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Dolphin Aid: Zu Besuch bei der Delfintherapie in Curaçao

Dolphin Aid : Zu Besuch bei der Delfintherapie in Curaçao

Auf der Karibikinsel Curaçao hat die Düsseldorferin Kirsten Kuhnert das Projekt Dolphin Aid initiiert. Es hilft vor allem traumatisierten Kindern.

Curaçao. Eine Handbewegung der Trainerin und Bonny taucht ab, um kurz danach mit Kraft aus dem Wasser heraus zu springen — zur Freude von Jakob, der die Aktion des Delfins mit einem breiten Lächeln kommentiert.

Jakob ist vier Jahre alt. Er leidet an frühkindlichem Autismus und ist ein lebhaftes, lautes Kerlchen. Ein Freund, der ehrenamtlich für die Hilfsorganisation Dolphin Aid arbeitet, machte die Familie Müller (Name von der Redaktion geändert) aus Düsseldorf vor zwei Jahren auf die Delfintherapie aufmerksam. Es gibt preiswertere und näher gelegene Therapiezentren, doch das Konzept hat Jakobs Eltern überzeugt, so sind sie schon zum zweiten Mal mit Jakob und seinem Bruder Yannik in die Karibik geflogen.

380 behinderte und traumatisierte Patienten, die schulmedizinisch aufgegeben sind, werden jedes Jahr auf Curaçao therapiert — 80 Prozent davon sind Kinder. Wunder kann die Delfin-Therapie nicht vollbringen, aber Fortschritte und eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität — Tümmler sind ein guter Motivator für die therapiemüden Dauerpatienten.

Bonny ist eine von fünf Therapie-Delfinen, die derzeit für die großen und kleinen Patienten im Einsatz sind. Kontrovers wird immer wieder über den Nutzen der Therapie und die Lebensbedingungen für die Delfine diskutiert. Das nervt vor allem die Initiatorin des Projektes, Kirsten Kuhnert. „Seit Gründung von Dolphin Aid haben wir uns auch dem Tierschutz verschrieben und deshalb will ich mich nicht immer rechtfertigen gegenüber jenen, die das hier für nutzlos halten und behaupten, dass die Tiere leiden“, sagt sie.

Die Warteliste ist lang und gibt ihrem Projekt recht: 70 Prozent der Patienten sind wie Jakob sogar bereits zum zweiten Mal dabei. Kirsten Kuhnert lebt für dieses Projekt. Sie selbst erlebte den Alptraum aller Eltern, als im Sommer 1994 ihr damals zweijähriger Sohn Tim in ein ungesichertes Schwimmbecken fiel. Nur knapp konnte er gerettet werden, sein Gehirn blieb jedoch zu lange ohne Sauerstoff. Lange lag er im Koma. Kirsten Kuhnert träumte in dieser Zeit davon, dass ihr Kind „mit Delfinen schwimmt und dabei lacht“. Nach 15 Monaten flog sie mit ihm zur Delfintherapie nach Florida, wo Tim am vierten Tag der Therapie aus dem Koma erwachte. „Als er dann tatsächlich lachte, wusste ich, dass er noch da war“, sagt sie.

Thema des Tages

Delfintherapie

Seit sie vor 21 Jahren die Hilfsorganisation Dolphin Aid gründete, bestimmt die Delfintherapie ihr Leben. Auch die Sportjournalistin Monica Lierhaus, die seit 2009 an den Folgen einer missglückten Gehirn-OP leidet, war in diesem Jahr bereits auf Curaçao zur Therapie mit den Meeressäugern. „Es ist bewundernswert, wie offen sie mit ihrer Krankheit umgeht und wie groß ihre Erfolge hier waren.“ Auch Monica Lierhaus will wiederkommen.

Derweil unterbricht Bonny ihre Arbeit mit dem kranken Jakob. Samy, ihr Baby-Delfin, ist auf Entdeckungsreise gegangen. Das gefällt der Delfin-Mutter gar nicht und sie muss ihren Nachwuchs zunächst zurückholen. „Das ist die freiwillige Interaktion, so arbeiten wir hier“, betont Kuhnert. Die Trainerin und die Therapeutin haben die Situation sofort erkannt und beschäftigen Jakob anderweitig.

Strahlende Karibiksonne und 28 Grad Wassertemperatur — über eine Steinmole kommen die Ozeanwellen direkt in die Lagune. Das Therapie-Zentrum liegt in einer natürlichen Bucht, hier leben die Tümmler. „Die Delfine können auch raus aufs offene Meer“, erzählt Kirsten Kuhnert beim Rundgang durch die Anlage und beteuert, dass alle Tiere stets zurückkommen. Jakobs Mutter Angela ist glücklich, dass ihr Sohn das Bad mit Bonny so genießt: „Wir haben immer geahnt, dass unser Sohn Potenzial hat und viel mehr kann, als er bis jetzt gezeigt hat.“

Zwei Tage zuvor gab es einen Moment, der Jakobs Eltern zu Tränen rührte: „Da hat er einen Joghurt mit Haferflocken gegessen.“ Jakob hat eine Magensonde, weil er sich bislang nichts aus Essen machte. Der Vierjährige gehört zu den vielen Sprösslingen, die dank Therapie große Fortschritte machen: „Ich war ja anfangs skeptisch, aber der Erfolg ist groß. Jakob muss nicht länger fixiert werden, wenn er geduscht wird, zuvor konnte er den Wasserstrahl nicht ertragen“, berichtet sie. Und auch das Haareschneiden lasse er jetzt über sich ergehen: „Früher ertrug er keine Berührung am Kopf!“ Jakob versuche jetzt sogar, ein wenig selbstständig zu werden. „Im Restaurant gestern hat er zum ersten Mal ein Essen für sich bestellt und er blieb zum ersten Mal ruhig sitzen im Lokal.“

Zur zweiwöchigen Therapie, die 7590 Dollar kostet, gehören auch Einheiten mit Ergo-, Physio- und Sprachheiltherapie. Für das Geschwisterkind gibt es ein Begleitprogramm und die Eltern werden in Workshops geschult. Insgesamt hat der Aufenthalt auf Curaçao für Jakobs Familie 15 000 Euro gekostet. „Wir werden jetzt wieder sparen und dann hoffentlich in ein paar Jahren noch einmal zur Therapie nach Curaçao fliegen können.“ Jakob lernt jetzt die Gebärdensprache, um besser kommunizieren zu können. Und auch seine Eltern haben auf Curaçao eine Menge gelernt: „Vor allem, dass wir konsequenter sein müssen, auch bei einem Kind mit Handicap.“