Wie actionreich die Halsbandsittiche über die Düsseldorfer Kö fliegen

Stadt-Teilchen : Halsbandsittiche an der Düsseldorfer Kö: Szenen aus Top Gun und Star Wars

Unser Gastautor Hans Hoff hat sich ein filmreifes Spektakel angesehen. Mitten in der City.

Tom Cruise ist in der Stadt. Kein Zweifel. Er dreht hier ganz offensichtlich eine neue Folge von „Top Gun“, jenem Erfolgsfilm, in denen junge, übermütige Piloten in spielerischer Leichtigkeit demonstrierten, was man mit hochgerüsteten Jets so alles anstellen kann. Man kann beispielsweise sehr bodennah fliegen und die Nase erst kurz vor einem Hindernis hochreißen, um direkt dahinter in den Sturzflug zu gehen und erneut rasend schnell knapp über Grund dahinzugleiten, so dass arglose Zuschauer fürchten müssen, die fliegenden Geschosse würden gleich den Boden küssen und genau dort explodieren. Natürlich in einem riesigen Feuerball.

Man kommt auf solche Gedanken, wenn man sich in der Dämmerung am Tritonenbrunnen einfindet und dem Wasser spuckenden Fisch und dem gluckernden Minibach, der sich müht, den Kö-Graben zu speisen, den Rücken zukehrt. Blick auf den Corneliusplatz. Fokus auf das dahinter aufragende Grün des Hofgartens. Von dort kommen sie, wenn das Licht nachlässt, die Top-Gun-Piloten mit ihren pfeilschnellen Geschossen.

Sie kommen nicht allein, sie kommen als Geschwader. Nicht einer, es sind Dutzende. Sie wählen ihre Einflugschneise entlang des Kaufhofs. Sie formieren sich in Höhe des Schalenbrunnens, gehen tief, um dann plötzlich über der Theodor-Körner-Straße das Ruder ruckartig in die Höhe zu reißen und den am Tritonenbrunnen harrenden Passanten den Eindruck zu vermitteln, irgendwer wolle ihnen einen frischen Scheitel ziehen.

WZ-Kolumnist Hans Hoff. Foto: NN

Hinter dem Brunnen gehen sie wieder tief, halten sich rechts über dem Rollrasen, um dann vor der Girardetbrücke wieder aufzusteigen. Was für ein atemberaubendes Schauspiel! Der Himmel über Düsseldorf – ein Schlachtfeld. Das ist ganz großes Kino. Wer das clever abfilmt, könnte sich Chancen ausrechnen, dass seine Aufnahmen im nächsten „Top-Gun“-Epos landen, dass sein Name den Abspann in den großen Lichtspielhäusern der Welt ziert.

Könnte. Natürlich handelt es sich nicht um „Top Gun“-Piloten, die hier ihr juveniles Übermutsspiel treiben. Es sind Halsbandsittiche, die des Abends ihren Schlafstätten entlang der Kö zustreben. Es sind just diese lästigen Gesellen, die mit ihrem Kot alles sprenkeln, was entlang der Kö-Bäume sich aufzuhalten wagt. Manche nennen sie eine Landplage, und hat nicht kürzlich erst jemand eine Sittich-Maut ins Spiel gebracht?

Wer aber einmal ihre atemberaubenden Flugkunststücke am Tritonenbrunnen bewundert hat, kommt nicht umhin, ihre Waghalsigkeit zu bewundern. Diese Sittiche sind laut und lästig, aber eben auch eine Augenweide im freien Flug.

Und sie ersparen den Besuch der Tonhalle. Vorausgesetzt natürlich, man bevorzugt neue Musik, die sich dem Experiment geradezu verpflichtet fühlt. Dann findet man sich des Abends einfach entlang des Kö-Grabens ein und lauscht dieser Operette in Krächz-moll. Krächzen können sie nämlich gut, diese kleinen City-Strolche. Manchmal klingt das, als quäle irgendwer eine sehr alte, schlecht geölte Maschine zu letzter Leistung. Wenn man will kann man diesen Sound als Industrial-Music klassifizieren. Wäre die Band Kraftwerk heute noch kreativ und nicht nur ein Abziehbild ihrer großen Tage, dann stünden die Musiker mit dem Aufnahmegerät am Kö-Graben und hielten fest, was da zu hören ist. Kurze Zeit später wären dann die Sittiche weltweit zu hören, als Teil großer Kunst.

Doch, es ist eine Kunst, eine, die auch Variation kann. Sie wird lauter und leiser, sie crescendiert freiflügelig, und wenn alle gleichzeitig krächzen, dann ertönt eine regelrechte Kakophonie, was nicht nur das klangliche Bild beschreibt, sondern auch noch die Tatsache, dass dies Geflügel neben dem Krächzen auch noch eine andere Kunst mit K sehr gut beherrscht. Diese kleinen Scheißer sind wahre Multiinstrumentalisten.

Sie können auch dafür sorgen, dass sich ihr schwellender Gesang manchmal wie großer Beifall anhört. Sie machen damit den Kö-Graben zu einem sehr schönen Ort für erfolglose Künstler, die sich hier den Applaus abholen können, der ihnen auf der Bühne verwehrt bleibt.

Dazu kommt vom Boden das Dröhnen überdimensionierter Vehikel, das über die teilweise Unterdimensionierung der Insassen hinwegtäuschen soll. Auch dieses Dröhnen schwillt an und ebbt ab. Für einen winzigen Moment ist dann manchmal oben und unten gleichzeitig Ruhe. Aber dann hupt jemand, und ein Idiot lässt dem Blei in seinem Fuß wieder freien Lauf. Prompt setzt oben erneut das ganz große Gekrächze wieder ein. Viel lauter kann es in der Hölle dann auch nicht sein.

Was für ein großartiges Konzert! Man muss es nur zu deuten wissen, denn Lärm ist ja bekanntlich immer nur unerwünschtes Geräusch. Was aber, wenn man sich all dieses Getöse herbeiwünscht und zur großen urbanen Komposition adelt, zur Großstadt-Symphonie? Kann man den fliegenden Rackern ihr krächziges Sosein dann noch übel nehmen?

Und wann hat man schon mal Kino und Konzert in einem? Was als „Top Gun“ beginnt, endet oft mit einer „Star-Wars“-Assoziation. Wenn sich nämlich größere schwarze Vögel den Baumkronen nähern, werden die kleinen flinken Gesellen aufgeschreckt und zischen in Lichtgeschwindigkeit auseinander. Kneift man da die Augen ein bisschen zusammen, kann man die schwarzen Vögel leicht für die gefiederte Inkarnation von Darth Vader halten. Der mächtige Weltraumherrscher auf der Jagd nach den Rebellen, die angeführt werden vom wackeren Luke Skywalker. Ja, so muss es sein. Es ist ein großes Casting fürs Remake der ersten „Star-Wars“-Folge, und all die Sittiche bewerben sich für die Rolle des Luke Skywalker, der wie kein anderer seinen Mini-Jet durch enge Schluchten steuern und dem Bösen entkommen kann.

Doch so muss es sein. Ich wünsche den Sittichen viel Erfolg und viel Kraft dabei. Möge die Macht mit ihnen sein.

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