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Woche 8: So läuft es im Home-Office mit Kindern in Zeiten von Corona

Kolumne: Woche 8 im Home-Office mit Kindern in Zeiten von Corona : Herbeisehnen und Fürchten des Nach-Corona-Alltags

Bis die Kleinen wieder in die Kita oder Schule können, dauert es möglicherweise noch lange. Das Home-Office mit Kindern in Zeiten des Coronavirus ist jedoch kein Selbstläufer. Das braucht einen ausgefeilten Plan.

Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich mich fragte, wie meine Familie riecht. Wie andere unseren „Hausgeruch“ wahrnehmen und wie er sich verändern wird, wenn ich mal eigene Kinder habe. Ich stand bei meiner Freundin im Flur, der garstige Jack-Russel-Terrier saß geduckt auf dem weißen Garderoben-Möbel und knurrte mich an. Ich habe den Duft von Familie Brunner, eine Mischung aus frischen Hefeteilchen und Waschmittel, immer gemocht. Ich rieche ihn noch heute gerne, wenn ich meine Freundin umarme. Sie hat ihn mitgenommen, als sie auszog.

Ich frage mich immer noch, wie es wohl bei uns zu Hause riecht. Ich bekomme nur eine Ahnung davon, wenn ich nach dem Mittagsschlaf meines Sohnes das Zimmer betrete. Dann steht so ein süßlicher Duft im Raum. Sieben Wochen in Homeoffice liegen hinter mir. Etwa 50 Mal habe ich lächelnd das Zimmer meines knapp drei Jahre alten Sohnes betreten, das Fenster geöffnet, mich neben dieses verschwitzte Menschlein gelegt und dabei zugesehen, wie es langsam wach wurde. Und jedes Mal habe ich gedacht, wie sehr ich das vermissen werde. Egal, wie anstrengend der Tag bis dahin war.

Diese ist meine achte Corona-Kolumne. Ich habe über meine Grenzerfahrungen mit Knete, meinen optischen Verfall, wiederkehrende Sportambitionen und mein Versagen als Pädagogin geschrieben. Darüber, dass alles auf den Kopf gestellt ist, dass mir einiges zu viel wird, mir vieles fehlt, über meine Ungeduld. Darüber, dass ich mir meinen fleckenfreien Long-Blazer schnappen und mich in die Bahn setzen will. Mit den Pixies auf den Ohren und dem Thermobecher Kaffee in der Hand. Bisschen Hipster spielen und beim Anblick echter Hipster bisschen schämen. Und dann ist da dieser eine Moment am Tag, von dem ich vor acht Wochen nicht mal wusste, wie wichtig er mir ist. Und er lässt mich zweifeln, ob die Rückkehr in den Alltag ohne größere Einschnitte gelingen wird.

WZ-Redakteurin Ines Arnold Foto: Melanie Zanin/M.ZANIN

Mein Sohn geht schon eine Weile in den Kindergarten und hat sich von Anfang an sehr wohl dort gefühlt. Tränen gab es ganz selten, und das lag vor allem an der behutsamen, langen Eingewöhnung. Wenn es doch mal Tränen gab, dann war das für uns eigentlich so abgehärtete Zwillingseltern eine echte Katastrophe. Dann sprachen wir uns vor dem Kindergartentor am Telefon Mut zu, das Kind werde es wohl schaffen und wir vermutlich auch.

In den vergangenen Wochen haben wir live miterlebt, wie die großen Schwestern zu seinen engsten Bezugspersonen wurden. Die eine zu seiner Pressesprecherin, Sozialarbeiterin und Erzieherin, die ihn die Schlüsselqualifikation lehrt, die Unterlippe nur weit genug über die obere zu schieben und betroffen auf den Boden zu gucken, um nahezu alles zu erreichen. Von der anderen Schwester, der Widerstandskämpferin in dieser Familie, lernt er hingegen, sich lautstark durchzusetzen, aber auch diplomatisches Geschick und, wenn es drauf ankommt, absolute Loyalität. Den Geschwistern gegenüber wohl gemerkt. Mich überkommt manchmal die blanke Angst, wenn ich sie mir als Teenagerin vorstelle. Und sollte sie jemals auf die dunkle Seite der Macht wechseln, sind wir eh alle verloren.

Vor dem Moment, meinen Sohn irgendwann wieder in der Kita abzugeben, graut es mir gerade. Und das verwundert mich nach dieser Woche doch etwas. Schließlich haben mich wieder einige Aktionen der Verzweiflung nahe gebracht. Da war die Sache mit dem Truhen-Couchtisch und dem Kind, das unbemerkt darin kauerte, bis die Schwester sich entschloss, doch etwas anderes als verstecken zu spielen. Da war der Tag, an dem meine gebundene Diplomarbeit Rezeptblock für den Stofftierarzt wurde oder auch der Moment, in dem ich durch die beschlagene Duschkabine plötzlich das Kleinkind mit dem Fernglas entdeckte.

So sehr ich mich danach sehne, wieder einem geregelten Tagesablauf nachzugehen, so sehr fürchte ich mich auch davor. Die Mädchen sollen im August eingeschult werden. Wer weiß, ob sie vorher noch einmal die Kita besuchen. Für sie wird es schwierig sein, von dem gefühlten Langzeit-Urlaub in ein neues Umfeld geschmissen zu werden. Sie hatten sich auf die letzten Monate in der Kita gefreut. Feste waren geplant, Ausflüge und Vorschulprojekte standen an. Aus der Vorfreude auf die Schule ist Panik vor dem Unbekannten geworden, die vor allem nachts hoch kommt. In letzter Zeit gibt es immer häufiger Tränen, wenn von der Einschulung und den ersten Schultagen geträumt wird. Es ist eine echte Herausforderung, den Kindern auch unter diesen Umständen Lust aufs Lernen zu machen.

Ich weiß nicht, wann es so weit sein wird, aber wir alle werden uns sicher auch wieder an den Nach-Corona-Alltag gewöhnen. Ich werde auf jeden Fall einiges mitnehmen aus dieser Zeit. Auch die Erkenntnis, dass mein Hausgeruch, der mich jeden Mittag lächeln ließ, so schlecht gar nicht sein kann.