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Wie war das schön, als der Schmerz meinen Körper endlich verließ

Stadt-Teilchen : Wie war das schön, als der Schmerz meinen Körper endlich verließ

Erinnerungen an eine Silvestfeier mit Altbier, vielen Cocktails und leider auch Chili con Carne.

Kürzlich bin ich durch die Aachener Straße gewandert. Nicht um die neuen Fahrradstreifen zu bewundern, sondern einfach so. Ich mach das manchmal, schlendere durch die Stadt, scheinbar ohne Ziel. Dabei habe ich durchaus ein Ziel. Das Ziel ist, mich von meiner Stadt überraschen zu lassen, auf das Unerwartete zu stoßen. Düsseldorf soll mich aus meinem Trott werfen. „Schlendern ist Luxus“ sang einst Ulla Meinecke und setzte damit meinem Tun eine kleine Krone auf.

Schlendern ist Luxus, wenn man sich treiben lässt und die Poren offen hält für Einflüsse, für Neues, aber auch für Vergangenes. Je älter ich werde, desto mehr Vergangenheit sammelt sich in mir, desto weniger Neues passt rein. Ich bin inzwischen ein Mann mit mehr Vergangenheit als Zukunft, und mit jedem neuen Jahresbeginn verschieben sich die Gewichte erneut Richtung gestern. Da muss man schon gegenhalten, dass das Neue auch eine Chance erhält und nicht dauerhaft als Bedrohung empfunden wird.

WZ-Kolumnist Hans Hoff. Foto: NN

Sehr schön lässt sich das demonstrieren an den Brückengittern, die an der Düsselüberquerung der Aachener Straße angebracht sind. Die waren früher luftig und bestanden aus ein paar grünen Stangen zwischen den Steinpfeilern, mehr nicht. Doch dann kam irgendein Sicherheitsbeauftragter auf die Idee, diese Gitter zu verdichten, sie so zu gestalten, dass niemand mehr zwischen den Stangen durchpasst und versehentlich in der Düssel landet und fortgetragen wird vom niemals reißenden Strom des namensgebenden Gewässers.

Was habe ich mich aufgeregt in jenen Tagen, als die neuen rostroten Geländer montiert wurden. Ich habe mir vorgestellt, dass demnächst auch alle Bürgersteige eingehaust werden, auf dass nur niemand Gefahr laufe, auf die Straße zu fallen. Wie oft hat man das schon erlebt, dass jemand von der Bordsteinkante gefallen und in der Gosse gelandet ist.

Um es kurz zu sagen: Ich habe inzwischen meinen Frieden mit den neuen Gittern geschlossen. Ich habe das erst gar nicht bemerkt, weil ich inzwischen schon bestimmt hundert Mal über die Brücke gegangen bin, ohne mich aufzuregen. Als ich nun so schlenderte und wieder über die Brücke kam, bemerkte ich nichts. Erst ein paar Meter dahinter fiel mir wieder ein, wie ich mich einst aufgeregt hatte. Man war ich wütend.

Gewesen. Ich kehrte um. Ich wollte die neuen Geländer, die längst nicht mehr neu sind, noch einmal in Augenschein nehmen und meine Wut von damals neu betanken. Allein, es gelang mir nicht. Ich stand auf der Brücke schaute auf die verdichteten Geländer und fand sie eigentlich ganz okay. Sicherlich keine Augenweide, aber so schlimm wie ich es damals empfunden habe, sahen sie dann auch wieder nicht aus.

Ich überlegte kurz, ob ich einfach nur resigniert hatte, weil man ja gegen die Pläne der Stadtorganisatoren immer nur schwer ankommt. Wenn die einmal einen Verwaltungsprozess angestoßen haben, lässt sich dieser nur noch schwer stoppen. Da müsste schon der Oberbürgermeister einschreiten, aber der befand die Geländer damals trotz heftiger Aufschreie der Anlieger nicht der Intervention würdig. Also wurden die neuen Geländer angebracht. Fertig. Klappe zu, Affe tot. Ehrlich gesagt ist Düsseldorf nicht schlechter geworden durch die neuen Gitter. Besser auch nicht. Vielleicht ein bisschen sicherer. Was weiß denn ich.

Ich kam zu dem Schluss, dass ich mich als Mensch immer erst einmal gewöhnen muss an das Neue. Menschen finden Neues per se erst einmal bedrohlich, weil es neu ist und anders. Anders ist nicht wie immer, und immer ist halt Sicherheit. Da will man nicht von lassen von der Sicherheit. Manche bemänteln ihr Sicherheitsbedürfnis mit Konservatismus. Es sind meistens alte weiße Männer wie ich, denen jede neue Bewegung schwerer fällt als einem 25-Jährigen. Man muss damit umgehen lernen. Die einen gründen eine Partei, die gegen alles ist, was sie nicht begreifen wollen, ich schlendere und übe Offenheit.

Ja, ich kann Irrtümer einsehen. Mitten auf der Aachener Straße stand ich und fand die neuen Geländer ganz okay. Ich betrachte das als Fortschritt. Ich habe mich trotz meines hohen Alters bewegt. Das ist wichtig, dass man sich selbst bewegt, solange man sich noch selbst bewegen kann und nicht bewegt wird.

Ich wanderte weiter über die Aachener Straße. Ich wollte zu Unbehaun, meiner früheren Lieblingseisdiele. Und zum Südgrill, meiner einst bevorzugten Pommesbude Ich kam nicht weit, denn in Höhe von Hausnummer 101 fing mich wieder die Vergangenheit ein.

Ich habe in der 101 mal gewohnt. Dritter Stock, das Fenster ganz links. Dort war meine erste Wohnung zwischen Ende der Siebziger und Beginn der Achtziger. Ich wohnte mit einem Kumpel zusammen und zahlte 150 Mark Miete. Auch dort habe ich etwas gelernt, nämlich den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol. Den verdanke ich einer Silvesterfete, die wir damals in der 101 gaben. Wir luden das ganze Haus ein und viele Freunde. Irgendwer machte Chili Con Carne und brachte ein Altbierfass mit. Ich beschloss, mich zum Abschluss des Jahres hemmungslos zu betrinken. Ich trank ein Alt, aß einen Teller Chili Con Carne und trank dann noch ein Alt, wonach wieder ein Teller Chili Con Carne folgte. Danach dann noch ein Alt.

Als ich damit fertig war, zeigte die Uhr, dass es noch drei Stunden bis zur großen Knallerei dauern würde. Ich fühlte mich immer noch stocknüchtern, trank noch ein Alt und aß noch einen Teller Chili Con Carne. Wirkung? Gleich null. Mein Plan, mich hemmungslos ins neue Jahr zu saufen, war dem Scheitern geweiht.

Ich freute mich daher sehr, als ein Kumpel mit einem Karton voller Flaschen anrückte. Er mixe jetzt Cocktails, sagte er und legte los. Ich probierte seine Drinks und fand sie vorzüglich. Sie schmeckten überhaupt nicht nach Alkohol, eher wie luftige Sommererfrischungen. Ich nahm einen Drink, dann noch einen und dann noch einen. Die Tatsache, dass ich keinen Alkohol schmeckte, hielt diesen aber nicht davon ab, auf mich einzuwirken.

Kurz nach zehn Uhr muss es gewesen sein, als mich ein Hammerschlag von der Seite traf. Es war nicht wirklich ein Hammerschlag, eher das Gefühl, umgehauen zu werden. Ich verliebte mich umgehend in unsere Toilettenschüssel und umarmte sie inniglich. Ich ließ mir vieles durch den Kopf gehen, was ich zuvor zu mir genommen hatte. Ich versuchte, wieder aufzustehen, aber mein Tun scheiterte. Ich fühlte mich hundeelend.

Irgendwann fand ich den Weg von der Schüssel in mein Zimmer. Das muss so gegen elf Uhr gewesen sein. Alles weitere weiß ich nur aus Berichten anderer. Viele Freunde kamen noch, doch niemand bekam mich mehr zu Gesicht. Man sagte mir, es sei noch ein rauschendes Fest geworden, allerdings eines ohne mich.

Ich verpasste Mitternacht und das Feuerwerk und erwachte aus meinem selbstverschuldeten Koma erst, als es schon wieder hell wurde. Ich sah mich in meinem Zimmer um und registrierte überall bunte Häufchen. Chili Con Carne. Teufelszeug. Mir war immer noch hundeelend. Ich schmiss eine Aspirin ein, dann noch eine. Es half nichts.

Ich war ein Jahr zuvor aus der Kirche ausgetreten, aber nun wurde ich wieder gläubig. „Lieber Gott, mach, dass diese Kopfschmerzen weggehen“, flehte ich, während ich die bunten Häufchen entsorgte. Doch der liebe Gott hatte an diesem Neujahrstag offenbar anderes zu tun als meine Kopfschmerzen zu vertreiben. Oder er wollte mich bestrafen.

Ich weiß noch, dass abends im Fernsehen die „Glenn Miller Story“ lief. Ich habe nie wieder ein solch schönen Film gesehen, was vor allem daran gelegen haben mag, dass ich während des Streifens spürte, wie die Kopfschmerzen langsam Anstalten machten, mich zu verlassen. Seitdem bin ich extrem vorsichtig mit Alkohol. Hier mal ein Gläschen, vielleicht mal zwei, aber dann danke. Und nie mehr in Kombination mit Chili Con Carne, diesem Teufelszeug.

An all das erinnerte ich mich, als ich vor der Aachener Straße 101 stand. Meine Vergangenheit holte mich ein, aber ich fand das nicht schlecht, weil mir eben auch klar wurde, dass man manchmal tatsächlich erst klug wird, wenn man selbst mal die Hand auf die heiße Herdplatte gelegt hat.

Ich beschloss, meine Schlenderei über die Aachener Straße abzubrechen. Ich wusste, dass dort noch viele andere Geschichten aus meiner Jugend lauern, aber ich war einstweilen voll mit Vergangenheit. Ich beschloss, an Silvester dieser denkwürdigen Jahresabschlussfete, bei der ich nicht anwesender Gastgeber war, zu gedenken. Ich werde um zwölf Uhr ein Gläschen Sekt trinken und daran denken, wie schön das damals war, als der Schmerz meinen Körper zu verlassen begann. Und dann schaue ich mir nochmal die „Glenn Miller Story“ an.