologie, kurz NFC. Dabei handelt es sich um ein international standardisiertes Kommunikationsprotokoll, das vor allem beim bargeldlosen Zahlungsverkehr benutzt wird. Auch Smartphones verfügen über diese Technologie. Und diesen Umstand machen sich die beiden Freunde zu Nutze. „Wir nutzen die Technologie, um Informationen auf das Smartphone zu übermitteln und dem Kunden zu Verfügung zu stellen“, erklärt Pünder.

So sieht der Chip aus, der in die Schuhe eingearbeitet wird. Foto: Maximilian Lonn

Die Idee: Der Schuh soll im übertragenen Sinne erzählen, woher er kommt, welche Materialien verwendet wurden und welche Schuhmacher bei der Produktion beteiligt waren. Und das funktioniert folgendermaßen: Während der Produktion wird ein sogenannter NFC-Tag, ein Chip in Form einer Geldmünze, in den Schuh eingearbeitet. Anschließend wird der Chip wie ein USB-Stick mit Daten gefüttert. Dafür hat jeder Schuhmacher ein eigenes kleines Gerät an seinem Arbeitsplatz. Nach jedem Arbeitsschritt wird der Schuh an das Gerät gehalten und die Daten übermittelt. Sobald der Schuh fertig ist, kann man die Daten mithilfe einer App sichtbar machen. Dadurch kann sich der Kunde nicht nur über die komplette Wertschöpfungskette informieren, sondern erhält auch einen Einblick in das Leben der Schuhmacher. „Wir wollen den Leuten damit auch ein Gesicht geben und dem Kunden zeigen: Diese Person hat an deinem Schuh mitgearbeitet und ein Teil deines Kaufpreises geht zu einem fairen Anteil an ihn und seine Familie“, sagt Pünder.

Er und Philipp Mayer sind überzeugt, dass man auf diese Art und Weise Nachhaltigkeit am besten nachweisen kann. Auch andere kleine Modeunternehmen, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben haben, haben bereits Interesse an der Technologie signalisiert. Doch bevor sie mit anderen Marken kooperieren, wollen sie das System weiter professionalisieren sowie ihre Produktion weiter ankurbeln. Doch dafür brauchen die beiden Jungunternehmer neues Kapital, nachdem sie bereits ihre gesamten Ersparnisse, ein hoher fünfstelliger Betrag, in Cano investiert haben.

Die Lösung: Seit Mitte Oktober versuchen sie über die Crowdfunding-Plattform „Kickstarter.com“, neues Geld zu generieren. Hierzu bieten sie den Nutzern verschiedene Finanzierungspakete an, damit sie sich am Projekt beteiligen können. Bei einer Beteiligung von 99 Euro erhält man beispielsweise ein Paar Huaraches (Normalpreis 139 Euro). Auf diese Weise sind bereits über 17 000 Euro zusammengekommen. Noch bis kommenden Montag läuft die Kampagne und das Ziel ist klar. „Nachdem wir bislang rund 800 Paar verkauft haben, wollen wir 2019 rund 3000 Paar verkaufen – und zwar komplett mit NFC-Technolgie“, kündigt Pünder an. Damit auch jeder Schuh seine eigene Geschichte erzählen kann.

Mehr von Westdeutsche Zeitung