Wenn der Zeichenstift zur Waffe wird

Wenn der Zeichenstift zur Waffe wird

Mana Neyestani zählt zu den prominentesten politischen Karikaturisten im Iran. Nun zeigt die Lyan-Art-Galerie in Unterbilk seine Werke.

Düsseldorf. Mana Neyestani gehört zu den wichtigsten politischen Karikaturisten im Iran. Paradox, denn Neyestani versteht sich gar nicht als reinen politischen Menschen. Er liebt Kino, Literatur, Malerei und Comics. Doch da die iranischen Machthaber alle Lebensbereiche kontrollieren, erweist sich jede Abweichung vom konservativ-islamischen Gesetz als politisch. „Wer in Iran denkt, er habe ein Privatleben oder ein Recht auf Freiheit, gilt schon als Oppositioneller“, sagte Neyestani einmal in einem Interview. Die Islamische Republik wird gelenkt von Ali Chamenei, dem höchsten Vertreter des Klerus. Sein Wort ist Gesetz, Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten gehören kaum dazu.

Doch für diese demokratischen Werte kämpft der 1973 in Teheran geborene Neyestani. Mit dem Zeichenstift als Waffe. Die Lyan-Art-Galerie zeigt nun mehr als 80 Karikaturen des Künstlers, davon 57 Reproduktionen und 28 Originale. Die meisten Zeichnungen stammen aus den vergangenen Jahren. Mit originellen Bildwitzen prangert Neyestani die Missstände in seinem Heimatland an. Allerdings nicht in grellem, überspitzten Stil, sondern sachlich und detailreich. Genau dieser Kontrast von Inhalt und Form macht Neyestanis Bilder reizvoll.

Ein Thema ist die Diskriminierung der Frau in allen Gesellschaftsbereichen. Eine Karikatur zeigt Fahnen schwenkende, männliche Fußballfans auf einer Stadiontribüne. Hinter ihnen hockt eine Dame mit Fahne und Kopftuch, eingezäunt, mit versperrtem Blick auf das Spielgeschehen. Ein Kommentar zum Stadionverbot, das für Frauen seit 37 Jahren gilt. Nach Ansicht des Mullah-Regimes haben sie in der Gesellschaft jubelnder männlicher Fans nichts verloren.

Seit der diesjährigen WM wurden Frauen aber immerhin das erste Mal zum Public Viewing zugelassen, was dem Mut wackerer Vorreiterinnen zu verdanken ist. Normalerweise toleriert die Regierung keine aufmüpfigen Frauen, sondern weist sie gewaltsam in ihre Schranken.

So stellt eine Zeichnung dar, wie vermummte Regime-Schergen die Mona Lisa von Da Vinci — als Symbol für den Humanismus der Renaissance — nachts auf der Straße mit Knüppeln überfallen und in einen Wagen verfrachten. Im Iran gehört es zum Alltag, dass „unangepasste“ Frauen über Nacht verhaftet werden, wenn sie sich an westlicher Kultur orientieren und etwa die strikte Kopftuchpflicht ablehnen. Aber auch rebellierende Künstler unterdrückt der oberste Religionsführer. Neyestanis gezeichnete Antwort: Ein Polizist hat einen Musiker an den Stuhl gefesselt und geknebelt und spielt dessen Geige. Nur regimetreue Kunst ist erlaubt, weil sie die Macht der Herrschenden sichert, so glaubt man. Auch diese Zementierung der Macht um jeden Preis karikiert Neyestani: Ein Herrscher hat seinen Stuhl mit einem Eisengerüst im Boden verankert und dreht die Muttern mit einem Schraubenschlüssel noch fester zu, währen das Land vor seinem Schreibtisch in Schutt und Asche liegt. Eine Anspielung auf die Bruderhilfe, die Teheran dem syrischen Assad-Regime leistet, um damit seinen politischen und ökonomischen Einfluss im Nahen Osten zu sichern.

Doch obwohl der Iran zu den ölreichsten Ländern der Erde zählt, profitiert davon nur eine kleine intellektuelle Elite. Ein großer Teil der iranischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Neyestani setzt die Arm-Reich-Schere drastisch ins Bild: Eine Ärztin führt bei einer armen schwangeren Frau eine Ultraschall-Untersuchung durch. Auf dem Computerbildschirm sieht man, wie das Baby bereits im Mutterleib bettelt. Es ist ein beklemmendes, düsteres und trauriges Bild, das Neyestani vom Gottesstaat am Persischen Golf präsentiert. Keine Karikatur, bei der das Lachen nicht im Halse stecken bleibt.

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