Zwei Düsseldorfer erobern mit ihrer Toniebox die Kinderzimmer

Erfindung : Zwei Düsseldorfer erobern mit ihrer Toniebox die Kinderzimmer

Marcus Stahl und Patric Faßbender gaben 2013 ihre Jobs auf, um die Toniebox zu entwickeln. 900 000 Mal ist sie seit 2016 verkauft worden.

Das Büro liegt versteckt in einem Hinterhof an der Grafenberger Allee. Es gibt kein buntes Schild mit einer auffälligen Hörspielfigur, nicht mal das Wort „Tonie“ ist auf dem minimalistischen Wegweiser zu finden. „Boxine GmbH“ steht auf dem Schild, das den Besucher zum Büro im Hof führt, vorbei am Porsche Carrera der benachbarten Kanzlei. An der Hauswand lehnen mehrere Hollandräder, an der Eingangstür dann ein Hinweis, das Tor wegen der freilaufenden Hunde nicht offen stehen zu lassen. Und schließlich ist die erste „Tonie-Box“ zu sehen – ein weicher Würfel mit digitalem Kern, den zwei Düsseldorfer entwickelt haben. Zusammen mit den Hörfiguren ersetzt die Box den klassischen CD-Spieler in vielen Kinderzimmern.

Ihre Erfinder Marcus Stahl (51) und Patric Faßbender (48) sind in Düsseldorf verwurzelt. Patric Faßbender ist auf der Jülicher Straße aufgewachsen, besuchte erst die Rolandschule, dann das Leibniz-Gymnasium. Er spielte Fußball im DSC99, im BV04 und bei Fortuna. Und mit ein bisschen mehr Talent in den Beinen wäre er über eine Profikarriere auch nicht unglücklich gewesen. Schließlich studierte er dann doch visuelle Kommunikation und arbeitete als Kreativdirektor in einer Werbeagentur. Natürlich in Düsseldorf. Stahl kommt ursprünglich aus dem Siegerland und fand nach dem Studium vor 26 Jahren in Düsseldorf ein Jobangebot bei Nokia und in Stockum ein Nest für seine Familie.

Die Toniebox steht in vielen Kinderzimmern. Foto: Tonies

Kennengelernt haben sich die beiden über ihre Kinder: Patric Faßbender und seine Frau Nina suchten für die damals zweieinhalb Jahre alte Tochter einen Kindergarten und stießen in Unterrath auf die Elterninitiative Flic Flac, in der Marcus Stahl im Vorstand saß. „Patric und seine Frau waren mir sofort grundsympathisch, als sie sich bewarben“, erinnert der sich. Und er witterte die Chance, mit männlicher Verstärkung im Vorstand den sitzungsfreien Mittwoch zu etablieren, „um endlich ungestört Champions League gucken zu können“, sagt er und lacht. Dass die Zusammenarbeit im Kindergarten schon einen Vorgeschmack auf die gemeinsame Arbeit an der Idee Toniebox gab, das ahnten beide zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Die Idee mit der Toniebox kam Patric Faßbender eines Tages beim Anblick seiner Tochter. Immer wieder zerkratzten ihre CDs, blieben hängen, ratterten vor sich hin. „Wir haben nach einer Alternative gesucht, um kindgerecht Hörspiele abspielen zu können. Auf dem Markt gab es einfach nichts“, sagt Patric. Seine Idee: Einen Würfel zu entwickeln, unkaputtbar und intuitiv zu bedienen, der Hörspiele oder Musik wiedergibt, indem eine Spielfigur auf ihn drauf gestellt wird. Ingenieur Marcus Stahl war davon begeistert und brachte etwas mit, von dem der Werbemann damals so überhaupt gar keinen Plan hatte: Finanz- und Technik-Know-How.

Die Männer kündigten mutig ihre Jobs und konzentrierten sich auf das Projekt „Revolution im Kinderzimmer“. Im Dezember 2013 gründeten die beiden Väter die Boxine GmbH. Knapp drei Jahre später kam die Box samt erster Hörfiguren auf den Markt. 2017 dann der Durchbruch im Weihnachtsgeschäft – die Boxen waren restlos ausverkauft, die Produktion kam nicht hinterher.

Sieben Millionen Hörfiguren sind bis heute verkauft worden

Mittlerweile sind mehr als 900 000 Boxen und sieben Millionen Hörfiguren, die Tonies, verkauft worden. 150 verschiedene Hörfiguren gibt es, in der zweiten Hälfte dieses Jahres kommen einige der beliebtesten Kinderhelden von Disney hinzu. Umsatz: 60 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Auch in Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Irland und Schottland ist das Audiosystem mittlerweile erhältlich. Und die Internationalisierung geht weiter: „Es ist ein Produkt, das überall funktioniert“, sagt Marcus Stahl. Denkbar sei auch die Ausweitung auf andere Anwendergebiete – in Seniorenheimen könnte die Box auch zum Einsatz kommen. „Es wird nicht langweilig“, sagt Faßbender. „Vor einem Jahr waren wir nur halb so viele Mitarbeiter, jetzt sind wir um die 100 und wachsen weiter. Wir ziehen gerade um. Es passieren so viele Dinge gerade.“

Angefangen haben die Unternehmer an der Friedrichstraße, gegenüber vom Sternverlag. Das Büro gibt es noch immer, nach dem Umzug in die neuen Räume am Wehrhahn wird es künftig aber nur noch für größere Meetings genutzt. Ein zweiter Standort ist in Schwäbisch Gmünd, dort sitzen zehn Mitarbeiter aus Figurenentwicklung und -Design. „Die meisten von ihnen kommen von Schleich. Und die Schwaben, die kriegt man nicht nach Düsseldorf“, sagt Stahl. Die Mitarbeiter von der Grafenberger Allee ziehen nun auch erst einmal in die Zwischenlösung am Wehrhahn. Langfristig soll dann aber in der Innenstadt eine „Zentrale“ bezogen werden, mit Platz für mehr als 150 Mitarbeiter.

An einen Umzug des Unternehmens nach Hamburg oder Berlin haben die Männer nie gedacht. „Wir lieben Düsseldorf. Es ist für uns einfach die schönste Stadt“, sagt Stahl. Für die Familie, aber auch für die Firma. Die Infrastruktur mit Flughafen und Hafen, Figuren und Boxen werden in China und Tunesien gefertigt, sei ideal. „Und hier findet man Mitarbeiter, die super ausgebildet und hochmotiviert sind. In Großstädten wie Berlin hätten wir da viel mehr Konkurrenz“, sagt Faßbender.

Aber nicht nur aus Unternehmersicht ist Düsseldorf für Faßbender und Stahl die Nummer eins. „Der Dorfcharakter macht diese Stadt so sympathisch.“ Und in diesem Dorf liest man auch Zeitung: „Es ist noch gar nicht so lange her, da lag ich auf der Matte im Fitness-Studio und machte meine Liegestütze, da baut sich eine ältere Dame vor mir auf, breitete neben mir die Zeitung aus und rief: Mensch, herzlichen Glückwunsch, das sind doch Sie!“, erinnert sich Stahl schmunzelnd. Und auch Patric Faßbender kennt solche Situationen: „Auf dem Baumarkt-Parkplatz bin ich mal von einem Vater angesprochen worden, ob ich denn mal mit meinem größten Fan sprechen möchte. Im Auto saß ein kleines Mädchen. Das war eine sehr schöne Begegnung.“

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