Wie der Räuber Hotzenplotz zurück auf die Bühne kommt

Theater : Wie der Räuber Hotzenplotz zurück auf die Bühne kommt

Das wiederentdeckte Werk „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ erlebt im November seine Uraufführung in Düsseldorf. Wie man aus Kindheitserinnerungen, Solidarität mit den Autoren und Sympathie für Bösewichte ein Theaterstück macht, erläutert Dramatiker John von Düffel.

Wenn John von Düffel an seine Kindheit und den Räuber Hotzenplotz zurückdenkt, dann ist er in Herz und Hirn wieder fasziniert und amüsiert. „Ich fand ihn toll - in dieser geordneten Form von Anarchie, wie es sie bei Otfried Preußler immer gab“, sagt der Dramatiker, der die Bühnenfassung von „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ für das Düsseldorfer Schauspielhaus geschrieben hat. Uraufführung ist passenderweise an dem Tag, an dem der größte Anarchist der Landeshauptstadt, der Hoppeditz, erwacht: am 11. November.

Der junge John von Düffel hat Hotzenplotz ins Herz geschlossen, obwohl der ein Schurke ist und im ersten Band den Seppel in seine Höhle schleppt. „Er ist ja am Ende doch leicht zu überlisten, das macht ihn sympathischer.“ Für den Dramatiker steht bei den bösen Figuren der spielerische Aspekt im Vordergrund, „das gilt für Richard III. genauso wie für den Räuber Hotzenplotz“. Die Bösewichte legten die Lunte an den Theaterabend, ihnen verdankten die Zuschauer die Spannung.

Trotz aller Begeisterung für den Schurken im Allgemeinen und in diesem besonderen Fall ist der 52-Jährige eine gewaltige Aufgabe angegangen. Mit Hotzenplotz verbinden gleich mehrere Generationen diverse Erinnerungen, Bilder und Gefühle. Diese Figur in einem wiederentdeckten, also für die meisten Zuschauer neuen Werk zurück auf die Bühne zu bringen, birgt viele Fallen. Von Düffel blieb bei den Büchern, die er selbst gelesen und jetzt mit seiner Tochter noch einmal genossen hat, bei der Sprache Preußlers und der Bilderwelt des Illustrators. „Ich glaube, das funktioniert in der digitalen Welt genauso, wie es in der analogen Welt funktioniert hat. Preußler hat wie Astrid Lindgren mit seinen Werken ewige Orte geschaffen.“

Preußler hat „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ in dialogischer Form angelegt. Dem ist von Düffel weitgehend gefolgt – bis auf einen Punkt. An einer Stelle hat er mit der Erlaubnis der Tochter des Autors, Susanne Preußler-Bitsch, eine weitere spielerische Ebene eingebaut. Bei Preußler wie von Düffel bricht der Hotzenplotz zu Beginn aus dem Spritzenhaus aus. Seppel und Kasperl waren eigentlich aufgebrochen, um Pilze zu sammeln, nun ändern sie den Plan und versuchen, den Räuber erneut zu fangen. Den Ärger, dass der Schurke ihre Pilz-Pläne durcheinander gebracht hat, bringen sie erst auf den Satz „Ich könnte ihn zum Mond schießen“ und dann auf eine dem sehr nahe Idee. Sie unterhalten sich laut darüber, dass sie mit ihrer Rakete zum Mond fliegen wollen, der ja aus reinem Silber besteht. Damit machen sie Hotzenplotz neugierig und locken ihn in die Falle. Die zusätzliche Von-Düffel-Dimension entsteht auf dem Rückweg. Es gibt einen Unfall, Hotzenplotz fällt aus der Rakete, Kasperl und Seppel müssen nun so tun, als wäre er wirklich auf dem Mond. das zweite Spiel beginnt.

Bei der Adaption belässt von Düffel die Figuren in ihrem Muster und will aus einem Guss erzählen. Die Zuschauer sollen nicht sagen können, welcher Teil von Preußler oder von Düffel ist. „Ich habe versucht, mich den Figuren mit meiner Fantasie zur Verfügung zu stellen.“ Die Arbeit ist für ihn nun abgeschlossen. „Ich werde sicher zur ein oder andere Probe kommen, aber ich will dann wirklich nur zu Besuch sein. Ich bin da voller Vertrauen und freue mich auf die Eigendynamik, die das Stück nun gewinnt.“

Während von Düffel bei der jetzigen Arbeit allen Stoff der Vorlage nutzen konnte, war er bei früheren Adaptionen auch in der Kunst des Weglassens gefragt, etwa als er Thomas Manns „Die Buddenbrocks“ auf die Bühne brachte. Ausschlaggebend sei immer, dass er eine emotionale Beziehung zum Roman und ein Interesse am Text habe. Dann sei es möglich, den Kern der Geschichte, die Ur-Erzählung auszumachen und so ein Stück von normaler Theater-Länge zu schaffen. „Ich interessiere mich immer aus Solidarität mit dem Autor für die Arbeit, nie aus einer Anti-Haltung. Ich habe kein Destruktionsinteresse, sondern erforsche, wo sich Papier und Herz treffen.“

Die Adaption eines Kinderbuchs hat für den Dramatiker einen besonderen Reiz. Während die Spannweite der Reaktionen bei einem Thomas-Mann-Werk eher vorstellbar sei, sei sie bei jungen Zuschauern viel überraschender. „Man hat bei Kinderbüchern ganz viele Experten mit ganz großer Fantasie vor der Bühne. Sie schenken einem ganz viel, weil sie bereit sind, in das Stück einzusteigen. Das ist das beste Publikum der Welt.“

„Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ ist für Kinder ab sechs Jahren geeignet und wird im Capitol-Theater an der Erkrather Straße 30 gespielt. Eine Öffentliche Probe ist für den 9. November angesetzt, die Premiere für den 11. November. Weitere Aufführungen gibt es vom 13. bis 16. sowie 18. bis 23. November und ab 4. Dezember.

Mehr von Westdeutsche Zeitung