Wenn Kinder den Tod mit Comics verdrängen

Wenn Kinder den Tod mit Comics verdrängen

Dem Stück „Die größte Gemeinheit der Welt“ von Dirk Laucke gelingt es nicht, die richtigen Antworten zu finden.

Superman, Supergirl, Captain Resistance. Comic überall im Jungen Schauspielhaus. Auf der Bühne: Eine raumhohe Tafel, an der die berühmten Comicfiguren wie Reliefs herauswachsen oder aus einer Türe heraustreten. Das alles soll dazu dienen, Kinder ab acht Jahren mit dem Thema Tod zu konfrontieren. Wenn es den Jüngsten zu ernst wird, flüchten sie sich in eine Comic-Welt. Das dachte sich vermutlich Dirk Laucke, der, selbst Vater eines 10-jährigen Sohns, zu diesem Sujet das Stück „Die größte Gemeinheit der Welt“ schrieb. Es wurde bei seiner Uraufführung an der Münsterstraße, genauso wie der angereiste Schriftsteller gefeiert.

Der 35-jährige Laucke wurde bekannt durch „Alter Ford Escort Dunkelblau“. Ob sein erstes Kinderstück genauso viele Preise erhält, bleibt zumindest abzuwarten. Auf den ersten Blick anrührend ist jedenfalls die Story des Mädchens Tilla (frech forsch und dreist gespielt von Alessa Kordeck) und ihrer Schwester Mimi (schüchtern, aber dann zur Nervensäge mutierend: Maelle Giovanetti). Ihr Bruder ist vor einiger Zeit bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Doch der Vater (Bernhard Schmitt-Hackenberg in zahlreichen Rollen) will seine Kinder nicht belasten und verbietet ihnen, über den Tod des Bruders zu sprechen. Eine Konstellation, die zu allerlei kritischen Zuspitzungen führt, zumal die Mutter (kaltschnäuzig: Maria Perlick) kaum Zeit für die Mädchen hat. Sie ist ständig auf Achse, das Smartphone immer parat, um ihre Geschäfte zu tätigen. Und stets mit ihrem Mann im Clinch. Doch die Flucht der leicht rebellischen Tochter Tilla ins Reich von Fantasy und Comic nimmt überhand. Laucke, so spürt man, will seinen jugendlichen Zuschauern nicht die ernste Auseinandersetzung zumuten, kleistert sie mit Comic-Helden zu und dehnt so das Stück künstlich in die Länge. Schade.

„Ächz!“ „Bumm!“ „Krach!“ „Schepper!“ Laut und grell, so wie es sich für Comicstrips auf der Leinwand gehört(e), bringt Christof Seeger-Zurmühlen das Stück auf die Bretter. Packt die Figuren Tilla und ihren Freund Fonso (Jonathan Gyles) in die berühmten Man-of-Steel-Kostüme mit geformten Brustmuskeln, wattierten Oberarmen und Musterdruck auf dem Anzug. Dazu rote Stiefelüberzieher und roter Superman-Umhang. Alles, was Superheld(inn)en — und solche, die in die Comicwelt fliehen wollen — so benötigen.

Die Geschichte über das Mädchen Tilla, über die die größte Gemeinheit der Welt hereinbricht, breitet und wälzt er aus. Die maßvoll komischen Dialoge über das Leben in einer knallbunten Comicwelt wirken aufgesetzt und ziehen sich hin — in zwei sehr langen Stunden.

Freilich: Wenn der Tod erstmals ein Kinderleben streift, ist sicherlich Vorsicht geboten. Doch reicht es aus, Superman mit fliegendem Umhang umherschwirren zu lassen und mit einer knatternden Geräuschkulisse eine knallige, um Witz bemühte Show auf die Bühne zu bringen? Gut gedacht ist nicht immer gut gemacht. Dennoch: Nach der Pause nimmt das Stück ein paar Stundenkilometer an Fahrt auf. Während Tilla und ihr Freund Fonso sich auf der Superman-Convention amüsieren, macht sich die kleine Mimi auf die Suche nach „Totenhausen“ — will den Ort finden, an dem jetzt ihr Brüderchen wohnt. Unerwartet kommt die finale Wendung und Versöhnung der Familie — herbeigeführt durch einen Pizzaboten.

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